Vor kurzem sah ich eine vor zwei Jahren aufgenommene Fernsehsendung, in welcher Federica De Cesco zu Gast war. Auf die Frage des Interviewers, ob sie denn immer, wenn sie verreise, die Umgebung mit dem Blick der Autorin sehe. Sie verwarf die Hände und sagte, das sei in keinster Weise so. Sie versuche so neutral wie möglich resp. so wie jeder andere Tourist auch die Umgebung wahrzunehmen. Sie höre fest auf ihr Baugefühl, man muss einfach mit offenen Augen und unvoreingenommen die Welt um einen betrachten. So sei es ihr schon oft passiert, dass sie Menschen traf und während des Gesprächs mit ihnen, formte sich in ihrem Kopf eine Geschichte. Oder es spricht sie ein Land, eine Stadt an und beim Nachspüren und Recherchieren der Geschichte und der Menschen kommt ihr die Idee für einen Roman.
Das ist wirklich die Autorin, die das vorliegende Buch "Die Mondtänzerin" geschrieben hat. Ein typisches "Federica De Cesco-Buch". Ihre Romane sind eine Mischung aus Fiktion und Realität. Die geschichtlichen Ereignisse in diesem Buch, sind der realistische Teil: Der Leser erfährt viel Wissenswertes und eben geschichtsträchtiges dieser Insel und der Malteser. Aber ebenso findet der Ritterorden seinen Niederschlag auf den 542 Seiten. Die fiktive Seite, ist die Geschichte von Alessa und ihren Freunden Giovanni, Peter und Viviane. Der Roman ist in der Ich-Form geschrieben, es ist Alessa, die sich hier an ihre unbeschwerte Kindheit auf Malta, an die zaghaft erwachenden Gefühle der Liebe, aber auch an die Zerrissenheit und den Schmerz über missbrauchtes Vertrauen und Abschied, Verleumdung und dem Hin- und Hergerissensein um den Ansprüchen der Eltern gerecht zu werden. In gewohnt feinfühliger und detailreicher Sprache beschreibt F. De Cesco hier die einzigartigen und so unterschiedlichen Charaktere der Kinder und das Umfeld, in dem sie aufwachsen, aufgewachsen sind. Viviane, die rothaarige Unberechenbare. Sind ihre sogenannten Visionen echt oder sind es Träume, in die sich flüchtet? Ihre Mutter kümmert sich mehr um ihre Liebhaber, als um ihre Tochter. Und da ist Peter, der Arztsohn. Der Schweigsame mit den dunklen Augen. Hin- und Hergerissen den Ansprüchen seines Vaters zu genügen, der genaue Vorstellungen von Peters Leben und Berufswahl hat. Aber da ist auch Giovanni: Der Undurchschaubare, er wächst auf in einer Familie, in der Gewalt und Verbrechen an der Tagesordnung ist. Auserkoren Priester zu werden. Und schlussendlich ist da die Erzählerin selbst: Alessa. Die Beobachterin und Wissbegierige. Tochter eines Regierungsbeamten. Sie, die versucht zu erklären, was passiert und warum es passiert, die Gefühle hinterfragt und sich verzehrt für andere und die versucht, dem Geschehen und was aus den Kindern von damals geworden ist, einen Sinn zu verleihen.
Der Leser erlebt durch die Augen Alessas die Erlebnisse und Dialoge hautnah mit, es sind zutiefst emotionale Momente. Manchmal ist die Dramatik des Schmerzes so hoch, dass es an der Grenze es Ertragbaren ist. Man hat genug als Leser. Sieht die Notwendigkeit, dem beschriebenen inneren Schmerz zu entgehen, aufzustehen und sich neu auszurichten - doch die Protagnisten leiden weiter, können den Knoten nicht lösen. Sind Gefangene ihrer eigenen Seele und Erinnerung. Angelpunkte im Roman sind etwa: Die Lebensrettung von Giovanni durch Alessa, der immer wiederkehrende Traum Alessas um ein Auge im Meer und sie selbst am Abgrund stehend, die Verleumdung Giovannis und dessen Flucht, die Visionen von Viviane, die Lebenswege und -irrungen der vier Kinder. Die Bewusstwerdung, dass Liebe und sexuelle Intimität verschiedene Beweggründe haben kann, die Erfahrung der Erinnerung, als sich die Kinder als Erwachsene an früher erinnern, um festzustellen, dass die eigene Erinnerung oft lückenhaft ist, mitgeteilt jedoch ergänzt werden, durch Erinnerungen des andern und so die Erinnerung erst ganz machen und zu einem kostbaren Schatz. Viele Fragen können erst beantwortet werden, wenn das Puzzleteil der Erinnerung des andern, sich der eigenen einfügt.
Ein wunderbares Buch: bezaubernd, herausfordernd, bilden und gespickt mit zärtlicher Erotik! Sehr empfehlenswert.
Wer diese Art Bücher mag, dem seien auch diejenigen von Barbara Wood wärmstens empfohlen!