Als Kind gehörte dieses Buch zum meinen Favoriten. Das Autorenpaar Korn ging auch sehr geschickt zu Werke - denn ein Auftragswerk im Sinne kommunistischer Weltsichtbildung, durch das uns Lütten Marx und die neue, gute, gerechte Gesellschaftsordnung plausibel gemacht werden sollte, war es mit Sicherheit. Daß es nicht knochentrocken, sondern spannend gelöst wurde, kann ich noch heute anerkennen.
Industriekapitalismus Mitte des 19. Jahrhunders in London. Im Mittelpunkt steht die arme Arbeiterfamilie Kling. Der hochschwangeren Mutter wird das Bett unterm Hintern weggepfändet, und trotz ihres Zustandes ackert sie noch für einen Hungerlohn in einer Spitzenklöppelei.
Der 11jährige Sohn Joe arbeitet in der selben Fabrik in der Kinderabteilung, für noch weniger Geld und in dem selben Knochen-Schicht-Rhythmus wie die Großen. 10-12 Stunden pro Tag sind selbst für die Kleinen die Norm, Pausen nicht selbstverständlich, Verpflegung schon gar nicht, der Aufseher ist ein brutaler Schinder - und wer was gegen diese Bedingungen hat, muß ja nicht wieder kommen. Arme, arbeitslose Arbeiter gibts zu Hauf, und jeder Shilling wird existentiell gebraucht.
Eines Tages verschwindet wertvolle Spitze. Der Wärter erinnert sich, Joe auf der Feuerleiter gesehen zu haben - der Junge war zu spät gekommen und hat sich auf diesem Weg Einlaß in die Firma verschafft, weil Fehlstunden Rauswurf bedeuten. Schnell stehen Joe und auch seine Mutter, die die geklaute Spitze geklöppelt hat, als Diebe da. Der Lohn wird einbehalten, Entlassung und Anzeige angedroht.
Joe lernt den Philosophen Karl Marx kennen, der gerade das "Manifest" verfaßt hat und selbstlos für die unterdrückte Klasse und eine gerechte Gesellschaft kämpft. In der Geschichte mutiert er dann zu einer Art Robbin Hood des Londoner Industriekapitalismus, der alles tut, um Ungerechtigkeit auszumerzen. Selbst zwar in bürgerlichem Ambiente mit Frau, Dienstmädchen und vier Kindern lebend, kennt auch er Geldsorgen nur zu gut.
Joes ältere Brüder Bill und Robert kommen Mohr, wie Marx dank seines mächtigen schwarzen Mähnenbartes genannt wird, auch näher, auf unterschiedlicher Ebene: Bill hat sich mit einer sympathischen Jungsclique im rechtsfreien Raum selbstständig gemacht und geht die gesellschaftliche Ungerechtigkeit auf seine Weise an. Mohr gegenüber ist er erst mißtrauisch, schenkt ihm dann aber sein Vertrauen und trickst sogar einen miesen Pfandleiher aus, der ein liebes Erbstück Mohrs betrügerisch mit hohem Gewinn weiterverscherbelt hat.
Im Gegenzug kann Mohr in überzeugen, daß kleinkriminelle Aktionen auf lange Sicht nicht unbedingt die unhaltbaren Zustände der Gegenwart verändern.
Bruder Robert hingegen ist ein aktiv kämpfender Arbeiter und sowieso schon Fan von Marx. Begeistert liest er das "Manifest" und überzeugt damit sogar den Papa.
Ich gebe zu, der Sternabzug liegt zum Teil an meiner gekränkten Eitelkeit: Denn hingerissen, wie ich als Gör nun mal war, schnappte ich mir auch das "Manifest" und scheiterte grandios. Ich kam noch nicht mal über die erste Seite hinaus... Die Tatsache, daß ein schulungebildeter Mensch, der kapp des Lesens mächtig ist, von einem Text sofort fasziniert sein sollte, den ich nach vielen Jahren Schule absolut nicht verstand, deprimierte mich irgendwie. Aber nun gut.
Doch auch andere Handlungsstränge sind spannend, wie z.B. die Geschichte von Joes Schwester Becky, die als Ladenhilfe erkennen muß, daß ihre Dienstherren Lebensmittelfälscher und Spekulanten sind: Kaffee wird mit feingesiebter Erde gestreckt, Mehl mit gestoßenem Gipst, Milch mit Wasser. - Daß diese Ernährung auch tödlich enden kann, erlebt die geschockte Becky, als ihr eine Kundin haßerfüllt das verstorbene Baby vorhält. - Aber wer interessiert sich schon für die Ärmsten der Armen...
Auch Mohrs Familienleben wird herzenswarm beschrieben, die Ehe Karl und Jenny als sehr harmonisch und Marx als liebender Papi. - Das ist der andere Teil meines Sternabzuges, denn der historische Marx soll menschlich ... nun ja... also nicht ganz unschwierig gewesen sein. Und zum Dienstmädchen Helene Demuth nicht wirklich allzu korrekt, immerhin war er ja verheiratet...
Nun gut, man muß in einem Kinderbuch ja nicht gleich übertreiben und ALLE Abgründe offenlegen, aber...
Marx wird ein bissel zu sehr als Supertyp dargestellt.
Doch wir leben aktuell in einer Zeit, in der kleinen Kindern der kindliche Mozart als Tausendsassa via Trickfilm dargestellt wird, der von morgens bis abends Abenteuer erlebt, die Welt rettet und als Musiker total gefragt ist. Daß der historische Mozart wohl keine Kindheit hatte und alles andere als populär war zu seiner Zeit, gar im Armengrab endete, fällt da weg - mit der Begründung, es ginge doch darum, Kindern seine Musik spielerisch und unterhaltsam nahe zu bringen.
Also soll in Gottes Namen in einem spannenden Kinderbuch Marx als liebevoller Familienvater durchgehen, der rundum mit Engels Hilfe Hoffnung und Segen brachte. Das in dem Buch von Marx seinen Kindern erzählte Märchen "Meister Röckle und der Teufel" ist belegt SEIN Märchen und wunderbar; auch sehr schön in der DDR verfilmt mit Rolf Hoppe als Röckle (echte Empfehlung!)
Wie Marx denn Joes Fabrik revolutioniert, Joe dort zum Reden bringt, ist Krimi pur, und ich las es mit Spannung. Kleine, große Siege - und Abenteuergeschichten - ob historisch, aktuell oder futuristisch - funktionieren auch nicht anders heutzutage: Kleine kämpfen gegen Große, für mehr Gerechtigkeit und Lebensfreude!
Was nun Marxens Erben 100 Jahre später aus dessen Ideen gemacht haben, mag ich Marx nicht vorwerfen. Und Vilmos und Ilse Korn zauberten aus ihrem vermutlichen Kommunismus-Auftragswerk ein kleines Meisterwerk spannender, menschlichkeitsträumender Kinder-Unterhaltungslektüre!