Bobzins Bändchen "Mohammed" bietet eine kurze Darstellung abendländischer Mohammedbilder vom Mittelalter bis zur Neuzeit, wo Mohammed u.a. als Betrüger, Antichrist oder Gesetzgeber galt. Anschließend erklärt er, wie in Sunna und Hadithliteratur Überlieferungen über Mohammed aufbewahrt wurden. Auch Prophetenbiografien und Geschichtswerke wie die von Ibn Ishaq oder at-Tabari werden dargestellt und auf ihren historischen Nutzen überprüft. Dann schließt die erste Hälfte des Buches mit einem Abriss des damaligen Arabiens, worauf in der zweiten Hälfte des Buches die eigentlich biografische Darstellung Mohammeds folgt.
Dieses Buch ist meiner Meinung nach ganz klar nur für akademisch Interessierte geschrieben. Ausgedehnte forschungsgeschichtliche Abhandlungen, methodische Überlegungen über die Quellenlage und insgesamt eine trockene, auf formale, dogmatisch korrekte und äußerliche Ereignisse begrenzte Darstellung bieten zwar ausreichende Information, aber beim Lesen langweilt das etwas.
Ich habe neulich auch "Der Koran" von Bobzin und "Der Islam" von Heinz Halm - beide Taschenbücher ebenfalls in der Reihe C.H. Beck Wissen erschienen - gelesen, und meine nun, einen akzeptablen ersten Einstieg in den Themenkomplex Islam bekommen zu haben. Gerade lese ich ein Buch von Günter Lüling über den christlichen Kult an der vorislamischen Kaaba und wundere mich, dass in keinem der drei Bücher vom Bobzin und Halm erwähnt wurde, dass das vorislamische Arabien christlich war. Dort entsteht nur der Eindruck, es sei heidnisch gewesen, wogegen sich auch viele Polemiken des Koran richteten. Es scheint aber eher so, als habe Mohammed aufbauend u.a. auf der christlich-biblisch geprägten altarabischen Dichtung seine Botschaft entwickelt sowie gegen die christlichen, nicht aber heidnischen Mekkaner gekämpft, was dann in den folgenden Jahrhunderten u.a. durch die uthman'schen Koranverbrennungen und eklektische islamische Geschichtsschreibung verschleiert wurde. Auch das Mohammedbild der islamischen Überlieferung dürfte ähnlich wie der "kerygmatische Christus" kaum den historischen Tatsachen entsprechen, ja nicht mal die Darstellung der Vor- und Zeitgeschichte Mohammeds blieb unberührt von der verklärenden islamischen Geschichtsschreibung.
Bobzin schreibt auf S. 119 ausdrücklich, er fühle sich einer Mohammed-Darstellung verpflichtet, die Mohammed aus Sicht der frühen Muslime beschreibe. Das ist gut und nötig zu wissen. Gleichwohl kann ich es Einsteigern empfehlen, denn es bietet einen zwar trockenen, aber doch informativen Überblick über die Mohammedforschung im Allgemeinen, auch wenn im Besonderen Wünsche offen bleiben, z.B. wird, wie gesagt, manches nicht erwähnt und der Autor schreibt voreingenommen, nämlich aus der Sicht von Gläubigen. Doch ist es gerade für den Anfang vielleicht ganz gut, diesen Standpunkt durch die Lektüre einzunehmen, um einen Einblick in das Denken und den Glauben der Muslime zu erhalten. Das ist nicht zuletzt heutzutage ja wichtig. Wer gleich ganz kritisch an etwas herangeht, verspielt meist diese Chance, den Anderen so zu sehen, wie dieser sich selbst versteht. Ob man dann allerdings mit einem islamisch verklärten Mohammedbild zufrieden ist, das sich den meisten traditionellen Deutungen islamischer Geschichtsschreibung und Dogmatik beugt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich wundere mich, dass Islamwissenschaftler derart unkritisch mit Traditionen umgehen. Selbst christliche Theologen ignorieren traditionelle Meinungen, wenn sie die Bibel exegesieren.
Vermisst habe ich auch die persönliche Seite Mohammeds. Verstreut wird zwar auch auf die eine oder andere Überlieferung eingegangen, die Mohammed als Person zeigt, doch bleibt Bobzin meistens bei einer Darstellung der äußeren Ereignisgeschichte. Es handelt sich hierbei also meiner Meinung nach nicht um eine Biografie, sondern um forschungsgeschichtliche, methodologische und historische Vorbemerkungen zu einer solchen. Dankenswerter Weise gibt Bobzin aber am Schluss eine Buchbesprechung, in der er die wichtigsten Mohammed-Bücher der letzten 100 Jahre vorstellt. Gut zum Weiterlesen!