Mit seinem Buch "Moderne Nazis" belegt der Journalist Toralf Staud, dass die Hoffnung, die von rechtsextremen Parteien ausgehende Bedrohung könne durch deren Nichtwahl gebannt werden, illusorischen Charakters ist. Die Gefahr liegt nicht in einem möglichen Einzug der NPD in den Bundestag, sondern in ihrem Machtzuwachs, der sich abseits der öffentlich wahrgenommenen Politik vollzieht. Die Vorstellung, dem Problem allein durch Ausgrenzung auf Bundesebene begegnen zu können, offenbart sich als Trugschluss. Die angestrebte Umwandlung der Gesellschaft vollzieht sich hier von unten nach oben; die Kurzsichtigkeit und Ignoranz der Politik ermöglicht den Aufstieg rechtsradikaler Demagogen. Eine Auseinandersetzung mit den Programmen und Positionen extremistischer Parteien ist also unumgänglich. Darüber aufzuklären ist Anliegen des Autors.
In zehn Kapiteln beschäftigt sich Staud mit Geschichte, Struktur und Programmen der NPD. Dass sich faschistisches Gedankengut nach dem zweiten Weltkrieg nicht einfach in Luft auflösen würde, dürfte wohl kaum überraschen. Abgesehen von politisch unbedeutenden Kleinstparteien spielten diese Strömungen in der Politik der Bundesrepublik jedoch kaum eine Rolle. Die Lehren, die die Politik aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts gezogen hatte, mündeten in ein Bekenntnis zur demokratischen Staatsverfassung, selbst wenn dies bedeutete, im Wahlkampf zu unterliegen. Rechte, die weder Demokratie noch Grenzen Deutschlands anerkannten, waren im politischen Diskurs marginalisiert und gesellschaftlich diskreditiert. Der Kurs der frühen NPD war konservativ und antikommunistisch, der Bestand der Partei kontinuierlich gefährdet.
Eine Veränderung der Parteiideologie vollzog sich entlang der politischen Veränderungen um die Zeit der Wiedervereinigung. Mit den neuen Bundesländern und einer veränderten weltpolitischen Lage traten auch neue Probleme auf, denen wirksam zu begegnen auch die NPD versprach. Die Globalisierung birgt nicht nur Chancen, sondern auch Ängste; Möglichkeiten des internationalen Marktes werden mit der Verminderung regionalen politischen Einflusses bezahlt. Diesen zu maximieren ist oberstes Anliegen rechter Politik; erreicht werden soll dies durch weltpolitischen und -wirtschaftlichen Isolationismus sowie die freimütig zugegebene Abschaffung des demokratischen Systems zugunsten eines diffusen, kollektivistischen Konstrukts von "Volk", in dem jede Form von Pluralismus ausgeschlossen und die Rechte des Individuums absolut den Interessen des Staates unterworfen sind. Die neue Parteilinie ist revolutionär-antikapitalistisch. Eine Lösung für die tatsächlichen Probleme der Gegenwart und der veränderten weltpolitischen Situation bietet die Politik der NPD also nicht. Doch versteht es die Partei, vorhandene Ängsten und Ressentiments in ihrem Sinne zu instrumentalisieren.
Neben einer Darstellung der Parteigeschichte und -ideologie porträtiert Staud die wichtigsten Personen im rechten politischen Spektrum und gibt einen kurzen Überblick über die veränderte Jugendkultur der Gegenwart. Rechte Inhalte haben es heute einerseits wesentlich leichter, sich in Musik, Mode etc. zu äußern. Andererseits bedeuten diese Veränderungen für die NPD eine erschwerte Profilierung: Rechte Ansichten in einzelnen Aspekten führen nicht zu einer nationalen Gesinnung, sie sind - wie andere Sinnangebote - austauschbar, erheben keinen Anspruch auf Verbindlichkeit und sind vom Mainstream beeinflusst. Dem gegenüber stehen Regionen in den neuen Bundesländern, in denen sich Rechtsextreme vorbei an rechtsstaatlichen Prinzipien reale Macht und Terror gegen Andersdenkende ausüben.
Was tun? fragt der Autor zum Abschluss seines Buchs und gibt als Antwort 12 Punkte, die als Maximen für den Umgang mit Rechten gelten könnten: Nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen sind ebenso wichtig wie das korrekte Behandeln der politischen Gegner. Die NPD zu verbieten würde nur zu einer Neuorganisation in anderer Form führen, wichtig aber ist, rechte Positionen zu widerlegen. Dies steht im übrigen nicht im Widerspruch zur Ächtung rechter Straftaten. Die Möglichkeit, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, muss Szeneaussteigern offen stehen. Themen, über die die NPD Sympathien auf sich zieht, müssen ihr streitig gemacht werden. Dies geschieht bisher fast ausschließlich über private Initiativen, während die "große Politik" die NPD-Wahlerfolge mit sozialen Problemen zu entschuldigen sucht - ein Kurzschluss, wie Staud hier zeigt. Er betont zudem die Bedeutsamkeit der begrifflichen Unterscheidung, wenn es z.B. um Vergleiche von NPD mit der PDS oder um Rechts- und Linksextremisten geht: Die PDS ist, wenn auch am äußersten linken Rand, eine demokratische Partei, die NPD hingegen will das System des demokratischen Parlamentarismus abschaffen. Rechtsextreme Gewalt richtet sich gegen Schwache und Ausgegrenzte und kommt beinahe tagtäglich vor, linksextremistische Gewalt richtet sich gegen Starke und steht rein zahlenmäßig in keinem Verhältnis zu rechten Straftaten. Gleichsetzungen in diesem Bereich können nur als Kenntnislosigkeit in der Materie gewertet werden. Am wichtigsten jedoch ist die aktive Begegnung des Problems: Demokratische Werte müssen vermittelt werden, alternative Jugendkulturen und Initiativen gegen Rechtsextremismus und für Pluralismus sind zu fördern. Erst wenn das Bewusstsein der Möglichkeiten und persönlichen Verantwortung bei jedem einzelnen angekommen ist, lassen sich Wege finden, der Bedrohung von Freiheit und Demokratie, die von rechtsextremistischen Parteien ausgeht, wirksam zu begegnen. Stauds Buch leistet dazu sicherlich einen kenntnisreichen und wertvollen Beitrag zur Aufklärung, auch wenn die Aktionsmöglichkeiten anteilsmäßig sehr kurz kommen.