Ein aufrichtiges Buch
Er habe sein Buch fertig, schrieb der 1911 geborene Max Frisch am 13. November 1974 seinem Kollegen Uwe Johnson. Ich bin froh, fügte er hinzu, dass ich es geschrieben habe; vorerst ohne an Veröffentlichung zu denken. Wenn Marianne das Manuskript gelesen hat, möchte ich es Ihnen gerne unterbreiten.
Johnson (19341984) war ein guter Freund des Ehepaars Frisch, und er hatte sich zuvor schon als gewissenhafter Manuskript-Leser, ja regelrechter Lektor bewährt (so war Frischs 1972 publiziertes Tagebuch 19661971 von ihm sorgfältig begutachtet und mit ausführlichen Änderungsvorschlägen bedacht worden). Marianne Frisch, Jahrgang 1939, hatte 1962 den damals schon international bekannten Schweizer Schriftsteller als Studentin in Rom kennen gelernt und war seit Ende 1968 mit ihm verheiratet. Sie taucht in dem neuen autobiografischen Prosawerk als Figur unverschlüsselt auf, in dem von gegenseitigem Ehebruch die Rede ist. Daher die Sorge ihres Mannes, sie könnte einer Veröffentlichung des Textes widersprechen und an der Publikation war Frisch ganz offenbar gelegen, wenn er schon gleich bei der ersten Erwähnung der gerade abgeschlossenen Arbeit in dem Brief an Johnson von einem Buch sprach.
So galt der erste Gedanke des Lesers Johnson denn auch der Ehefrau: Sie hatte sich Rat und eine Einschätzung des Manuskripts von ihm, dem gemeinsamen Freund, gewünscht. Der Brief an Marianne Frisch vom 13. Januar 1975, den Johnson auch dem Autor in Kopie schickte, war ein Meisterstück an Diplomatie und fachlicher Kompetenz, zugleich ein klares Plädoyer für den Text und dessen Publikation. Ein Stück Gegenwart erhält durch Erinnerung Vergangenheit, schwärmte Johnson. Der Gestus sei der der Fiktion; ein Leser, der den Autor nicht kenne, werde womöglich bis zum Ende glauben, eine fingierende Erzählung gelesen zu haben. Johnson zeigte sich begeistert angesichts der Leistung, aus dem eigenen Leben mit Mitteln der Literatur ein Kunstwerk herzustellen. Und er machte unmissverständlich klar, auf welcher Seite er in einem etwaigen Konfliktfall stehen würde. Es müsste ihm in seiner Eigenschaft als Autor schwer fallen, hinzunehmen, daß einem Verfasser vorgeschrieben würde, welche seiner Erfahrungen er veröffentlichen darf und welche er unterdrücken muß.
Max Frisch dankte umgehend, zeigte sich zur Veröffent¬lichung des Textes entschlossen, den er noch weiter ausarbeiten und erweitern wollte. Marianne Frisch machte in ihrer Antwort an Johnson deutlich, nie daran gedacht zu haben, Max vor der Veröffentlichung des Manuskripts auch nur drei Silben abzuhandeln. Sie erklärte aber auch, sich selbst durch den Text in eine Vergangenheit gerückt zu sehen, in der ich mich zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt, an der Seite von Max lebend, nicht wohl fühle (die Ehe wurde vier Jahre später, 1979, geschieden). Im März 1975 schickte Frisch eine neue Version an Johnson und schrieb dazu: Es hat sich gezeigt: viel mehr Memoiren sind auf dem fragilen Wochenende nicht zu verstauen, und ich merke, daß ich froh drum bin; nicht aus Faulheit (schließlich ist der Platz an der Schreibmaschine mein Refugium), sondern weil ich andere Gesellschaft brauche als die der Erynnien, der artigen. Das Buch mit dem schlichten Titel Montauk erschien noch im Herbst desselben Jahres, und Frisch konnte mit dem Erfolg bei der Kritik zufrieden sein als sein intimstes und zartestes, sein bescheidenstes und gleichwohl kühnstes, sein einfachstes und vielleicht eben deshalb sein originellstes Buch rühmte es zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki.
