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) Lesen wie Gott in Frankreich kann deshalb weiterhin nur, wer kleine Buchhandlungen besucht und da auch mal in die Ecken der kleinen, na ja, irgendwie linken Verlage guckt. Zum Beispiel der Conte Verlag aus Saarbrücken, der den Klassiker Jean Amila, einen Zeitgenossen von Leo Malet, wieder entdeckt hat. Eine ganze Reihe von Amila-Romanen soll bei Conte erscheinen; Mond über Omaha, ein listiger Antikriegskrimi, der zeigt, wie die Weltkriegstraumata Jahrzehnte später in aller Leben nachwirken, macht den Anfang. Ulrich Noller --
StadtRevue Köln Magazin 03/06Amila (1910-1995), einer der Begründer des französischen Roman Noir, stellt dem großen Morden in diesem 1964 entstandenen Text bewusst ein paar scheinbar nichtige Verbrechen entgegen: eine lang zurückliegende Fahnenflucht, einen Fall erschlichener Identität, ein wenig Schieberei bei der Lieferung von Dünger. Aber im Krieg ist Fahnenflucht das am verbissensten verfolgte Vergehen, und so stellt sich die Frage, ob es auch im Frieden noch strafwürdig ist. Den Figuren Amilas bleibt keine Luft zur Reflektion, sie stecken noch Jahrzehnte nach dem Krieg fest in der Qual, den Zwängen, Ängsten und Schuldgefühlen von einst. Das offizielle und ritualisierte Gedenken, verkörpert von der amerikanischen Verwaltung des Friedhofs, trifft auf das private und traumatisierte Erinnern, das im ehemaligen Deserteur Gestalt gewinnt. Der eitert förmlich heraus aus seiner neuen Identität. Mond über Omaha" betreibt Unruhestiftung, stört den Frieden, der aus dem Vergessen entsteht. Unter Erinnern versteht Amila aber nicht Heldengedenken, sondern das fortwährende Bewusstsein für den Schrecken jener Metzeleien, aus denen die Unterhaltungsindustrie ihre Heldenmärchen raffiniert. Thomas Klingenmaier --
Stuttgarter Zeitung, 4.11.2005Dieser bereits 1964 erstmals erschienene Krimi der Série Noir hat bis heute weder sprachlich noch thematisch Staub angesetzt. Schonungslos macht er die äußeren und inneren Wunden zum Thema, die die katastrophal organisierte Landung der Alliierten 1944 bei den wenigen Überlebenden geschlagen hat und auch die damalige Gegenwart noch überschattet. Psychologisch gut konzipiert entwickelt sich eine fast alltägliche Geschichte, die durch den Wahnsinn des Krieges in einer Katastrophe mündet. --
Beate Mainka, ekz-Informationsdienst, November 2005Dieser bereits 1964 erstmals erschienene Krimi der Série Noire hat bis heute weder sprachlich noch thematisch Staub angesetzt. Schonungslos macht er die äußeren und inneren Wunden zum Thema, die die katastrophal organisierte Landung der Alliierten 1944 bei den wenigen Überlebenden geschlagen hat und auch die damalige Gegenwart noch überschattet. Psychologisch gut konzipiert entwickelt sich eine fast alltägliche Geschichte, die durch den Wahnsinn des Krieges in einer Katastrophe mündet. Eine Wiederentdeckung! Beate Mainka --
ekz-Informationsdienst, November 2005Eine mysteriöse Geschichte, ein überraschender Schluss: Liebhabern des französischen Thrillers à la Leo Mallet wird er gefallen; Freunde des novellesken Kammerspiels eines Tennessee Williams mögen den Roman sicher auch. --
Lilian-Astrid Geese, Neues Deutschland, 14.03.2006Eine mysteriöse Geschichte, ein überraschender Schluß: Liebhabern des französischen Thrillers à la Leo Malet wird er gefallen; Freunde des novellesken Kammerspiels im Stil eines Tennessee Williams mögen den Roman sicher auch. (
