Was zur Handlung, zu den Darstellerin, zur Stimmung und zur Musik zu sagen ist, hat freundlicherweise Rezensentin Tanja Heckendorn schon beschrieben, und ich stimme mit ihr überein, dass dies ein höchst vergnüglicher Film ist. Ein paar Ergänzungen - spontane Eindrücke des soeben gesehenen Filmes, der bei näherem Hinsehen doch etwas seltsam ist. Objektiv gesehen könnte man nämlich so manches an ihm kaputtreden. Betrachtet man jedoch die scheinbar ziemlich groben Nachlässigkeiten des Filmes in seinem Gesamtzusammenhang, so fallen sie entweder kaum noch ins Gewicht oder wandeln sich sogar in Vorteile.
Der Film ist strunzdämlich und randvoll mit absurden Handlungselementen bar jeglicher Logik. Der Plot ist überkonstruiert, die Schluss-Auflösung diverser Missverständnisse allzu gewollt und völlig an den Haaren herbeigezogen, die Millie sich doch abgeschnitten hatte. Ein Krimi- und ein Beziehungsplot gehen eine unheilvolle mésalliance ein, bei der das eine mit dem anderen lange Zeit nur sehr wenig miteinander zu tun hat. Dadurch verliert der Film seinen in der Anfangsphase wichtigeren Krimi-Strang zeitweise völlig aus den Augen. Man fragt sich, warum der verlorene Faden nicht wieder aufgenommen wird. Am Ende ist er jedoch so fest in den Händen der Protagonisten, dass man sich fragt, warum sich nicht mal wieder das Musical zu Wort meldet. Hinzu kommen handwerkliche Mucken wie erstaunlich miese Rückprojektionen und Anschlussfehler: Julie Andrews KANN bei ihrem Fenstersturz nicht so weit geschleudert werden, dass sie sich an der Fahnenstange festhalten kann. Sie reißt ein den ganzen Film begleitendes symbolträchtiges Herz-As quer durch, in der folgenden Großaufnahme schien es aber herzzerreißender" auszusehen, wenn der Ratsch diagonal durch das Kartenherz geht. Dann haben wir noch die üblichen Klischees wie dasjenige vom bösen Chinesen, der sich vorzugsweise mit dem Betrieb einer Wäscherei tarnt.
Und der Film ist wundervoll, nicht einmal trotz alldem, sondern fast schon wegen alldem (auch wenn ich in der Schlussphase tatsächlich die Musicalnummern etwas vermisst habe). Das ist nämlich ein sehr bewusster höherer Blödsinn, bei dem ich das Gefühl hatte, Regisseur George Roy Hill hat sehr genau gewusst, was er da tat. Und wenn er auch mal die Beine hochgelegt und den Dingen ihren Lauf gelassen hat. Nein, perfekt ist dieser Film nicht. Aber sein ganz großes Plus ist, dass er's auch nicht sein will, dass das Unperfekte in seiner Lässigkeit Methode hat (und dennoch lässig wirkt), und dass andere Aspekte wiederum perfekt sind. Perfekt fängt der Film nämlich die Zeit ein, in der er spielt, die flippigen zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Und der nostalgischen Gefühle wegen ist er auch selbst ein bißchen wie ein Film der Zwanziger gemacht. Da wurden halt mal Dinge mit nicht so ganz durchkonstruierten Storys heruntergekurbelt. Da waren die Rückprojektionen mies. Da ging es um Schau- und Unterhaltungswerte, und auch im Stummfilm um (Begleit-)Musik, Tanz und Bewegung. "Modern Millie" bietet all dies satt. Vieles lässt ihn wie einen Stummfilm oder frühen Tonfilm aussehen: Bei den Szenenwechseln löst das neue das alte Bild durch Übergänge in allen erdenklichen Formen ab (die gute alte Kreisblende, ein Dreieck öffnet sich im alten Bild, und vieles mehr), was seinerzeit sehr populär war und später einer eher unsichtbaren Art des Szenenüberganges gewichen ist (vielleicht ist kein Zufall, dass das große Kind George Lucas diese Technik konsequent bei den sehr märchenhaften Star-Wars-Filmen anwendet). Der Film hat eine Akrobatiknummer, eine Kombination aus Akrobatik und Klopperei, ein paar künstlich beschleunigte Szenen, Slapstickeinlagen mit Hochhausklettereien und Fast-Abstürzen sowie im wahrsten Sinne des Wortes ein Feuerwerk an Gags aus purer kinetischer Energie. Das wirkt slapstick- und cartoonhaft verfremdet. An Cartoons erinnert auch die Tatsache, dass gewaltsam betäubte Menschen nicht einfach zusammensacken, sondern mit geöffneten Augen und scheinbar wachem Gesichtsausdruck einfach reglos stehen- oder sitzenbleiben.