Montauk: das Städtchen liegt ganz am Ende der langen Halbinsel Long Island. Zu verfehlen ist der Ort kaum: Von New York aus fährt man zunächst auf dem Long Island Expressway bis zum Exit 70, dann die Route 27, den Sunrise Highway, immer geradeaus, auf einer großen vierspurigen Straße, die sich von einer Autobahn nur darin unterscheidet, daß gelegentlich Kreuzungen mit Ampelanlagen zum Halten zwingen. Die Indianer sind zuerst da gewesen: die Montauketts, nach denen der Ort seinen Namen hat. Schon vor mehr als 4000 Jahren sollen sie dort gelebt haben, ganz genau weiß das keiner. Es muss ein freundlicher Stamm gewesen sein, der den ersten weißen Mann, einen Holländer, gewähren ließ, der 1614 seinen Fuß an Land setzte. Erst Mitte des folgenden Jahrhunderts wurde hier ein Haus gebaut. Heute gehört Montauk zu East Hampton, einem jener schönen, etwas mondänen Orte längs des Weges, in denen viele Reiselustige aus New York schon hängen bleiben. Montauk als Stadt lohnt auch kaum den Besuch: eine amerikanische Kleinstadt wie viele andere, gut dreitausend Einwohner. In der Erzählung spielt der Ort eigentlich keine besondere Rolle. Ein zufälliger Ort: eine Empfehlung der jungen Frau, die den Autor im Auftrag seines amerikanischen Verlags während des Amerika¬besuchs zu begleiten hatte, und sein Vorschlag, dort mit ihm sein letztes Wochenende zu verbringen, am 11./12. Mai 1974. Da waren sie schon ein Paar.
Eine Liebesgeschichte? Er ist noch immer überrascht, daß er diesen Körper kennt. Er hat es nicht erwartet. Wenn Lynn nicht ab und zu ein Zeichen geben würde, daß auch sie sich an die Nacht erinnert, seine Hände würden nicht wagen, ihren Kopf zu fassen. Die Geschichte eines Paares, das davon ausgeht, dass seine Begegnung befristet ist (später werden sie sich wiedersehen für längere Zeit, aber das steht nicht mehr in dieser Erzählung): Die beiden haben beruflich miteinander zu tun gehabt, sie haben eine Nacht zusammen verbracht, ein älterer Herr am 11.Mai 1974 sind es noch vier Tage bis zu seinem 63.Geburtstag und eine junge Frau von 31. Wer die beiden sähe, würde nicht ohne weiteres wissen, was von ihnen zu halten ist: Tochter und Vater oder ein Paar?
Der Gedanke, einfach die Wirklichkeit festzuhalten, die Wirklichkeit eines Wochenendes, kam Frisch schon auf Long Island: 12.5.1974: das Morgenmeer perlmuttergrau unter tiefem Gewölk, die Brandung flau, keine Sonne. Es ist besser, die Schuhe auszuziehen und barfuß im Sand zu gehen, die Schuhe in den Händen. [
] Er fühlt sich wohl. Er stapft. Kurz nachdem er beinah gestolpert ist, weiß er, was er, die beiden Schuhe in den beiden Händen, gedacht hat: Ich möchte dieses Wochenende beschreiben können, ohne etwas zu erfinden, diese dünne Gegenwart. Und: Ich möchte wissen, was ich, schreibend unter Kunstzwang, erfahre über mein Leben als Mann.
Jedes Erlebnis bleibt im Grunde unsäglich, hatte Frisch 1949 in seinem Tagebuch 19461949 notiert, solange wir hoffen, es ausdrücken zu können mit dem wirklichen Beispiel, das uns betroffen hat. Ausdrücken kann mich nur das Beispiel, das mir so ferne ist wie dem Zuhörer: nämlich das erfundene. Daran hat er sich lange gehalten: Die Romane und Theaterstücke geben wenig über die Person des Autors preis, selbst die beiden Tagebücher, 1950 und 1972 erschienen, sind keine intimen Journale. Alles könne man erzählen, ließ Frisch den Helden seines Romans Stiller (1954) sagen, nur nicht sein wirkliches Leben. Diesmal wollte er es wissen. Trotzig setzte er Montauk das Montaigne-Wort voran: Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser.
