Ich habe mir dieses Buch gekauft, um etwas über das Schicksal missbrauchter Jungen zu erfahren, vor allem über die Folgen des Missbrauchs. - Denn die Selbsthilfebücher für Opfer/Überlebende, die ich bisher gesehen habe richteten sich alle an missbrauchte Frauen und Mädchen, und es geht meist hauptsächlich um männliche Täter. Zwar kann man auch als männliche Person mit diesen arbeiten, aber da es ja vielleicht doch Unterschiede gibt, interessierte ich mich für einen männlichen Standpunkt.
Erst in zweiter Linie interessierten mich die Zusammenhänge zwischen der in der Kindheit erlebter Opferrolle und der späterer Täterschaft mancher Betroffener. Mit dieser Erwartungshaltung machte ich mich ans Lesen:
Schon in der Einleitung bekommt man neben einer kommentarlos abgedruckten Selbstrechtfertigung einer pädophilen Frau und Anschuldigungen gegen "Missbrauchsjägerinnen" die den Kindern angeblich nie stattgefundenen Mißbrauch einredeten, Sätze wie diesen zu lesen: "Wenn Frauen das strukturell vorgegebene Machtverhältnis zu Kindern zu Kindern gewaltförmig ausnutzen und sexualisieren, gibt es dann noch eine Begründung und Legitimierung für den Feminismus? Haben sie das Recht, Männer wegen der von ihnen verübten Gewalttaten anzuklagen, wenn ihr eigenes Geschlecht Macht und Gewalt ausübt, indem es (eigene) Kinder misshandelt und/oder sexuell missbraucht?"
Hier wird eine Tendenz klar, die sich später immer wieder zeigt: Es geht dem Autor anscheinend nicht um das individuelle Opfer (und den individuellen Täter bzw. die individuelle Täterin), sondern um den Kampf zwischen den Geschlechtern. - Wieso sollten durch die Missetaten mancher Frauen denn alle Frauen - auch die, die keine Kinder missbrauchen - das Recht verwirken sich für ihre Interessen zu engagieren, oder gar das Recht (und die Pflicht) verlieren männliche Gewalttäter anzuklagen? - Schließlich gibt es keine Kollektivschuld des einen Geschlechts, oder des anderen.
So sehr einem als friedfertiger und sensibler Mann jene häufigen Kampagnen auf die Seele schlagen, die einseitig die Männergewalt gegen Frauen und Mädchen thematisieren, während man andererseits im Freundeskreis auf von Ihren Partnerinnen geschlagene und von ihren Müttern schwer traumatisierte Männer trifft, so sehr man selbst als Kind und Jugendlicher unter der vulgärfeministischen Einordnung jedes Jungen als "potentieller Täter", seines Penis als "potentielle Tatwaffe" gelitten hat während gleichzeiting das eigene Leid und die eigene Überforderung durch die mütterlichen Übergriffe übersehen oder bagatellisiert wurde, so wenig kann ich mich in Homes' antifeministischen und geschlechterkämpferischen Positionen wiederfinden.
Der Autor fährt fort indem er zahlreiche Kriminalstatistiken zitiert, wobei jedoch nicht klar wird auf welche Grundgesamtheit sich die Zahlen jeweils beziehen. Um mehr Licht ins Dunkel zu bringen breche ich die sequentielle Lektüre bei Seite 20 ab, und wende mich dem sechsten Abschnitt "Sexueller Missbrauch in Zahlen", und dort dem Kapitel 6.4 "Horror-Zahlen? - Feministisches Zahlenspiel wider besseres Wissen" zu: Hier wird (wohl richtig) dargestellt, wie manche feministischen Autorinnen die Missbrauchszahlen in ihren Publikationen weit übertrieben haben, und die These in den Raum gestellt, dass die behaupteten Zahlen vielleicht dann "real" würden, wenn man die vergessenen männlichen Opfer des Kindesmissbrauchs hinzuzählt.
Soweit, so gut. Der Autor zitiert hier jedoch zum Beleg seiner These einer übertriebenen Angstmacherei mit dem Missbrauch einen Artikel, der die Situation seiner Meinung nach "auf dem Punkt" bringt: "Jacobi, P. (1973): Sexualpädagogische Bürgerhetze. Liebe mit Kindern. In: betrifft : erziehung, 4/1973, S. 26-27". - Schon der Titel macht stutzig; Und das ausführliche Volltextzitat endet mit: "Nur notdürftig verbirgt sich hier eine massive bürgerhetze gegen sexuelle minderheiten unter dem fadenscheinigen moralischen mäntelchen moderner sexualpädagogik, der unterstützung aller kultusministerien sicher."
Gegen welche sexuelle Minderheit soll hier angeblich gehetzt werden? - Mir kommt ein übler Verdacht. - Mir wird schlecht. Ich kann dieses Buch nicht mehr weiter lesen.
Den Opfern mütterlichen Missbrauchs kann ich von der Lektüre dieses Buches - soweit ich es gelesen habe - nur abraten; Denn es bringt den männlichen Opfern ja auch nichts die eigenen Unterlegenheitsgefühle gegenüber der Mutter nun in einer Art Frontstellung in die Ablehnung aller Frauen und des Feminismus umzumünzen, und am Ende gar noch - auch das klingt für mich an - die "Pädophilie" zu rechtfertigen. - Ebensowenig wie wenn den weiblichen Opfern mütterlichen Missbrauchs suggeriert wird ihre von Männern missbrauchten Geschlechtsgenossinnen hätten kein "Recht, Männer wegen der von ihnen verübten Gewalttaten anzuklagen, wenn ihr eigenes Geschlecht Macht und Gewalt ausübt[...]".
Es kann doch nun wirklich nicht darum gehen ob nun Männer oder Frauen quasi per Definition schuldlos oder schuldig seien! - Eines ist so falsch wie das andere. - Es muss immer um die konkreten Opfer und die konkreten TäterInnen gehen, um die Auswirkungen ihres Tuns. - Egal welchem Geschlecht sie jeweils angehören.
Ich kann nachvollziehen, warum dieses Buch keinen Verlag gefunden hat.