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4.0 von 5 Sternen
"Mogilew war nichts für Naive", 9. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Das Wunder von Moghilev. Die Rettung von zehntausend Juden vor dem rumänischen Holocaust (Gebundene Ausgabe)
Jüdischer Widerstand und Rettungsversuche in Mogilew-Podolski, 1941-1944. Zu Siegfried Jägendorfs Erinnerungen
Die Geschichte um den "Siemens-Direktor" Siegfried Jägendorf ist zu denkwürdig, als dass man sie im Kontext der Bukowina- und Holocaustliteratur übergehen dürfte. Wir erinnern uns: Siegfried Jägendorf, Ingenieur und Verkaufsleiter von Siemens-Schuckert in Czernowitz, Unternehmer und Firmendirektor, geboren 1885 in der Bukowina, viertes Kind einer jüdisch-orthodoxen Familie, hat sich als einer unter Tausenden deportierter Juden in bewundernswerter, ungewöhnlich engagierter, wenn nicht sensationeller Weise für die in die Gebiete jenseits des Dnjestr - Transnistrien - deportierten Landsleute eingesetzt und sie vor dem sicheren Tod bewahrt.
Viele der verfolgten und verschleppten Juden im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten machten sich über die wahren Absichten der Deutschen keine Illusion, haben ihr Schicksal nicht ergeben hingenommen und Widerstand geleistet. Sie organisierten sich im Untergrund, schlossen sich kämpfenden Partisaneneinheiten an, unterstützten diese oder führten sie selbst an. Auch in den jüdischen Ghettos bildeten sich Widerstandsgruppen, die ihren Bewohnern zur Flucht verhalfen und vereinzelt Aufstände und Revolten initiierten.
Aber ebenso gab es Versuche der verfolgten und ghettoisierten Menschen, sich durch Fleiß, Tüchtigkeit, höchste Produktivität und Improvisationsgeist für die Deutschen unentbehrlich, "unersetzlich", wie Jägendorf sich ausdrückte, zu machen. "Wir mussten einen Weg finden, um unsere Nützlichkeit unter Beweis zu stellen", sagt Jägendorf in seinen Aufzeichnungen.
Dennoch waren es nicht nur Jägendorfs Visionen, nicht allein sein resolutes und beherztes Auftreten, sondern gewiss auch eine Kette glücklicher Umstände, dass es diesem Sechsundfünfzigjährigen im Herbst 1941 gelang, den Deutschen wie den Rumänen gleichsam den Schneid abzukaufen. "Ich war entschlossen, Widerstand zu leisten", schreibt er in seinen Erinnerungen. So sind für Verständnis und Nachvollziehbarkeit des "Balanceaktes zwischen Anpassung und Widerstand" (Transit Verlag) die persönliche Reputation und Courage dieses Mannes entscheidend. Schon vor seiner Ankunft in den kriegszerstörten Städtchen Ataki und Mogilew-Podolski "hatte er anscheinend unter den Deportierten den Status eines Hauptverantwortlichen" (Hirt-Manheimer). Die Kontaktaufnahme mit dem deutschen Kommandanten von Mogilew geriet dennoch zu einem einzigen Husarenstück. Jägendorf legte eine rumänische Offiziersuniform an, über die er offensichtlich nach seiner Entlassung aus dem österreichisch-ungarischen Militärdienst ein Jahr zuvor noch immer verfügte und die er wohl in die Deportation hatte hinüberretten können. Vor den Deutschen gab er sich als rumänischer Oberleutnant der Reserve aus. "Wäre er als falscher Offizier gefasst worden, hätte man ihn höchstwahrscheinlich auf der Stelle [...] exekutiert." (Hirt-Manheimer)
Das Zusammentreffen mit dem rumänischen Präfekten von Mogilew, Colonel Ion Baleanu, war ein weiterer Glücksfall in dieser Geschichte. "Es scheint", so Hirt-Manheimer, "dass Baleanu und Jägendorf als Offiziere in der österreichisch-ungarischen Armee gedient und ihren Dienstgrad behalten hatten, nachdem sie rumänische Staatsbürger geworden waren."
Dennoch waren Stellung, Einfluss und Ansehen Jägendorfs in den dreißig Monaten im Ghetto Mogilew enormen Schwankungen und Bedrohungen ausgesetzt. Verantwortlich dafür waren die Turbulenzen, die ständigen Gewichtsverlagerungen und Konflikte auf Seiten der deutschen wie der rumänischen Administration und des Militärs, sowie der Kriegsverlauf und Gegenkräfte in Gestalt des rumänischen Geheimdienstes, nicht weniger Auseinandersetzungen in der Gemeinschaft der Deportierten selbst.
