Von Ulrich Offenberg
Man stelle sich vor, das Top-Modell Naomi Campell habe sich bei einem ihrer Wutausbrüche den Falschen ausgesucht, einen, der ordentlich zurück keilt und ihr das makellose Gesicht entstellt. Man stelle sich weiter vor, dass die Campell daraufhin der glitzernden, funkelnden Modewelt entsagt und, einer inneren Stimme folgend, mit reichlich Übergepäck in die ferne Mongolei reist. Wie sie dann wutschnaubend am Flughafen von Ulan Baator steht und vergeblich nach einem Taxi winkt. Denn die Mongolen machen einen weiten Bogen um diese fremdartige Frau, der die Geister offenkundig nicht wohl gesonnen sind.
Doch jetzt zeigt das Top-Modell eisernen Willen und Charakter. Sie engagiert einen Straßenjungen und macht sich - allen Widrigkeiten zum Trotz - auf, die endlosen Steppen der Mongolei und die Wüste Gobi zu durchqueren und findet bei dieser mörderischen Tour nicht nur ihr inneres Gleichgewicht wieder.
Das ist der Plot, den die Münchner Ärztin Dr. Claudia Gudelius entwarf, um die Geschichte des fiktiven Top-Modells Dana zu stricken, die nach einem schweren Unfall, der ihr die Schönheit raubt, im Krankenhaus liegt und dort mysteriösen Besuch von einem mongolischen Schamanen erhält. Einbildung, Realität? Der Leser wird im Ungewissen gehalten. Dana, verlassen von ihrem versnobten, oberflächlichen Verlobten, schwach getröstet von der eigenen Mutter, droht mit einer Reise in die Mongolei. Doch niemand hält sie zurück, also fliegt sie. Dort erlebt sie eine Metamorphose. Aus der verwöhnten, gehätschelten Modepuppe wird während ihrer abenteuerlichen Reise durch Steppe und Wüste eine verantwortungsvolle Frau, die begreift, dass das Leben mehr zu bieten hat als First-Class-Flüge, Drogen und schneller Sex.
Claudia Gudelius ist es mit ihrem Buch ?Mongolia ? Seele sandgestrahlt? glänzend gelungen, mit ihrer überaus sensiblen Schreibe den Mythos der mongolischen Schamanen wie ein Lichtbild an die Wand zu werfen. Sicht- aber nicht greifbar. Sie hat den Geist des exotischen Landes, in dem die mächtigen Khane der Vergangenheit heute noch Gegenstand höchster Verehrung sind, instinktiv erfasst und gekonnt zu Papier gebracht. Sie hat einen Roman vorgelegt, der allein schon deshalb Beachtung verdient, weil er sich in seiner Tiefe so angenehm von der sonstigen Lektüre über die Heimat des Dschingis Khan unterscheidet. Und sie hat eine faszinierende Geschichte geschrieben, in der sich westliche Aktualität und östliche Tradition auf wunderbare Weise vermischen.