Dass der Name des islamischen Propheten in Wirklichkeit Qutam gewesen sein könnte, ist nur eine der vielen Überraschungen dieses Buches. Zusammengenommen führen sie zu einem wissenschaftlich soliden und in vielen Punkten bahnbrechenden Bild von Mohammed und seiner Nachwirkung.
Inhaltlich handelt es sich weitgehend um eine Zusammenfassung der bisherigen Veröffentlichungen Tilman Nagels zu diesem Thema (von allem: Mohammed. Leben und Legende, München 2008; Allahs Liebling. Ursprung und Erscheinungsforman des Mohammedglaubens, München 2008). Wer die früheren Abhandlungen wegen ihres Preises oder Umfanges nicht lesen konnte, hat nun Gelegenheit, ihre Ergebnisse in einem erschwinglichen Überblick kennenzulernen. Doch auch Leser, die mit ihnen vertraut sind, werden die Lektüre lohnend finden, da die jetzige Darstellung prägnanter und zugespitzter ist.
Von grundlegender Bedeutung sind Nagels Erkenntnisse über die Entstehungsgeschichte der koranischen Botschaft. Demnach finden sich in den ältesten Suren zwar Einflüsse gnostischen Denkens, aber keine Spur des Eingottglaubens. Um zum Islam zu gelangen, habe der Prophet nach dem Einsetzen der Offenbarungen noch einen mühsamen Entwicklungsprozess durchlaufen müssen. Dabei sei er in entscheidender Weise von Zaid b. Amr, einem zeitgenössischen Eremiten, beeinflusst worden. Dieser habe die Grundgedanken des Islams bereits weitgehend vorweggenommen, einschließlich des Namens und der Kultpraxis. Am Schluss eines langen inneren Ringens habe Mohammed den von Zaid vertretenen Monotheismus schließlich akzeptiert und damit das Fundament zu seinem Erfolg gelegt.
In einer Hinsicht habe der Prophet sich allerdings grundlegend von Zaid unterschieden: In der Unfähigkeit, sich aus dem eigenen Stammesverband zu lösen. Zeit seines Lebens sei es ihm nicht gelungen, sein Verhalten der universalistischen Botschaft des Korans anzupassen. "Bis in seine medinensischen Jahre hinein verschwindet aus seinen Verkündigungen nicht die Überzeugung, vor allen anderen den eigenen Angehörigen verpflichtet zu sein" (S. 71).
Ein wichtiges Indiz für diese Haltung sei der Umstand, dass Mohammed sich anfangs nur um die Bekehrung seiner Verwandten bemühte und keinerlei Anstalten machte, eine über die Klangrenzen hinausreichende Gemeinde zu organisieren, nicht einmal nachdem Sippenfremde dem Islam beigetreten waren.
Aus dem gleichen Grunde sei er untätig geblieben, als seine Gegner die schwächsten Mitglieder der neuen Bewegung - Sklaven und Kriegsgefangene - erniedrigten und folterten. "Dass Mohammed und seine Gefolgsleute aus einheimischen Klanen mutig für ihre nach den Normen der Stammesgesellschaft minderrangigen Glaubensbrüder eingetreten wären, wird nirgends berichtet. Außer begütigenden Worten hatte Mohammed den Leidenden nichts zu bieten" (S. 73).
Auch die politischen Ambitionen des Propheten müssten mit dieser Einstellung in Verbindung gebracht werden. Im arabischen Klandenken befangen, habe Mohammed sich den Erfolg seiner Mission nicht anders als in Gestalt einer persönlichen Herrschaft über den quraischitischen Stammesverband vorstellen können, weshalb er bereits zu Beginn seines öffentlichen Auftretens nach der Macht in Mekka griff und den Anhängern der alten Kultpraxis androhte, sie aus der Stadt zu vertreiben. Als die Führer der Quraischiten sich dies nicht gefallen ließen und ihn zur Flucht zwangen, erlitt Mohammed genau das Schicksal, das er ihnen zugedacht hatte.
Im Exil habe der Prophet nicht einen Augenblick lang erwogen, sich mit der Leitung seiner dortigen Gemeinde zu begnügen. Unbeirrt habe er an dem Ziel festgehalten, Herrscher der Quraischiten zu werden, wenn nötig mit Gewalt.
