Peter V. Zima (geboren 1946 in Prag) ist Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft (Komparatistik) an der Universität Klagenfurt.
Zima ist nicht nur im Bereich der Literatur ein wichtiger theoretischer Denker, sondern auch in den Bereichen Philosophie und Sprachwissenschaft.
Ich habe bei Herrn Prof. Zima die Vorlesung "Einführung in die Vergleichende Literaturwissenschaft" besucht und bei dieser Gelegenheit sein Buch "Komparatistik" mit Begeisterung gelesen. Weiters hab ich von ihm "Die Theorie des Subjekts", "Strategien der Verdummung: Infantilisierung in der Fun-Gesellschaft" (in Andenken an Ulrich-Schulz Buschhaus, ein weiterer, leider schon verstorbener, exzellenter Professor für romanische Literaturwissenschaft in Graz, bei dem ich einige Vorlesungen besuchte) und eben "Moderne/Postmoderne" gelesen.
Interessant sind Zimas Bücher deshalb, weil er eine Unmenge an bekannten Namen aus den genannten Bereichen anführt. Er geht meistens in seiner Arbeit so vor, dass er Theorien von führenden Köpfen in den Bereichen: Literatur- und Sprachwissenschaft aber auch Philosophie, Soziologie und Psychoanalyse darlegt, aus den verschiedenen Werken zitiert und miteinander in Verbindung setzt.
Man muss sich jedoch wirklich für das Thema interessieren, weil Zima stets ins Detail geht und ein gewisses Vorwissen in der jeweiligen Materie voraussetzt.
In Moderne/Postmoderne geht es zunächst darum, diese zwei Begriffe zeitlich und inhaltlich zu definieren.
Wann beginnt die Moderne, wann die Postmoderne? Hier präsentiert Zima verschiedene Modelle zur Erklärung und kommt zu dem Schluss, dass die Moderne von der Aufklärung bis 1950 reicht und die Postmoderne 1905 bzw. 1950 beginnt. 1905, weil hier die Infragestellung der Wertesysteme beginnt. Zima versucht wichtige Literaten und Philosophen wie Baudelaire und Nietzsche, Kafka und Pirandello als Ausgangspunkt für die Entstehung, für den Beginn der Moderne bzw. der Postmoderne zu setzen und hinterfragt ob das überhaupt möglich ist und wenn ja, warum manche Schriftsteller oder Philosophen eher zu einer Epoche zu rechnen sind als zu einer anderen.
Es fließen in diesem Buch aber auch reichlich Überlegungen hinsichtlich der Bedeutung der zwei Begriffe Moderne/Postmoderne: was bedeutet Moderne, was Postmoderne und wodurch gelingt der Übergang von der einen zur anderen Epoche?
Die Moderne ist, grob gesagt, gekennzeichnet durch eine Infragestellung der Wertesysteme. Schlagworte sind: Realismus, Hegel, Geschichte, Max Weber, Rationalismus u.a.
Die Moderne wird aber auch vom Begriff des Modernismus getrennt, der als Spätmoderne verstanden wird und als Selbstkritik der Moderne gilt.
Zima versucht Moderne, Spätmoderne und Postmoderne nicht nur getrennt voneinander zu betrachten sondern zusammen zu denken. Diese drei Begriffe dürfen nicht rein chronologisch betrachtet werden, sie müssen vielmehr als Problematiken konstruiert werden. Es gibt viele Gedanken, Theorien und Personen, die sowohl zur Moderne als auch zur Postmoderne gerechnet werden können. Die zeitliche aber auch inhaltliche Abgrenzung dieser Begriffe ist nicht sinnvoll und auch nicht zielführend wenn man verstehen will, warum sich Werte verschieben und was genau in der Gesellschaft und in den Köpfen der Leute vor sich geht.
Stichworte für die Postmoderne: radikaler Pluralismus, Partikularismus, Indifferenz
In der Postmoderne werden jene infragegestellten Werte austauschbar, nicht nur Werte werden austauschbar, sondern auch Beziehungen, Ideologien und sogar das Individuum.
In der Postmoderne herrscht eine partikularistische Anschauung der unterschiedlichsten Phänomene in der wissenschaftlichen Welt. Partikularistisch bedeutet für Zima nichts anderes als Übergenau, überpräzisiert. Das geht so weit, dass sich Phänomene (wie z.B. das Subjekt) dann auflösen und nicht mehr bestehen. Diese Auflösung steht in enger Verbindung mit dem Wort "Dekonstruktion" und trägt nicht wie bei den Konstruktivisten und Strukturalisten dazu bei, eine Welt, eine Ideologie, ein Konstrukt und ein Modell zu erschaffen, sondern umgekehrt, die Dekonstruktion ist dafür da, Werte, Ideologien und Modelle zu zersetzen bis sie sich schließlich auflösen. Anfangs dieses Prozesses entsteht eine Umkehrung der Werte in ihr Gegenteil (der Platonismus wird zum Antiplatonismus z.B.), danach kommt es zu einer radikalen Pluralisierung der Werte, es gibt unbegrenzt viele Wertmöglichkeiten und alle haben ihr Daseinsrecht. Am Ende beginnt die Zersetzung und Auflösung in der Werte, Worte, Ideale und Theorien sogar etwas anderes bedeuten, wenn sie wiederholt werden. Es gibt nichts Feststehendes mehr, deshalb wird auch alles austauschbar.