Die Prosa ist autobiografisch und dennoch keine reine Ich-Geschichte. Vielmehr treibt der Erzähler mit Er und Ich ein verzwicktes Spiel, schwankt zwischen der ersten und dritten Person, bisweilen in ein und demselben Satz. Er und Lynn, wie die Geliebte im Buch heißt, am Strand: Dann wieder kommt es vor, daß sie plötzlich nicht wissen, was reden dieses Beisammensein tagsüber: nicht langweilig, nur sehe ich dann beide von außen: sie werden einander nicht kennenlernen
Das ist mehr als ein formales Spiel: Die eigene Person wird zum Gegenstand der Betrachtung; sie ist kaum vertrauter als eine fremde oder erfundene Figur und sie wird, egal ob in dritter oder erster Person, schließlich zu einer Art Fiktion. Das ist das Bestechende an Montauk: Wie einer über sich und von sich erzählt, ohne die Gewissheit zu verbreiten: So bin ich, so war ich, seht her mein Leben! Und das Verwunderliche: Je mehr er über sich verrät, dieser Max Frisch, desto mehr wird er auch sich selber zu einer Romanfigur.
Das Erzählen in Montauk ist sprunghaft; es ist nicht leicht, sich einzulesen. Das Wochenende von Montauk, diese dünne Gegenwart, ist nur der Rahmen für ganz andere Geschichten: der Liebe, des Abschieds, der Irrtümer, der Vergeblichkeiten. Die Erzählung lässt sich, je nach Kenntnis des Lebens von Max Frisch, unterschiedlich ausforschen. Vieles ist nur angedeutet, kaum ausgesprochen: Namen, Orte, Jahreszahlen, die nicht jedermann verständlich sein mögen. Das tut aber der Verständlichkeit der Geschichte insgesamt keinen Abbruch: Die Daten könnten genauso gut Erfindungen sein (wie schon Johnson feststellte). Wer Frisch kennt, kann bestätigen: Es sind Bruchstücke aus seinem Leben.
Es ist eine Art Interview mit sich selbst egal ob die Fragen nun von Lynn oder einem Zeitungsreporter stammen, ob es sich um Zitate oder Straßennamen handelt. Es sind Stichworte und -wörter zu einer Selbstbefragung. Money: Was bedeutet ihm Geld? (Skurrile Begebenheiten: Einmal steht er in Zürich vor einer Bank und hat das Gefühl, vor Jahrzehnten in dieser Filiale ein Sparkonto angelegt zu haben; und er hat Recht.) Was ist Berühmtheit, was Rang? (Bei Leuten von Rang besteht die Erwartung von Rang nicht blindlings, aber unabhängig von Erfolg oder Nichterfolg; sie selbst setzen die Maßstäbe.) Freundschaften: Die Geschichte über den Jugendfreund W. ist die längste Episode innerhalb der Erzählung und eine der bestechendsten. Montauk ist ein fein verzweigtes Geflecht, eine sorgsame Komposition. Das Prinzip dieser Komposition: der freie Fluss der Assoziationen, der Erinnerung Bahn frei den Erynnien. Doch kein innerer Monolog, kein künstlich nachgeahmter Bewusstseinsstrom, sondern ein Puzzle aus wohl formulierten Bekenntnissen und Erinnerungen.
Da sitzt einer am Strand, am Ende der Welt, mit einer Frau, die er nicht besonders gut kennt, er spricht mit ihr. Es kommen einfache Fragen, man spricht in einer Sprache, die der Mann zwar weitgehend beherrscht, aber die ihm doch ein ganz anderes, einerseits eingeschränktes, andererseits freieres Reden erlaubt als die Muttersprache. Manchmal antwortet er, bisweilen gibt er sich selbst stille Antworten, hin und wieder weiß er keine. Fragen von Lynn: Max, are you jealous? Sie, die seine Bücher nicht kennt, fordert ihn heraus. Er habe reichlich über Eifersucht geschrieben, ist seine Antwort; offen bleibt, ob sie auch ausgesprochen wird. Schon deswegen hat er sich in den letzten Jahren jede Eifersucht versagt. Es wäre keine neue Erfahrung für ihn, wenn er wieder in Eifersucht verfiele; es fiele ihm als Schriftsteller dazu nichts ein, nichts Neues. Es ödet ihn an, was er schon beschrieben hat, die Geschichte mit dem fleischfarbenen Kleiderstoff in Venedig etc. Der Frisch-Leser weiß: eine Episode aus dem Roman Stiller.
Ich probiere Geschichten an wie Kleider, heißt ein Stichwort, ein Selbstzitat aus dem Roman Mein Name sei Gantenbein (1964).
