Dieses schmale Buch von 200 Seiten, wobei die Anmerkungen und viele Bildseiten mitgezählt sind, vereinigt für den Leser, der sich Thomas Manns Joseph-Roman zum ersten (oder auch zweiten) Mal vornimmt, aufs glücklichste Auskunft, Kommentar und Einsicht: Auskunft über die Hauptpersonen und ihre Beziehungen untereinander; interpretierende Kommentare zu den aus jüdischen, christlichen, ägyptischen, babylonischen und hellenistischen Traditionen zusammengeschmolzenen Mythen; und Einsicht unter anderem in den Zusammenhang des Joseph-Themas mit anderen Werken Thomas Manns. So ist es zum Beispiel eine (naheliegende) Einsicht, den Joseph-Roman wie "Die Buddenbrooks" als Familiensaga zu lesen, in der (wie von Johann bis Thomas und Hanno) von Abraham bis Joseph und seinen Kindern Ephraim und Menasse eine "Verfallslinie" durchlebt wird. Viel interessanter noch ist, beim Lesen nachzuvollziehen und zu erkennen, wie bei Joseph die buddenbrooksche Dekadenzlinie zu einer "Fortschrittslinie umgebogen" wird, die Gesittungsfortschritt, Zivilisation also, und Humanität zum Ziel hat. Hier offenbart sich denn auch der grosse Bogen, den das kleine Buch schlägt: Mythen vergegenwärtigen zwar zuerst ein Urgeschehen aus der Vergangenheit, bieten dann aber mit ihren Bildern, Legenden und Weisheiten eine Sprache an, mit der auch die Gegenwart verstanden und die Zukunft erkannt werden kann. Denn Mythen sind Muster und Vorbild für die immer wiederkehrenden, gleichen Basis-Situationen des Menschen: Geburt und Tod, Liebe und Krieg, Gut und Böse, Wort und Leidenschaft. Doch das sich wiederholende Immer-Gleiche geschieht im Joseph-Roman im Laufe der vielen Kapitel und der mitlaufenden Zeit auf immer höheren, zivilisierteren Ebenen, spiralenartig aufsteigend und nicht zyklisch (wie beim Kultur-Pessimisten Spengler), weshalb der Weg vom messertragenden Abraham zu Joseph dem Ernährer eben ein Fortschritt ist: "Aus der Tat wird das Zitat, aus dem Ereignis das Zeichen, aus der Gewalthandlung die blosse Anspielung, aus der wirklichen Aggression die symbolische."
Das Buch beginnt mit einem Abriss über den Mond als Mittler zwischen dem Oben und Unten, der Sonne und der Erde, dem Tag und der Nacht, Geist und Leben, aber auch über den Mond als den Wanderer wie Hermes, der verwandt ist mit Thot, Gott der Schreibkunst und Wissenschaft. Von hier ist es nur ein kleiner mythologischer Schritt, die Werke eines Künstlers, der ja zwischen Geist und Leben vermittelt, als Mondwanderungen zu sehen.
Danach kommt ein kleiner Diskurs über Mythos und Fortschritt, dann eine übersichtliche Zusammenfassung aller vier Teile des Romans, und von hier ab ist der Leser gefesselt und wird dem Wegweiser mühelos bis zum Ende folgen.
Wer an diesem Buch auf den Geschmack gekommen ist, mag sich als nächstes den entsprechenden Abschnitt im "Thomas Mann Handbuch" ansehen, dessen dritte Auflage weiterführende Bücher bis 1999 anführt. Von diesen sind Manfred Dierks "Studien zu Mythos und Psychologie bei Thomas Mann" besonders aufschlussreich (dieser zweite Band der Thomas-Mann-Studien war ursprünglich eine Dissertation und hat noch viel jugendlichen Schwung und keine Angst vor originellen Thesen und Kommentaren). Das Monumentalwerk zum Joseph-Roman ist Bernd-Jürgen Fischers "Handbuch zu Thomas Manns Josephsromanen", noch erhältlich, aber sehr teuer. Ein Neuansatz zur Mytheninterpretation (an Hand des Joseph-Romans) ist das Buch "Thomas Mann und Ägypten: Mythos und Monotheismus in den Josephsromanen" von dem Ägyptologen Jan Assmann. Die Grosse Kommentierte Frankfurter Ausgabe des Joseph-Romans ist nach Auskunft des S. Fischer Verlages "in Planung".