Immer wieder erstaunt, wie sich die Rumänen, gewiss anders als die Deutschen, im Rahmen ihrer militärischen und administrativen Aufgabenstellung, aber auch im gewöhnlichen Alltag zu Anstrengungen bereitfanden, die Lebensverhältnisse der Deportierten zu verbessern und zu einem erträglichen Miteinander zu finden. Das geschah allerdings zu einem überwiegenden Teil aus Eigennutz. Dabei torpedierten die rumänische Militär- und Verwaltungsstellen nicht selten Absichten und Kriegsziele der Deutschen und brachten auch immer wieder ihren eigenen Geheimdienst gegen sich auf.
Jägendorf schreibt, dass die rumänische Politik in Transnistrien keine einheitliche Richtung verfolgte. "Sogar als die [rumänische] Industriebehörde den Wert organisierter jüdischer Arbeit erkannt hatte, konspirierten die Armee oder der Geheimdienst, um uns zu vernichten." Anfang Oktober 1942 befahl der Geheimdienst [dem neuen Distriktpräfekten] Colonel Nasturas, 3.000 Juden aus Mogilew in das Todeslager nach Peciora zu deportieren. Dann aber wieder war es den Juden im Ghetto Mogilew möglich, die zerstörten Synagogen aufzubauen und an Gottesdiensten teilzunehmen. Ein andermal spricht Jägendorf von seinen "sehr guten Beziehungen zum neuen Bürgermeister von Mogilew, Hauptmann Nicolae Botta".
Es drängt sich die Frage auf, ob Jägendorf unter deutscher Kriegsverwaltung je diese große Wirkung hätte erzielen, je einen solchen Umgang mit den Deutschen hätte pflegen können, wie es ihm mit den Rumänen gelang. Und doch scheint, als wäre die Wand, die ihn von seiner Niederlage, von seinem Untergang trennte, immer wieder einmal nur papierdünn gewesen.
Ein bezeichnendes Licht auf diese Frage wirft der Bericht von der persönlichen Begegnung Jägendorfs mit dem Gouverneur Transnistriens, Gheorghe Alexianu. Der Präfekt hatte Jägendorf im September 1942 dem Gouverneur vorgestellt. "Zu meiner Überraschung", so Jägendorf, "gab mir Professor Gheorghe Alexianu die Hand - die Hand eines Juden, der den Davidstern trug - und gleich darauf der deutsche Kommandant auch. [...] In der Schreinerei [...] lobte der Gouverneur unsere Leistungen und drückte mir zum zweiten Mal die Hand."
*
Im November 1941 beginnt Jägendorf in Mogilew - im Einvernehmen mit den rumänischen Stellen - mit dem Requirieren einer aufgelassenen Eisengießerei, Turnatoria tauft man sie, und einer Fabrik für Metallverarbeitung in Mogilew. Dazu legt er dem rumänischen Präfekten eine Liste mit über einhundert jüdischen Fachleuten und Arbeitern vor und setzt durch, dass auch Familienangehörige der eingestellten Arbeitskräfte berücksichtigt werden, die in der Stadt Aufenthaltsrecht erhalten sollen. Nach zwei Wochen sind die Reparaturarbeiten am zerstörten Elektrizitätswerk abgeschlossen, und die Stadt hat wieder Licht und Strom. Im Anschluss beauftragen die Rumänen Jägendorf mit der Instandsetzung von Verwaltungsgebäuden für die Präfektur und die Polizei und erteilen hunderte zusätzliche Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen für die Deportierten. Ein Sägewerk wird wieder aufgebaut. Mitte November 1941 wird der Status Mogilews als für Juden gesperrte Stadt ganz und gar aufgehoben, zehntausend Juden sind in der Produktion beschäftigt.
Im März 1942 wird das Lager Skasinetz eingerichtet. Der Präfekt von Mogilew, Colonel Ion Baleanu, sieht in diesem Lager eine Möglichkeit, langfristig das Problem der aus den transnistrischen Lagern in die Stadt (illegal) eingeschleusten Juden zu lösen. Jägendorf dagegen ergreift die Gelegenheit, in Skasinetz mit landwirtschaftlichen Fachkräften aus den Reihen der Deportierten eine jüdische Farm einzurichten, die für die Ernährung der 15.000 Deportierten in Mogilew einstehen könnte. Doch der Plan scheitert mit der Versetzung Baleanus und der Initiative des Gouverneurs, umgehend 4.000 Juden aus Mogilew nach Skasinetz zu deportieren, ohne Rücksicht auf den zu diesem Zeitpunkt katastrophalen Zustand des Lagers. "Ich fürchtete", so Jägendorf, "dass unser Frühlingsgarten [Skasinetz] sich in einen Friedhof verwandeln würde."
