Zwei lange Jahre sind jetzt seit dem Release von Evergreys Meisterwerk The Inner Circle vergangen. Für Fans eine schier endlose Zeit, die zwar mit der grandiosen Live-Scheibe / DVD A Night to remember versüsst wurde, welche aber kein reguläres Studioalbum ersetzen konnte. Nun steht Studioalbum Nummer Sechs endlich in den Läden. Im Grunde genommen bietet Monday Morning Apocalypse auch genau das, was Evergrey in den vergangenen Jahren so liebenswert gemacht hat. Nur kommt alles in leicht komprimierter und geänderter Form daher, so dass zumindest Fans erstmal zig Hördurchgänge brauchen werden, um mit dem Album warm zu werden. Ich habe ganze zwei Wochen gebraucht um dem Album wirklich was abzugewinnen. Wenn man den Punkt aber erreicht hat, möchte man Monday Morning Apocalypse aber nicht mehr missen. Die Refrains gehen dann partout nicht mehr aus dem Kopf und selbst am frühen Morgen hat man schon einen der zahlreichen Widerhakenchöre im Kopf.
Anno 2006 merkt man Evergrey aber auch an, dass sie nun endlich in die metallische Champions League aufsteigen wollen und das nicht nur in Bezug auf die Musik (die war nämlich vorher schon eines Champions League- Siegers würdig), sondern vor allem was die Verkaufszahlen angeht. Deswegen haben die Schweden ihre vielschichtigen und progressiven Wege, auf denen sie so unendlich grazil gewandert sind, verlassen und setzen nunmehr auf sehr kurze, nicht besonders harte und in erster Linie eingängige Songs, die vor allem Nicht-Evergrey-Kenner schnell ansprechen sollen. Gerade auf der Bühne dürfte das Unterfangen mit den prädestinierten neuen Krachern gelingen, auf dem Album hingegen bleiben ein paar Fragezeichen hängen. Neuer Hauptsongwriter der immergrauen Schweden ist Gitarrist Henrik Danhage, der schon im Evilized-Interview vor zwei Jahren deutlich machte, das er auf kurze, eingängige und schnörkellose Songs steht, die einen sofort in den Bann ziehen, steht. Und genau diese Aussage wurde nun in die Tat umgesetzt. Dazu kommen die nahezu in jedem Song vorhandenen verzerrten Vocals, die der einmaligen Stimme von Tom Englund quasi einen Maulkorb verpassen. Man kann sein Aushängeschild nicht so limitieren ohne an Qualität zu verlieren. Das ist ungefähr so, als wenn Jürgen Klinsmann Michael Ballack, den einzigen deutschen Star, als Linksaußen in der Viererkette einsetzen würde. Durch die kurzen, schnörkellosen Songs geht auch ein gewaltiger Teil der Tiefe, die Songs wie In your darkest Hour, Unforgivable Sin, Mark of the Triangle oder The Essence of Conviction zu einzigartigen Klassikern gemacht hat, schlichtweg verloren. Gerade der in meinen Augen so wichtige Mittelteil der Songs, der eben jene Tracks so unverwechselbar macht, wurde nahezu völlig weggelassen. Gerade hier merkt man, dass Rikard Zanders Keyboardparts ab sofort eine untergeordnete Rolle spielen. Auch die Passagen von Toms Ehefrau Carina, die auch eine wichtige Rolle im Sound der Truppe inne hatte, wurde auf eine ganz kleine Rolle reduziert. Das typisch amerikanische Songwriting wird außerdem von einer typisch amerikanischen Modern-Metal Produktion eingerahmt und mit einem typischen, lustigen amerikanischen Cover bebildert (man schaue nur auf die Schilder der Verbrecher). Welchen Markt man damit erobern will, wird somit schnell klar.
Kommen wir nun mal zu den Songs selbst. Höhepunkte sind vor allem die längeren epischen Nummern wie Obedience, At loss for Words und der Kracher Still in the Water. Nicht minder stark sind mein Favorit Unspeakable, das düstere The Dark i walk you through und das brettharte I should, die dem Album das neue Profil verpassen. Das mit grandiosen, düsteren Chören ausgestattete und sehr kurze In remembrance sowie die radiotaugliche Tralalala-Nummer (ist in diesem Fall nicht negativ gemeint) Lost runden das wirklich sehr gute Album ab. Nur leider fehlen noch vier Songs, die noch nicht genannt wurden, und doch ziemlich zum Rest abfallen. Zuallererst muss hier der Opener und Titeltrack Monday Morning Apocalypse genannt werden. Lieblose, stimmenverzerrte Strophen treffen auf einen klasse Refrain, der sich sofort ins Hirn brennt, aber insgesamt zu den schwächsten Evergrey-Songs überhaupt gehört. Und davon gibt es nicht mal eine Handvoll. Das genau gleiche Muster hat man bei The curtain fall angewandt und der Song geht irgendwie genauso in die Hose. Schlichtweg austauschbar! Das kurze Pianoinstrumental Till Dagmar macht trotz netter Melodie auch wenig Sinn. Man hat hier das Gefühl, der Track wäre eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Keyboarder Rikard, der sich ansonsten aufgrund der chronischen Unterbeschäftigung gelangweilt hätte. Dabei prägten vor allem die ausufernden Keyboardparts den Sound von Evergrey. Vielleicht ist euch aufgefallen, dass eine Gattung bisher noch gar nicht erwähnt wurde, die aber auch den Sound der Schweden prägt. Die Rede ist von den Balladen. Es gibt zwar eine, die wird aber als Bonustrack geführt und steht ganz am Ende. Ohne mit der Wimper zu zucken, muss man als Rezensent sagen, dass Closure die mit Abstand schlechteste Evergrey-Ballade überhaupt ist. Bevor man sich an lieblosen Song gewöhnt hat, ist er schon wieder vorbei. Hätte man die Nummer stattdessen noch ein bisschen länger, vielschichtiger gemacht und nicht so sparsam instrumentiert, wäre es mit Sicherheit ein grandioser Song geworden, in der Form aber nicht.
Problematisch wird dann letzten Endes die Bewertung von Monday Morning Apocalypse. Es fehlt die Tiefe und nach dem Ende des Hörgenusses wird der Fan ratlos zurückgelassen. Man fühlt sich als Fan irgendwie nicht gesättigt. Modern-Metal mit tiefgehenden Texten, der allen aufgeschlossenen Metallern gefallen dürfte.