Die Postmoderne Anschauung, der Partikularismus kulminiert - nachdem es durch eine Phase der Ambivalenz und des Zynismus gegangen ist - in die Indifferenz, in die Gleichgültigkeit.
Partikularismus ist die Antithese zum Universalismus, zum so genannten Einheitsdenken. Als Einheitsdenker wären z.B. Marx, Stalin und Platon zu erwähnen.
In der Postmoderne wird nicht eine Ideologie verfolgt und ist nicht die Einheit bestimmend sondern die Vielfalt.
Es kommt außerdem zu Sinnverschiebungen, Gedanken und Sachen werden nicht voneinander getrennt beobachtet und beschrieben, Vernunft und Wahnsinn zum Beispiel können nicht voneinander getrennt betrachtet werden denn sie liegen eng beieinander und bedingen sich auch einander.
Laut Zima oszilliert die Postmoderne zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen, wobei sie beim Besonderen verweilt. Ist es möglich beide unter einem Hut zu bringen? Wenn Trennung nicht mehr möglich ist, wie kann man das Besondere und das Allgemeine zur Synthese bringen? Diese und ähnliche Fragen werden in diesem Buch behandelt, so dass für mich seine Bücher zum Großteil zum philosophischen Genre gehören.
Zur Untermalung seiner Vergleiche zwischen Moderne und Postmoderne behandelt Zima folgende Personen genauer: M. Foucault, R. Rorty, J. Baudrillard, G. Deleuze, F. Lyotard, J. Derrida, Z. Bauman, T. Bernhard, A. Moravia, R. Musil, M. Proust, M. Weber, A. Touraine, Hegel, J. Habermas und einige mehr.
Im Folgenden noch einige Textstellen aus dem Buch "Moderne/Postmoderne":
Denn während das System im Hinblick auf die Organisation von Produktion und Arbeit nach wie vor Vorsorge, Fleiß und Selbstdisziplin, Hingabe an die Karriere und den Erfolg verlangt, fördert es im Konsumbereich die Haltung des carpe diem, d h. Verschwendung, Angeberei und die zwanghafte Jagd nach Amüsement. (D. Bell)
Die Flucht in die Mode (als Dandytum) und in die paradis artificiels (Baudelaire), die mitten im 19. Jahrhundert einigen wenigen vorbehalten war, ist heute eine kollektive Erscheinung.
Es macht sich ein Verlust des historischen Bewusstseins bemerkbar, wobei die historische Perspektive tendenziell von einer räumlichen verdrängt wird, weil vor allem die Medien dazu neigen, das historische Nacheinander durch Fragmentierung und ein unvermitteltes Nebeneinander zu ersetzen. Diese mediale Einwirkung auf das Bewusstsein hat wiederum zur Folge, dass Empfindungen und Gefühle sehr labil geschichtet und nicht mehr Personengebunden sind, weil sie in dem von den Medien geschaffenen Raum der "Weltereignisse" und der "Weltkultur" frei flottieren. Dies führt zu dem Schluss, dass das postmoderne Bewusstsein in einem von modernen Technologien beherrschten Raum gefangen ist, aus dem es nicht auszubrechen vermag.
Gibt die Indifferenz nicht den Rahmen ab, in dem nationalistische, liberale, fundamentalistische, feministische und konservative Ideologien gegeneinander antreten?
...ersetzt Baudrillard durch einen "Rausch an der bloßen Oberfläche" ... "So verwirklicht sich die Prophezeiung: Wir leben in einer Welt, in der die ureigenste Funktion des Zeichens darin besteht, die Wirklichkeit verschwinden zu lassen und zugleich dieses Verschwinden zu tarnen. Die Kunst tut in der heutigen Zeit nichts anderes. Die Medien tun nichts anderes." Dieses Verschwinden der Wirklichkeit, das völlig unbemerkt vor sich geht, bezeichnet Baudrillard als "crime parfait", als "perfektes Verbrechen".
Das Fernsehen trichtert uns Gleichgültigkeit, Distanziertheit, Skepsis und bedingungslose Apathie ein.
Aids, Börsenkrach, elektronische Viren und Terrorismus sind nicht austauschbar, aber sie sind irgendwie miteinander verwandt.
... postmodernen Philosophen ...
Zu Zielscheiben ihrer Kritik werden die hier kommentierten Schlüsselbegriffe Geschichte, Notwendigkeit, Subjekt, Wesen, Wahrheit, Totalität, Wissenschaft, Arbeit und Dialektik. Als Alternativen erscheinen ihnen stark partikularisierte (Nicht-) Begriffe wie ewige Wiederkehr, Zufall, Körper, Sprache, Macht, Vielfalt, Kunst, Spiel - und ein Denken, das auf das Partikulare, das Einmalige und Unvertauschbare ausgerichtet ist.
... der Philosoph hält Ausschau nach Alternativen: Nicht die Reflexion, sondern das Vergessen; nicht der Widerspruch, sondern die tilgende Infragestellung; keine Versöhnung, sondern Wiederholung; kein Geist, der mühsam seine Einheit sucht, sondern eine unendliche, von außen herangetragene Zersetzung; keine Wahrheit, die am Ende der Tage aufleuchtet, sonder das Rinnen und die Ohnmacht einer Sprache, die schon immer begonnen hat.