Fast versteckt ist die zentrale Offenbarung, auch wenn sich bald erweist, dass fast alle Episoden einen geheimen Bezug zu dieser einen Geschichte haben, alles kreist im Grunde um jenes Ereignis, das in der Mitte des Buches wie nebenbei berichtet wird: eine Untreue der Ehefrau. Während eines Pingpong-Spiels mit Lynn, scheinbar leichthin, erinnert sich der Erzähler daran, wie er erfuhr, dass seine fast dreißig Jahre jüngere Frau ein Verhältnis mit einem anderen Schriftsteller gehabt hat: Keine Beichte; ein Gespräch über die Selbstverwirklichung der Frau. Sie sagt es beiläufig. Er fällt nicht vom Roß wie der Reiter am Bodensee, sondern geht an die Arbeit; Korrespondenzen beruflicher Art. Eine natürliche Geschichte. Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Sie hat ein volles Jahr gedauert; eine große Liebe; sie hätten miteinander leben mögen
Jetzt gilt's: Lynn hat den blauen Schläger in die Hand genommen, sie spielen weiter. Was soll man hier anderes tun. Es ist noch nicht zehn Uhr abends. Die Brandung unter Scheinwerfern. Morgen wird's regnen. Diese Offenbarung, die über Seiten geht, ist ein glanzvolles Stück Prosa, das in dieser Kunstfertigkeit nur ein Schriftsteller fertig bringt, der sich seiner Mittel völlig sicher ist. Wenn man das Buch liest, mehrmals liest, stellt man jedes Mal verblüfft fest, wie genau selbst die kleinsten, scheinbar nebensächlichen Beobachtungen zu der zentralen Geschichte gehören: Der Erzähler ist getroffen von dem, was man heutzutage kaum noch Ehebruch zu nennen wagt. Er lehnt sich zurück, schaut in die Wellen, eine Atempause, weit weg von allem, von Europa durch den Atlantik getrennt; ihm geht vieles durch den Kopf.
Da ist der liebevoll und dezent erzählte Bericht über die jahrelange Beziehung zur Dichterin Ingeborg Bachmann. Da ist die Erinnerung an die erste Ehe des damaligen Architekten, der glaubte, die Schriftstellerei endlich abgeschüttelt zu haben: Frisch als Familienvater mit drei Kindern. Zwei Mal bin ich bei einer Geburt dabei gewesen; meine Frau hat es gewünscht. Darüber habe ich nie geschrieben. Meine Frau hat gewünscht, daß nicht darüber geschrieben werde. Auch habe ich nie davon gesprochen, glaube ich. Ich sehe es nur. Es ist lang her. Da ist die zweite Ehe, die zur Zeit der Erzählung noch besteht. Da sind die anderen Frauen, denen er begegnet ist: Manchmal meine ich sie zu verstehen, die Frauen, und im Anfang gefällt ihnen meine Erfindung, mein Entwurf zu ihrem Wesen; zumindest verwundert es sie, wenn ich in ihnen sehe, was meine Vorgänger nicht gesehen haben
Ein Buch von verschwenderischer Fülle; ein anderer als Max Frisch hätte daraus einen umfangreichen Roman gemacht oder ausgiebige Memoiren. Doch gerade so, bruchstückhaft, andeutend und skizzierend, fragend und einkreisend, ist Montauk ein Schlüsselwerk der Epoche geworden: ein moderner Liebesroman. Frisch wollte nicht mehr die ausführliche Fiktion, die Verkleidungen in Geschichten das hatte er gehabt: in den Romanen, die unausgesprochen präsent sind in der kleinen Erzählung, als Grundlage, über die nicht mehr viele Worte verloren werden müssen. Dieses Mal wollte er die Verknappung, die Aussparung (wie dann auch in den beiden Erzählungen danach: Der Mensch erscheint im Holozän und Blaubart, 1979 und 1982 erschienen). Es ist ihm meisterhaft gelungen. Montauk war ursprünglich als Abschluss des Werkes geplant, wie er mir 1982 in einem Gespräch erzählte: Ich dachte, das sei das letzte Buch. Ich wollte alles noch einmal überschauen. Tatsächlich hat Max Frisch bis zu seinem Tod am 4. April 1991 in Zürich nur noch wenig geschrieben.
Nachwort von Volker Hage zu Montauk. SPIEGEL-Edition Band 18
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.