Treten Sie ein ins Reich des Bösen -' ein Blick hinter die Fassade von SoziopathInnen, SerienmörderInnen und jenen, die 'immer unauffällig' waren
Monster, das
Furchterregendes, hässliches Fabelwesen, Ungeheuer von fantastischer, meist riesenhafter Gestalt.
Was so mystisch anmutet und uns in Form von erfundenen Geschichten so magisch in seinen Bann zu ziehen vermag, büßt in menschlicher Gestalt ' ehrlich gesagt ' zwar nichts an schauriger Faszination ein, lässt uns jedoch das Blut in den Adern gefrieren, wenn wir in der Realität (und sei es nur aus sicherer Entfernung) damit konfrontiert werden. Der Fall Cain, Schloss Wilhelminenberg, Eislady Estibaliz C., Josef Fritzl, der Fall Natascha Kampusch. Es kann jede/n von uns treffen. Und jede/r von uns begegnet im Laufe seines/ihres Lebens einem Soziopathen, so Beate Handler. Dennoch wäre es übertrieben, ab sofort nicht mehr das Haus zu verlassen und selbst dem Briefträger zu misstrauen. Die Empfehlung der Autorin lautet klar: wachsam sein, Augen aufmachen, hinsehen. Aus Selbstschutz und auch (und besonders), wenn andere Personen vor unseren Augen und Ohren zum Opfer werden. Das gilt auch für NachbarInnen.
Die 'mörderische Triade' ' der gemeinsame Nenner von SoziopathInnen
Woran kann ich also einen Soziopathen erkennen, um mich zu schützen? Nun ja, er ist mittelgroß, breitschultrig, dunkelhaarig, lächelt nicht, lungert in dunklen Gassen und hat einen stechenden Blick ... natürlich nicht! Es ist hochgradig unseriös zu behaupten, jemand sehe bereits wie ein Mörder aus. Denn niemandem steht ins Gesicht geschrieben, welche Taten er bereits begangen hat oder zu verüben imstande ist. Auch das sogenannte Mörderchromosom ist ein Mythos.
Als verlässlicheren Anhaltspunkt hingegen nennt Beate Handler den gemeinsamen Nenner der meisten SoziopathInnen ' die 'mörderische Triade', wie sie im Fachjargon tituliert wird: Brandstiftung, Tierquälerei, Bettnässen (wobei letzteres Merkmal in der Psychologie mittlerweile als äußerst umstritten gilt). Zahlreiche Studien über die Biografien von GewalttäterInnen belegen, dass Tierequälen bereits im zarten Kindesalter diesen auf die erste Stufe ihrer kriminellen 'Karriereleiter' verholfen hat.
Vom Opfer stets zum Täter? Das perfekte Opferlamm am Beispiel von Susanne Hecht
Die Kindheit der im Buch beschriebenen SerientäterInnen wie Jeffrey Dahmer, Matthew Sutherland oder Aileen Wuornos (im oscargekrönten Film 'Monster' dargestellt von Charlize Theron) war alles andere als ein Zuckerschlecken, da geprägt von emotionaler Kälte vonseiten der Bezugspersonen, von Vergewaltigung und Missbrauch. Die Autorin warnt allerdings vor dem Umkehrschluss: Nicht automatisch wird jedes misshandelte Kind später zum Gewalttäter. Den meisten gelingt es, aufgrund glücklicher Umstände und guter Ressourcen das Ruder rechtzeitig herumzureißen. Zurechnungsfähige VerbrecherInnen haben nämlich die Wahl, Gewalt auszuüben oder Abstand davon zu nehmen.
Als Beispiel für eine Weichenstellung in eine ungünstige Richtung nennt Handler die auf Unterordnung gedrillte Susanne Hecht, die, als Jugendliche geschwängert, den Kindesvater, der sie eigentlich ablehnt, zur Eheschließung nötigt. Hecht versucht das Herz ihres Angetrauten mit ihrer Fügsamkeit doch noch zu gewinnen. Indem sie sich ihm unterordnet und sich sexuell anbietet, hofft sie, ihm doch noch ein bisschen emotionale Wärme zu entlocken. So wird Hecht zum perfekten Opferlamm, das sich alles vom Ehemann bieten lässt. Nach dem dritten Kind verbietet Georg Hecht seiner Frau jede weitere Schwangerschaft. Doch Susanne hat scheinbar nicht genug. Sie entbindet neun weitere Kinder und tötet sie allesamt heimlich nach der Geburt.
Handler bekommt in ihrer psychotherapeutischen Praxis unzählige Geschichten von den Opfern direkt zu hören. Sie erzählen Dinge, die ebenso unvorstellbar wie grauenhaft sind und die sie am eigenen Leib schmerzvoll erfahren mussten. Dennoch sind aus all jenen Personen keine GewaltverbrecherInnen geworden. Das gibt Grund zur Hoffnung.
Beate Handler widmet dieses Buch all jenen, denen von anderen Leid zugefügt wurde. Ihre Intention bestand nicht darin, die Abgründe der menschlichen Seele sensationslüstern aufzubereiten, sondern Fakten möglichst nüchtern, jedoch psychologisch fundiert und mit der gebotenen Pietät den Opfern gegenüber zu beleuchten. Das vorliegende Werk erhebt den Anspruch, keinesfalls Angst und Paranoia gegenüber den Mitmenschen schüren zu wollen, vielmehr dazu zu ermuntern, die rosarote Brille abzunehmen und dem vorhandenen Grau(en) in der Realität mit Achtsamkeit und Zivilcourage ins Auge zu blicken. Denn auch wer den Kopf in den Sand steckt, ist nicht davor gefeit, einen Tritt in den Hintern zu bekommen, so die Autorin mit einem Augenzwinkern.
Fazit: Wie Handler über das Böse schreibt, ist einfach wahnsinnig gut.