"Sie wollen sich nicht auf die Natur, sondern allein auf den
Geist verlassen, weil der Geist Wunder tut und nicht arbeitet!"
(Gottfried Keller in: Der grüne Heinrich)
Paul Valéry (1871-1945) gehört zu jenen Dichterkollegen, die beginnend mit Baudelaire, Verlaine, Rimbaud und Mallarmé das Bild und die Geschicke der französischen Dichtkunst maßgeblich beeinflusst haben. Der Einfluss, insbesondere der Symbolismus Mallarmés, ging auch in die deutsche Literatur ein, hier über Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und auch Rainer Maria Rilke.
Valéry ist von Hause Lyriker und Philosoph. Seine Werke umfassen Prosa, Essays und Lyrik. Sein mit Monsieur Teste intellektuell beobachtetes und vorgestelltes mögliches Ich, sein prosaisches Selbstbildnis ist eine Beschreibung unterschiedlicher Art. Als Essay beginnend, wechselnd in Briefform bis hin zu Aphorismen bleibt Valery auf höchstem intellektuellem Niveau. Dass Valéry als Dichter bestens sein Metier beherrscht, die Fülle seiner Gedanken komprimiert und doch treffsicher in ein Gedicht zu fassen vermag, ist bekannt und vorausgesetzt. Wie er aber hier auf kleinsten Terrain sich so blendend und doch komprimiert entfaltet, dass es nicht der Menge von Worten bedarf, sondern ausschließlich der nahezu mathematischen Präzision der Zusammensetzung von Worten zu den Aussagen, ist eine wunderbare, wenn nicht einmalige Darstellung.
Valéry begann 1896 seinen Teste als Spiegelbild seiner Selbst und experimentierte in Folgejahren an neuen Einfällen. Es scheint fasst, als wenn Teste - und der Name ist Programm - doch tatsächlich den unkritischen Vorlauf weiterer Möglichkeiten des realen Lebens durchlaufen musste. Nicht umsonst formuliert Valery über Teste, dass dieser schon sehr früh die Wichtigkeit der menschlichen Bildsamkeit erkannte hatte. Und wie sehr hat Valery selbst von seiner Formbarkeit geträumt.
Wie die Existenz so eines Exemplars sich "nicht über die Dauer einiger Viertelstunden hinausdehnen" lässt, so wird klar, dass Teste eine nur denkbare Gestalt hat, die letztendlich von Valéry verliehen wurde. Er ist inspiriert vom Leben als Möglichkeit und eigentlich sogar darüber hinaus, wenn er sagt, dass schon die Alltagssprache Vollkommenheiten erwartet, "die außerhalb ihrer Möglichkeiten sind". So verwundert es nicht, wenn er Teste sagen lässt: "Was ich mir selbst Unbekanntes in mir trage, das macht mich erst aus. [...] Meine Mängel sind meine Ausgangstelle. [...] Ich bin der Akt."
So ist Valérys Werk ein Werk der erhöhten intellektuellen Selbstreflexion, eine Überhöhung des Denkens an sich, letztendlich auch die Erkenntnis eines Fühlens, dass sich die Sinne vom Wirklichen, vom Wesen trennen. Es geht ihm darum, dass Leben von Null nach Null zu sehen, sich selbst auf diesem Wege, dem Kreislauf des Lebens, zu begleiten. In letztendlicher Sehweise erfasst er das Leben nur als Möglichkeit und damit als nahezu unerreichbar. Seine Begegnung mit dem Realen liegt im Eventuellen, verbunden mit dem Wunsch: "zeige, dass du bist, wer du zu sein glaubst." Und dann bleibt die Partie mit dem Leben, mit dem Sein an sich, die nur dort gewonnen wird, wo man sich der eigenen Anerkennung als würdig erachtet. Und dieses unendliche Streben nach dem Höheren liegt doch schon bei Kleist, Hölderlin, Nietzsche so nahe und gebiert Unrast ohne Heimat und letztendlich ist alles Erreichte nur weit entfernt von diesem dämonischen Traum. Reales wird niemals genügen.
Valéry erzeugt mit diesem Essay den Grenzraum zwischen Sterben und Werden. Sein Ich gibt er auf im Bilde der neuen Denkseele, die dadurch vom biologischen Körper entkoppelt wird. Valéry hat seinen inneren Beobachter zu solcher Stärke aufgebaut, dass die eigene Existenz verschwindet im fernliegenden Ausgangspunkts des Seins. Mit Teste begreift er sich als einen variablen Punkt im Spiel der Möglichkeitskurven, wie man bei Sloterdijks "Scheintod im Denken" lesen konnte. Teste hat keine Meinungen, sagt Valery, sein Eifern ist belieben. Letztendlich trifft Valérys Aphorismus aus den Cahiers den Zustand am besten: "Er weiß zu viel, um zu leben." Oder anders: Teste ist reiner Intellekt, dem es nicht um die Selbstverwirklichung geht, er möchte vielmehr wie Robert Musils Ulrich als "Mann ohne Eigenschaften" sich in der intensivsten Möglichkeitsform bewahren.
In dieser Grenzzone im vita contemplativa ist jene platonische Besonnenheit, die nicht nur seit Sloterdijk die Arena des Scheintods heißt, bewegt sich Valéry. Wer einmal scheintot war, lesen wir bei Kafkas "Vom Scheintod", hat im Grunde nur etwas Besonderes erlebt und das nicht besondere, das gewöhnliche Leben ist ihm dadurch wertvoller geworden. Nur dem Entscheidenden der erlebten Grenzüberschreitung fehlen die Worte, es lebt durch Erfahrung und Schweigen.
Ein großes Werk, welches sicher etwas abverlangt.
~~