) Ebenso spannend wie der Plot und seine überraschenden Wendungen sind die Nebenpisten, die Amila in diesem 1964 entstandenen Frühwerk der antibourgeoisen Literatur der 1968er beschreitet. Mit spitzer Feder portraitiert er die starrköpfigen Normannen und ihren latenten Antiamerikanismus: Das Trauma, nicht ohne Hilfe aus Übersee in der Lage gewesen zu sein, sich von den Deutschen zu befreien, haben sie noch nicht überwunden. Besonders schön die Szene in der Strandbar, in der die einheimischen Gäste symbolkräftig immer mit dem Rücken zum Meer sitzen, über das die Retter einst kamen. (
) Ein kleiner Verlag ging das Risiko der späten Veröffentlichung in Deutschland ein. Das ist schön, denn nicht nur Krimifreunde werden dieses fiktionale Stück! Zeitgeschichte goutieren. Lilian-Astrid Geese --
Neues Deutschland, 14.03.2006Jean Amila hat eine sehr bedächtige Konstruktion errichtet, in der sich schließlich auch das crimen finden lässt, um das es in diesem Fall geht. Aber dieses Mal ist es kein verstecktes Nazi-Gold, sind es keine alten Kriegsverbrechen, die es zu sühnen gibt, kein Spiel mit versteckten oder ausgelieferten Juden, wie es das Genre beinahe schon vorschreibt. Trotzdem sind auch hier geheime und verdeckte Identitäten zu lüften, Gefälligkeiten finden ihr Ende, und zwar wie immer wegen der Gier, die sich irgendwann einstellt, wenn Geld fließt. Amila zielt trotzdem auf etwas anderes, und das hebt seinen Kriminalroman von seiner Gattungsbezeichnung ab. Es dreht sich um Identitäten, verlorene und wieder zu findende, und was dafür zu tun ist. Dass die junge Frau des Sergeant Reilly am Ende sogar ihren Teil dazu beiträgt, dass zwar die Geschichte kein Happy End findet, aber ein stilles Ende doch, ist ein gnädiger Zug Amilas. Dass das als Kriminalroman firmiert, ist freilich ein anderes Kapitel, über das zu diskutieren nicht wirklich lohnt. Walter Delabar --
Literaturkritik.de Nr. 11, November 2005Jean Amila thematisiert die Frage der Moral des Krieges. Darf eine Armee den sinnlosen Tod der eigenen Soldaten durch eigene Waffen in Kauf nehmen, wenn sie nur dann voran kommt? Darf man seine Truppe verlassen und desertieren, wenn man das bemerkt? Ist man den Menschen, der Familie, dem Land, das einen rettet auf ewig verpflichtet? Sehr geschickt und wahrlich eine Klassikers würdig, wie Jean Amila diese Fragen in Geschichte umsetzt. --
Ullrich Noller für WDR5, 01.02.2006Wer dorthin gerät, wo Jean Amilas Roman Mond über Omaha beginnt, ist schon gleich mitten drin in der Hölle: Schwere Brecher schlagen über den Landungsbooten zusammen, in denen durchnässte und verängstigte junge Männer hocken. Es ist D-Day, und die US-Boys sollen sich in wenigen Sekunden an dem von den Alliierten Omaha Beach getauften Strandabschnitt der Normandieküste ins Mündungsfeuer der deutschen Artillerie werfen. Wir sehen die Ouvertüre eines Massenmords, wenn man so will, von dem Jahrzehnte später nur noch das riesige Gräberfeld eines Soldatenfriedhofs zeugen wird. Und der selbst dann noch eine dramatische Handlung auslöst, an deren Ende wieder eine Leiche am Omaha-Strand liegen wird. Dazwischen entfaltet Amila in seinem im Original (La lune dOmaha) bereits 1964 bei Gallimard erschienenen Buch eine Geschichte, die ebenso unspektakulär wie psychologisch stimmig und ergreifend ist. Antikriegsroman, Ehetragödie, Krimi: Wie auch immer man diesen kleinen Roman etikettieren möchte, eines ist er ganz bestimmt: unvergesslich. Ulrich Kroeger --
Nordseezeitung - Sonntagsjournal, 26.03.2006