Moby-Dick ist kein Abenteuer Roman.
Wer sich dessen bewusst ist und sich an dieses Stück Weltliteratur heran wagt, stößt vielleicht auf die Frage: welche Übersetzung ist die Beste?
Meiner Meinung nach kommen überhaupt nur zwei in Frage.
Die von Friedhelm Rathjens erschienen bei Zweitausendeins
Und die von Matthias Jendis erschienen im Hanser Verlag.
Der Übersetzer Friedhelm Rathjens sagt: wenn sich das Original sperrig, kompliziert und gespreizt gibt, dann muss auch die Übersetzung originalgetreu sperrig, kompliziert und gespreizt sein.
Das bedeutet, dass Rathjen die langen Satzreihungen Melvilles eben nicht in getrennte Haupt- und Nebensätze auflöst.
Die im original nur durch Semikolons getrennten Wurmsätze, die sich nicht um Lesbarkeit scheren und sich manchmal über eine ganze Seite winden, werden von Rathjens so übersetzt, wie Melville sie vor über 150 Jahren aufgeschrieben hat.
Dadurch wird die Lektüre nicht vereinfacht, aber das möchte Herr Rathjen auch nicht.
Er unternimmt nicht den Versuch, den Roman "zu verbessern" oder ihn gefälliger zu machen.
Rathjen liefert eine möglichst getreue Kopie des Originals.
Der Übersetzer Matthias Jendis überarbeitete Friedhelm Rathjen Übersetzung.
Wo sich Rathjen den Exzessen der Melvillschen Sprache bedingungslos ausliefert
greift Jendis glättend ein und wählt im Zweifelsfall die leichter zu lesende Version.
Konsequent werden Satzungetüme entzerrt und Wiederholungen ausgelassen.
Dazu Friedhelm Rathjen: Der Bearbeiter hat den Text so sehr entrathjent, dass ich ihn nicht wiedererkannte.
Der Hanser Verlag brachte im Jahr 2001 Moby-Dick in der Übersetzung von Matthias Jendis heraus.
Die Kritik bescheinigte dieser Übersetzung eine hervorragende Arbeit.
Drei Jahre später brachte Zweitausendeins die Rathjens Übersetzung heraus.
Welches ist nun das bessere Werk?
Natürlich kann es hierauf keine allgemein gültige Antwort geben.
Jedenfalls bin ich froh, dass ich mich für die Version von Herrn Rathjens entschieben habe.