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54 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Grosse Weltliteratur grossartig interpretiert, 23. Januar 2005
Über 70 Bücher hat der streitbare Theologe, Therapeut und Schriftsteller Eugen Drewermann bisher verfasst, was etwa der Durchschnittsproduktion von zwei Werken pro Jahr entspricht. Irgendwann würde ich ihn gerne persönlich fragen, wie er das schafft. Bei dieser Gelegenheit würde ich ihm aber auch gratulieren und jede Bemerkung der Geringschätzung vermeiden. Denn einige seiner Bücher begleiteten mich auf wichtigen Lebensabschnitten. Bei diesem Buch über Moby Dick ist das ein bisschen anders. Die Lektüre beamte mich zurück in meine Jugend, weil mich die Geschichte vom weissen Wal ebenso beeindruckte wie Winnetous Abenteuer oder Jim Knopfs Eisenbahnreisen.Der Interpretationsteil umfasst 440 Seiten, der Anhang mit Bildbeschreibungen, Anmerkungen und Literaturangaben nochmals 100 Seiten. Den Anstoss zur Lektüre gab mir die Hörbuchfassung mit 10 Cds in der Bearbeitung von Klaus Buhlert, auf die ich auf der Suche nach den gesammelten Werken meines Lieblingssprechers Rufus Beck stiess. Die Moby Dick-Version meiner Kindheit war kürzer und so zurechtgebogen, wie sich Erwachsene Kinderphantasien eben vorstellen. Erst Rufus Beck und seine Kollegen machten mich also mit der tatsächlichen Welt von Herman Melville bekannt. Und Eugen Drewermann gibt dem Ganzen noch eins oben drauf, indem er in die Tiefe geht. Zu den Spezialitäten seiner Interpretation gehört, dass er zur Erläuterung seiner Beobachtungen immer die entsprechenden Textpassagen zitiert. Und da er dies so ausführlich und geschickt macht, lässt sich sein Buch sogar mit Genuss lesen, ohne die Originalvorlage zu kennen. Erst nachdem ich Drewermanns Überlegungen gelesen hatte, besorgte ich mir eine ungekürzte Fassung von Moby Dick, was aber eher Vollständigkeitswahn als Notwendigkeit ist. Nun teile ich Auffassung, dass Moby Dick ganz grosse Weltliteratur ist. Die Einschätzung teilen nicht alle, was an der konsequenten Haltung des Autors liegen mag. So wie Meville das Böse gnadenlos seziert, legt Drewermann die tiefenpsychologischen Hintergründe absoluten Handelns auf den Tisch. Ich kam mir vor, wie wenn ich einem Chirurgen beim Arbeiten zusehe, der seinerseits einem Chirurgen über die Schulter blickt. Schon lange fesselte mich eine solche Lesehaltung nicht mehr so stark. Klar, wurde ich dabei auch müde. Aber das Schöne an Büchern ist ja, dass man die Pausen selber bestimmen kann, wovon ich ausgiebig Gebrauch machte und schliesslich auf eine Lesedauer von drei Monaten kam. „Niemals wird die Magie des Bösen mächtige wirken, als wenn jemand glaubt, das Böse besiegen zu können mit den Instrumenten des Bösen." Dieser Satz Eugen Drewermanns erinnert erschreckend an die Rhetorik von Bush junior und zeigt, wie aktuell Mevilles Jahrhundertgemälde ist. Die Frage, ob der Zeck die Mittel heiligen darf, steht ja auch bei Robert Schneiders „Kristus" im Zentrum. Aber gerade Drewermanns Interpretation macht deutlich, weshalb Mevilles Antwort zeitlos ist und die von Schneider nicht. Nur wenn wir in den Geschichten der Helden unsere eigenen Geschichten finden, unsere Ängste, Verletzungen, Einsamkeiten, Träume und Hoffnungen, wird etwas aufgerissen. Nur so haben wir die Möglichkeit, neue Muster zu knüpfen, bessere Erzählungen zu erfinden und weiterzugeben. Wenn bei der mörderischen Jagd auf den weissen Wal alle Figuren