Doch die Energie dieses Filmes lässt sich nicht so einfach betäuben. Selten war der Begriff "motion picture" so passend wie hier. Das ist pures Bewegungskino, so wie der Stummfilm noch stolz war, "bewegtes Bild" zu sein. Darin ist "Modern Millie" eben doch perfekt - und ziemlich lustig. Das Ganze ist bis aufs Kleinste durchchoreographiert, und zwar auch dann, wenn nicht gesungen und/oder getanzt wird. Allein die ersten fünf Minuten sind eine wahre Sinfonie aus Bild und - insoweit doch anders als beim Stummfilm - Ton. Der subjektive Kamerablick durch die Augen einer Verbrecherin, das mechanische, rhythmische Quietschen eines Korbwagens, das Chloroformieren eines Opfers just nach der letzten Note ihres Gesanges, das fast schon musikalisch-rhythmische Dröhnen des kaputten Fahrstuhls, den man stets nur mit Stepptanz zum Laufen bringen kann. Und so wird es weitergehen. Hier sitzen selbst kleine beiläufige Handbewegungen, Blicke, auch einmal Pseudo-Handkantenschläge so traumwandlerisch sicher wie jeder Tanzschritt (vielleicht gab es deswegen gegen Ende wenige Musicalnummern, weil im Grunde der ganze Film eine einzige Choreographie ist). Dabei achtet die Kamera gern auf liebenswerte oder skurrile Details, führt beispielsweise Frauen erst einmal durch die Art und die Rhythmik ihres Ganges ein (auch wieder so ein choreographisches Element). Der Film achtet ferner - hier doch wieder vom Stumm- und frühen Tonfilm unterscheidbar - auf die Farbgebung, die nicht nur allgemein prächtig und satt ist, sondern auch bewusste Akzente setzt. Natürlich fällt das knallrote Cabriolet eines Protagonisten besonders auf, ist herrlich ungeeignet zum Spionieren, sehr geeignet zum Knutschen (mit "rot ist die Liebe" fährt man gar nicht so schlecht), und vielleicht hat dort der große Douglas-Sirk-Kameramann Russell Metty seine Spuren hinterlassen. Farbakzente wie das Auto werden gern einmal übervoll ins Bild gesetzt (wie oft gab es Vergleichbares bei Sirk!) oder mit einem Bild kombiniert, aus dem alle Farben herausgenommen sind (Millies Hutschmuck in einem Vorläufer moderner Großraumbüros voller grauer Mäuse und einer strengen Obermaus). Dieser Film ist in vielen Details derart aufmerksam inszeniert, dass er sich selbstbewusst einen Dreck um gewisse filmische Konventionen scheren kann und die Handlung etwas unstet dahinplätschern lassen und mit seltsamen Tonlagenwechseln garnieren darf. Er macht einfach Laune, ist noch im Unperfekten perfekt und trotzdem sehr locker.
Die DVD hat gute Bild- und Tonqualität, als Extra leider nur den Trailer.