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mit Sündenbock
Der jüngste Malaussène-Band
zit. Monsieur Malaussène, den jeder nur Benjamin nennt, professioneller Sündenbock in einem matriarchalisch geführten Verlagshaus, Herrchen eines epileptischen Köters, Oberhaupt einer verrückten Grossfamilie, Hauptverdächtiger in rund zwei Dutzend Mordfällen und zweifelgeplagter Vaterschaftsanwärter . . . Über mangelnde Beschäftigung kann sich der Titelheld des letzten Bandes von Daniel Pennacs enorm erfolgreicher Belleville-Tetralogie wahrlich nicht beklagen. Dabei beginnt alles so häuslich-überschaubar, dass man während der ersten 150 Seiten kaum etwas wirklich Schlimmem zu begegnen erwartet. Dann und wann vielleicht ein etwas blutrünstig aufgeputzter Lausbubenstreich, eine recht spektakulär geplatzte Amateurtheateraufführung, ein bisschen Rätselraten um jenen «einen Film», dem alle Kinofans so inbrünstig entgegenfiebern . . . Nichts wirklich Schlimmes, beileibe nicht.
Dann gerät alles aus den Fugen. Der alte Cissou erhängt sich an seinem kokaingespickten Kronleuchter. Der tätowierungssüchtige Psychopath beginnt serienweise reumütige Huren zu enthäuten. Benjamin brütet im Gefängnis seiner Verurteilung auf Lebenszeit entgegen. Und die jungfräuliche Nonne Gervaise wacht eines Morgens schwanger auf. Das Ganze im nordöstlichen Pariser Stadtteil Belleville, wo zwischen Vietnamesen, Schwarzafrikanern und zugewanderten «Weisshäuten» ein buntbewegtes, fast dörflich zu nennendes Beziehungsnetz sich entspinnt. Belleville, Pennacs unerschöpfliches Inspirationsthema: die lokale Geographie, zwischen Boulevard de Belleville und Rue Ménilmontant, kennt er fast ebenso gut wie die mentale, zwischen Gaunergerissenheit und Gemeinschaftssinn.
Charakterzeichnung, ironisch pointiert, ist seit je seine Stärke. Von der kalligraphischen, nur wenige Merkmale erfassenden Strichzeichnung (die Mutter) über ausschnitthafte Medaillons (der Kinonarr Clément, die blauäugige Susanna) bis hin zum komplexen Seelenporträt (faszinierend zweideutig: die bürgerliche Killermuse Marie-Ange) besticht «Monsieur Malaussène» durch eine stattliche Palette stilistisch kunstvoll ausgefeilter Psychogramme. Lebenskundig und realitätsnah werden die Relativität menschlicher Handlungsweisen und die Doppelbödigkeit ihrer Beweggründe freigelegt. Benjamins ständiges Hinundherschwanken steht da emblematisch für die auch bei allen übrigen Charakteren festzustellende vielschichtige Ambivalenz. Selbst der perverse Massenmörder entpuppt sich zuletzt (auch) als feuriger Liebhaber . . .
«Monsieur Malaussène» ist jedoch weit mehr als nur ein zeitgenössisch furioser Krimi-Verschnitt aus literarischen Querverweisen und volkstümlichen Milieuskizzen. Dezidiert verweist ein roter Faden auf die Entstehungszeit des Romans: 1995, das Jahr des Hundert-Jahr-Kino-Jubiläums und der französischen Präsidentenwahl. Fast jeder der zahlreichen Handlungsstränge kreist letztlich um das Thema «Bild und Repräsentation». Nicht nur der Film oder die tätowierten Kunstwerke, die der Psychopath dem Fleisch der Dirnen zu entreissen trachtet: auch Clara, Benjamins Schwester und Photographin der Malaussène-Sippe, Jérémy, charmante Nervensäge und künftiger Starregisseur, die Kinoleute (von der Leiterin des abrissbedrohten letzten Etablissements in Belleville über den löwenmähnigen Produzenten Ronald de Laurentis bis hin zum höhensonnengebräunten «König der lebenden Leichen») ja selbst der unsichtbare Verschwindenskünstler Barnabooth (Verkörperung einer absolut bilderlosen Welt) und die verlogen von ihren Wahlplakaten herablächelnden Politiker (Verkörperung einer absolut Werte-losen Welt), sie alle haben auf die eine oder andere Weise mit dem Thema des (Ab-)Bildes zu tun.
Vielleicht am ergreifendsten (mit Sicherheit aber emblematisch für des Autors eigene Zukunftsängste): der alte Cissou, der sich ein Bild von jeder der Immobilienhaien zum Opfer gefallenen Strassen eintätowieren lässt. Am Schluss ähnelt sein Körper einem Stadtplan. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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