ausser dem verwaisten Erzähler Ismael umkommen, ist dies kein Happy End, das Romane zu Bestsellern macht. Als Moby Dick 1851 erschien, prasselte vernichtende Kritik über den Autor, die allerdings formale Unzulänglichkeiten vorschob. Doch wie die folgenden Jahrzehnte zeigten, war Herman Melville seiner Zeit einfach weit voraus. Eugen Drewermann ist ein ungemein belesener Zeitgenosse. Wer so viel weiss und die Seele als bodenlose Schatztruhe menschlichen Daseins sieht, kann offenbar locker 70 Bücher schreiben. Aber bei diesem Werk braucht es gutmütige und neugierige Leser, die dem Autor das Verwischen einer klaren Argumentationslinie verzeihen. Ich garantiere aber allen, die sich auf das Leseabenteuer einlassen, reichliche Entschädigung für ihren Grossmut. Der Leser erfährt ganz viel über sich, über seine Seele mit ihren Abgründen und paradiesischen, unberührten, neu zu entdeckenden Ecken. Ein gewaltiges, aber kein gewaltsames Buch, das die Lektüre des Originals nicht überflüssig macht, aber nicht bedingt.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Nicht so angetan!, 23. September 2007
Ich kenne die Bücher E. Drewermanns seit "Tiefenpsychologie und Exegese" und bin zugleich ein großer Liebhaber des Originals von Moby Dick. Wie stets beeindruckt Drewermann den Leser durch eine fundierte Belesenheit. Nicht nur Moby Dick, sondern alle großen Romane Melvilles (Omoo, Tapee, Whitejacket usw.) sind im Text des vorliegenden Buches zum Vorteil der Darstellung präsent. Drewermann zeigt dem Leser daher durchaus beeindruckend, wie sich die Figur des Ahab und des Ismael aus früheren Werken weiterentwickelt hat. Aber dies ist für jemanden, der sich mit dem Thema Melville beschäftigt, nicht wirklich etwas Neues.
Mein Urteil wird beeinflusst von der zunehmenden Einseitigkeit der Interpretation in den Werken Drewermanns, die einen Teil der Leser mitreßen mag, den anderen Teil aber etwas ratlos zurücklässt. Ich meine die Rede vom großen Leiden der Menschheit und - vor allem hier - von Ahab als dem großen Leidenden.
Zugegeben, in Kapitel 41 wird in der Tat Ahabs Hass auf den Wal mit einer schweren seelischen Verletzung erklärt. Es findet sich darin aber auch einer dieser unvergleichlichen Melvilleschen Sätze wie: "But vain to popularize profundities, and all truth is profound." Vorliegend wird das Wunder der Figur Ahabs aber gerade zu einseitig popularisiert. Handelte es sich bei ihm nur um diese gequälte getriebene Seele, hätte der Roman nie diese Bedeutung erlangt. Das faszinierende an der Persönlichkeit Ahabs ist ja gerade ihre Unerklärlichkeit.
Wenn er nachts über das Achterdeck schreitet und dunkel über seine sich in den Kojen fürchtende Mannschaft raunt "You villains whelped by sharkish sea" entsteht ein großartiges Ungeheuer, das sich gegen seinen Schöpfer auflehnt und sein übersteigertes Verständnis von menschlicher Würde in einer einsam heroischen Tat gegenüber jeder übergeordneten Macht behaupten will: der Tötung des weißen Wals.
Jeder kann das am folgenden Kapitel 42 "The Whiteness of the Whale" nachprüfen, das nur vordergründig die Sicht Ismaels auf den Wal wiedergibt. Moby Dick ist nicht der Fokus einer Mannschaft Depressiver, wie das vorliegende Werk uns lehren will, sondern ein Symbol für die Unschuld der Natur wie für etwas über ihr stehendes Ewiges, nach der alle gierig greifen. Das Bewusstsein, diese "Weiße" nie erreichen zu können, schürt in allen Beteiligten die typisch menschliche Lust, es zu zerstören.
