Es gibt zwei Arten von Erstlingswerken. Erstens, Bücher, bei denen man staunt, dass der Autor nicht schon längst viel bekannter ist - sie wirken "wie aus einem Guss", sind nahezu perfekt in der Ausführung, überraschen durch ihre Originalität und Eleganz. Zweitens jedoch gibt es auch die Erstlinge, denen man ihr "Neusein" anmerkt - alles ist zwar durchaus nett, aber nicht ganz "rund"; man sieht sozusagen noch die "Nähte", an denen die Ideen zusammengefügt wurden. "Monsieur Papon" von Julia Stagg gehört für mich eindeutig in die zweite Kategorie.
Vorab aber zu den guten Seiten! Die Grundidee hat mir gut gefallen, ebenso wie der liebenswerte Witz, der das ganze Buch durchzieht. Zwei Engländer, die - ausgerechnet - in Frankreich ein Restaurant eröffnen wollen, und nun mit viel Gegenwind zu kämpfen haben. Ich habe oft schallend gelacht! Die Autorin hat ein unbestreitbares Händchen für Situationskomik und slapstickartige Konstellationen. Da geht es z. B. um verbrannte Hintern, Chili in Schokoladenkuchen, einen elektrischen Weidezaun, der einem beleibten Mitmenschen zum Verhängnis wird, einen entflohenen Stier, und noch etliches mehr. Mir hat auch gefallen, wie die einzelnen Kapitel aufgebaut sind - Person X tat gerade dies, während Person Y heimlich hier zugange war, und Person Z die Situation vollends komplizierte, weil sie dies und jenes tat. Wirklich stellenweise sehr köstlich!
Aber meine Bedenken möchte ich ebenso wenig verschweigen - oder sagen wir besser, die Dinge, die mir - eher negativ - aufgefallen sind. Da wären zum einen die wirklich erdrückenden (!) Parallelen zu "Chocolat". Es fällt mir sehr schwer zu beurteilen, inwiefern die Autorin sich hier nur inspiriert hat - oder ob sie anspielen oder gar parodieren wollte. Es tauchen einfach unglaublich viele Motive und Anlässe auf, wie sie aus "Chocolat" bekannt sind. Beide Autorinnen sind Engländerinnen, die ihre Geschichte in einem schrulligen Dorf in Frankreich ansiedeln. Es gibt die missliebige Restauration, die eröffnet werden soll. Es gibt die alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter, die plötzlich ins Dorf kommt. Es gibt den intriganten Bürgermeister, der beinahe nichts unversucht lässt. Es gibt dessen geheimnisvolle Ehefrau, von der keiner etwas Genaues weiß, und die im Nachhinein für den Ausgang der Geschichte wichtig wird. Es gibt ein Naturereignis, das mitten in der Handlung auftaucht (Sandsturm hier, Schneesturm dort). Es gibt leicht mystische Elemente. Es gibt Dorfbewohner, die ihre Schrullen haben, aber durch die Ereignisse wieder zueinander finden. Und es gibt den einen, der von Anfang an zu den Außenseitern hält. Aus dieser Liste mag jeder Leser nun seine persönlichen Schlüsse ziehen.
Zweitens glaube ich, dass die Geschichte in der Originalversion wesentlich besser "wirkt" und funktioniert. Die Krux des Buches ist ja, dass viele Situationen und Witze auf dem Zusammenprall zweier Sprachen beruhen - Englisch und Französisch. Und das Buch wurde ursprünglich auf Englisch geschrieben...! Bei einer Übertragung ins Deutsche musste nun zwangsläufig mancher Witz "unelegant" wirken, oder erst umständlich "klar gemacht" werden. Möglicherweise werde ich mich nach der englischen Version umschauen, um diese Frage zu ergründen.
Drittens finde ich, dass das Können der Autorin im Wesentlichen auf kurze (!) Strecken funktioniert - Situationskomik ja, einzelne Witze ja, aber ein ganzer, überzeugender Plot ... jein. Das wird nun entscheidend daran liegen, wie man das Buch auffasst - ob als halbwegs realistische Erzählung, oder als Märchen. Beides wäre möglich. Ich persönlich meine, dass das Buch im ersten Drittel noch ausgewogen "geplottet" ist, und gegen Ende hin häufen sich immer mehr die eigentlich unwahrscheinlichen Ereignisse, um in einem etwas süßlichen Finale zu münden.
Abschließend möchte ich meine "Kritik" ein wenig relativieren. Natürlich kann man das Buch gut lesen! Natürlich kann man sich prächtig amüsieren! Nicht jeder ist schließlich ein so kritischer Geist wie ich. Dennoch denke ich, dass sich die Autorin in weiteren Bänden (so es denn welche gibt) steigern kann und sollte. Bisher vergebe ich vier sehr wohlwollende Sterne - für den reinen Unterhaltungswert, und für die Grundidee.