Diese aussergewöhnliche Publikation ist der Katalog No. 110 der A.Krupp v. Bohlen und Halbach-Stiftung, und ist bei Sternberg Press, New York-Berlin, 2006 erschienen. Katja Eydel präsentiert darin ihre Fotographien zu Architektur in der Türkei, unterteilt in -Repräsentative Feiertage; -Architektonische Stile; -Musterinstitutionen. Die Bilder sind, neben selbstverständlich perfekter Ausführung, erhellend, fast klinisch beleuchtend.
Ihrer Einleitung sind drei Texte zur Seite gestellt. Ariane Müller schreibt in "Seinesgleichen geschieht" zu Ankara, Wien, und dem türkischen Bürgertum, und analysiert Eydels Herangehensweise. Zitat: "Es ist tatsächlich ein Teil des Dramas der türkischen Bourgeoisie, dass sie die Trennung oder Entfremdung wünscht, aber nicht leben kann. Und dass sie all die Zeichen in der Stadt benötigt, um das Begehren nach einem Woanders aufrechtzuerhalten. Und es ist das Drama dieser Zeichen, dass sie von dort kamen, aus der deutschen und österreichischen Ideengeschichte, wo man sich ihrer gerade entledigt hatte. ... Nicht erwiderte Briefe. Die durch den Blick der Fotografin,..., wieder gelesen und damit beantwortet werden." S. 36.
Bernd Nicolai, "Modernisierung im Schatten Europas. Die kemalistische Türkei im Spiegel von Fotografie und Architektur", beschreibt den "Aufbau des Kemalismus" und dessen umfassende Einbindung der Architektur und neuer Medien. Neben sehr interessanten Hinweisen auf die Türkei als einem nicht kolonisierten Land, das "jedoch im Rahmen der emanzipatorisch begründeten kemalistischen Modernisierung eine Kolonisation nach innen durchführte", beschreibt er auch vier Etappen der Architektur bis in die fünfziger Jahre (Erster und Zweiter Nationaler Stil, dazwischen eine synthetisierte Moderne, danach der sog. International Style).
Der Text von Bülent Tanju, "10 kurze Bemerkungen zu Begegnungen mit der Moderne: die türkische Version" bietet ein philosophisch informiertes Register von Begriffen wie etwa Waisen; Schranken; Furcht; Figur; die er zwischen Prolog und Epilog aufbreitet. Er geht darin etwa auf die Besonderheiten der "osmanischen Begegnung mit der Moderne" ein, und nimmt u.a. "Väter und Söhne" als Modell für einen höchst scharfsichtigen Blick auf die Moderne, die Türkei, und beider Tango miteinander.
Der Katalog sollte in keinem an der Türkei interessierten Haushalt fehlen - die Fotos benötigen nicht viel an Erklärung. Die Texte sind nur auf Deutsch und Englisch - dass eine türkische Übersetzung fehlt, ist ein Manko des Bandes: m.E. leider ein grosses.