Meine Liebe zum Werk Drewermanns leidet in der letzten Zeit etwas unter dem zu schwarzen, traurigen und verletzten Ton, der durchgehend angeschlagen wird. Dieser mag aufgrund der Erlebnisse des Autors menschlich erklärbar sein, vereinseitigt aber die Betrachtungsweise doch immer stärker und lässt einige Getreue hinter sich. Jeder Leser findet sich natürlich in jedem Werk auf seine Weise wieder. Deshalb gibt es auch bei der Interpretation von Moby Dick einen Bereich des Unvertretbaren. Nur hat mir das vorliegende Werk eher etwas über die Adlersche Theorie vom Minderwertigkeitskomplex und der Kompensationsstrategie gelehrt oder von den Lehren Ranks zum Geburtstrauma, aber wirklich nichts Neues über das großartige Werk Melvilles.
Und dies ist der springende Punkt: Weil ich das Werk Melvilles schon seit Schülerzeiten liebe und oft gelesen habe, ärgert es mich, wenn es öffentlich als Projektionsfläche für subjektives Abarbeiten dieser Art herhalten soll.
Jedem Interessierten empfehle ich eher die Lektüre des Buches, und wenn es irgend geht, im Orginal. Die im Buch Drewermanns wiedergegebenen Zitate aus einer anderen deutschen Übersetzung jagen einem das Grauen über den Rücken. So schwülstig schreibt Melville nicht, sonst würde ihn heute in der englischsprachigen Welt keiner lesen.
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5.0 von 5 Sternen
Ein wertvolles Buch!, 12. Oktober 2008
Viele Jahre lese ich schon im Moby Dick. Mehrfach habe ich ihn ganz gelesen, und immer wieder nehme ich ihn, schlage irgendeine Seite, irgendein Kapitel auf und lese. Und dann kommt jedes Mal das große Staunen : Habe ich das Kapitel wirklich schon gelesen? Diesen Dialog schon gehört? Diesen Gedanken schon verfolgt? Es gibt für mich kein faszinierenderes, kein fesselnderes Buch, als eben der Moby Dick. Die große Frage für mich war immer, warum das so ist: warum kann ich den Moby Dick nicht aus der Hand lassen, warum faszinieren mich die einzelnen Sätze, Absätze, Szenen, Kapitel immer und immer wieder?
Ich gestehe: der Blick aufs Ganze, die großen Zusammenhänge sind mir verborgen geblieben - dazu ist dieses Buch zu vielschichtig, zu reich, zu umfassend. Das Bildungsniveau eines Herman Melville ist nicht jedermann gegeben; die Anspielungen, Andeutungen, Gleichnisse und Zitate sind einfach zu viel für einen Durchschnittsgeist. Und die komplexen Figuren des Buches sind mit ihren Äußerungen, Gedanken und Handlungen weit über den Text verteilt, zu weit, als das ich ihre Charaktere einfach hätte begreifen und zusammenfassen können.
Aber hier kommt Eugen Drevermann mit diesem "Buch Moby Dick oder: Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein". Er liefert endlich eine Deutung der Charaktere und der Abläufe. Damit beantwortet er meine offenen Fragen, insbesondere erkenne ich, was diese ewige Faszination des Meisterwerks Melvilles ausmacht: Dieser Roman beschreibt Menschen, richtige Menschen mit komplexen Charakteren. Es sind nicht diese holzschnittartigen Typen, wie wir sie aus den vielen anderen Büchern kennen; es wird nicht nur zur jeweiligen Geschichte eine passende eindimensionale Charakter-Projektion geschaffen, nein: im Moby Dick sind echte, vollständige Menschen beschrieben! Und Drewermann zeigt uns das allgemeingültige dieser Charaktere, erklärt uns, warum diese Menschen so und nicht anders handeln können. Und an Beispielen aus unserer Zeit macht er deutlich, wie zeitlos diese Charaktere sind, und dass diese Charaktere in jeder Generation immer wieder auftreten, mit ihren Handlungen und ihren Unterlassungen, mit ihren Siegen und ihren Niederlagen, mit ihren Freuden und ihren Ängsten. Nach Lektüre Drewermanns Buch liest man den Moby Dich mit anderen Augen und man blickt auch mit anderen Augen in die heutige Welt.
Und jetzt lese ich den Moby Dick weiter: wieder eine Seite aufschlagen und lesen und staunen. Nun aber mit erheblich mehr Verständnis als zuvor und mit noch mehr Freude als zuvor.
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