Das Jüdische Komitee mit Siegfried Jägendorf an der Spitze trug einerseits Konflikte mit den rumänischen Stellen, den "Behörden" aus, musste aber zugleich den innerjüdischen Reflex auf Mangel, tiefste Not, Unfreiheit, Unterdrückung und externe Grausamkeit parieren. Regelmäßig mussten bei einem Wechsel der Verantwortlichkeiten innerhalb der rumänischen Distrikt- und Kommunalverwaltung, der Polizei und des Militärs die mühsam austarierten Kräfte neu justiert werden. Dennoch nahm unter Jägendorf die "[jüdische] Verwaltung immer mehr den Charakter eines autonomen Staates an mit Finanzabteilung und Gebührenzentrale, [jüdischer] Polizei, Justiz, Sanitätsdient, Abteilungen für Statistik, Arbeitsbeschaffung und einen Bestattungsdienst." (Jägendorf).
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Gegen die unbestreitbaren Verdienste, das Buch übersetzt und herausgegeben zu haben, sowie Durchsetzungsvermögen und überragende Lebensleistung eines Mannes wie Jägendorf und seiner jüdischen Mitstreiter zu würdigen, zugleich einem breiten Lesepublikum vorzustellen, lassen sich leicht die Irrtümer, Nachlässigkeiten und Schludereien des Verlages ins Feld führen. Denn der macht einem das nicht gerade schwer. Auf ein kluges Lektorat hat man...
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4.0 von 5 Sternen
Es gibt keine Wunder!, 12. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Das Wunder von Moghilev. Die Rettung von zehntausend Juden vor dem rumänischen Holocaust (Gebundene Ausgabe)
Als eine der Achsenmächte, nahm Rumänien an dem Überfall auf die Sowjetunion im Juli 1941 teil. Kurz darauf setzte die systematische Vernichtung der Juden durch die rumänischen Behörden ein, wobei das in erster Linie die Juden in Bessarabien und der Bukowina betraf, Gebiete, die Rumänien nach dem Ersten Weltkrieg zugefallen waren. Die Massendeportationen nach Transnistrien, einem von Rumänien annektierten Gebiet zwischen Dnister und Bug, begannen im Herbst 1941. Der Abschlussbericht der Wiesel-Kommission, dem internationalen Gremium, das den Holocaust in Rumänien erforscht hat, ist zu entnehmen, dass im Zeitraum 1941 - 1944 in Transnistrien zwischen 280.000 und 380.000 Menschen durch Exekutionen, Hunger und Seuchen umgekommen sind.
Moghilev-Podolsk wurde ein Durchgangslager für die deportierten Juden und hier übernahm Siegfried Jägendorf, ein ehemaliger Siemens-Schuckert-Direktor aus Czernowitz, die Führung einer verfallenen und kriegszerstörten alten Gießerei. Schnell gelang es ihm, zusammen mit seinen jüdischen Mitarbeitern, die alten Maschinen wieder in Gang zu setzen und die Stromversorgung der Stadt sicherzustellen. Damit hat er sich den Respekt der rumänischen Besatzungsbehörden erworben, ist zu einem existenziell wichtigen Arbeitgeber für viele verfolgte und bedrohte Menschen geworden und hat sich damit die Unterstützung der jüdischen Gemeinde vor Ort gesichert. Aber hat er auch, wie Titel und Untertitel des Buches besagen, "Das Wunder von Moghilev" bewirkt und "Die Rettung von zehntausend Juden vor dem rumänischen Holocaust" erreicht? Um es klar und unmissverständlich zu sagen: Dieses Buch ist wichtig und richtig, aber diese Aussagen schießen angesichts der vorgelegten Fakten weit über das Ziel hinaus.
Jägendorf bewegte sich - ob bewusst oder nicht - in dem Widerstreit zwischen Kollaboration und einer sehr begrenzten Selbstverwaltung und Interessenvertretung für die Deportierten. Folgerichtig geraten auch die Kommentatoren und Leser seiner Memoiren in eine ähnliche Zwickmühle. Letztlich kommt es aber nicht darauf an, seine Handlungen zu bewerten, sondern es ist wichtig, festzustellen, was sich in Transnistrien in den Jahren 1941-1944 tatsächlich zugetragen hat. Dazu erfahren wir in diesem Buch jedoch zu wenig, selbst wenn die Hinweise auf den Verbleib verschiedener Dokumente sehr interessant sind. Das ist ein gute Basis für weitere Untersuchungen und man kann getrost die Wundergläubigkeit in den Bereich der Religionen verbannen, dorthin, wo sie ihren Ursprung und ihre Daseinsberechtigung hat.
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