Aus den Quellen gehe hervor, dass er, "kaum in Medina eingetroffen, auf einen Krieg gegen Mekka hinarbeitete, zunächst aber ganz ohne die Unterstützung durch die Medinenser, die nach dem Gewohnheitsrecht ihn nur auf ihrem Territorium gegen Übergriffe seiner Feinde schützen mussten. Sie wurden Zeugen, wie sich ihr Gast ungerührt über ihre ureigensten Interessen hinwegsetzte und sie in einen Konflikt hineinzog, der sich für sie höchst gefährlich entwickeln sollte" (S. 118). Ohne im geringsten bedroht zu sein, habe Mohammed mit dem Überfall auf eine mekkanische Karawane vorsätzlich den Krieg gegen seine Heimatstadt eröffnet.
Zugleich sei er auf ein wirksames Mittel verfallen, um die Medinenser in diese Auseinandersetzung hineinzuziehen: Er habe den Übertritt zum Islam zur Bedingung für die Teilnahme an seinen Raubzügen gemacht. Erst jetzt hätten sich die ersten Konturen der "Umma", der islamischen Gemeinschaft herausgebildet, und zwar in Form einer auf Beute und Eroberung ausgehenden Vereinigung von Glaubenskriegern (S. 139).
Dessen ungeachtet habe Mohammed seine Verwandten bei der Beuteverteilung und der Vergabe von Führungspositionen konsequent bevorzugt. Nach der Einnahme Mekkas seien selbst die im letzten Moment noch zum Islam übergetretenen Führer der Quraischiten von ihm großzügiger bedacht worden als die medinensischen Muslime. Deren Erbitterung über dieses Verhalten war so groß, dass sie zeitweilig sogar eine "Gegenmoschee" gründeten, in der sie unabhängig von Mohammed zu Allah beten konnten. Der hier aufbrechende Konflikt entlud sich nach dem Tode des Propheten in mehreren Bürgerkriegen und führte zur Spaltung der "Umma".
Paradoxerweise hätten gerade Mohammeds Schwächen die Entstehung seiner Legende begünstigt, da die späteren Muslime sich mehr nach einem Vorbild als nach historischer Gerechtigkeit sehnten. Je größer ihre Unzufriedenheit über die - von Mohammed maßgeblich gestalteten - politischen Verhältnisse des Islamischen Reiches wurde, umso mehr hätten sie seine Verantwortung dafür verdrängt und die Schuld bei seinen Nachfolgern gesucht. So sei die Zeit des frühen Islams im Rückblick immer stärker idealisiert und Mohammed selbst zu einer übermenschlichen Lichtgestalt verklärt worden, was die "Sunna", die Überlieferung seiner Taten und Aussprüche, in den Augen der Muslime schließlich fast auf die Stufe des Korans erhob.
Die Mehrzahl der islamischen Religionsgelehrten vertrete seither die Auffassung, dass Allah der Menschheit in Koran und Sunna das gesamte für sie wichtige Wissen offenbart habe. Um es nutzbar zu machen, müsse man beide Quellen lediglich umfassend auswerten, wobei es auf ihren historischen Kontext nicht weiter ankomme, da der Inhalt zeitlos sei. Sämtliche Probleme der Welt könnten gelöst werden, wenn man die Weisungen der islamischen Offenbarung befolge. Als Sachwalter dieses Wissens seien die Muslime den übrigen Völkern und Kulturen weit überlegen.
"Es liegt auf der Hand, dass solch eine Selbstbezogenheit, man kann auch von Autismus sprechen, einen fruchtbaren Gedankenaustausch mit den Vertretern anderer Religionen und erst recht mit den Verfechtern einer säkularisierten Weltanschauung unterbindet, ja verhängnisvoller noch, den Zugang zu weiten Bereichen des eigenen, muslimischen geistigen Erbes versperrt" (S. 287).
Der intellektuelle Käfig des orthodoxen Islams kann nur aufgebrochen werden, meint Nagel, wenn die Muslime lernen, den historischen Mohammed kritisch zu betrachten und den Koran aus seinem zeitlichen Kontext heraus zu verstehen. Dieses Buch bietet dafür unentbehrliche Informationen.