Moby-Dick oder The Whale, wie das Buch ursprünglich hieß, ist ein absoluter Klassiker der Weltliteratur. So viel steht fest. Es hat die Nachwelt sehr geprägt. Vielleicht nicht unbedingt literarisch, aber auf anderen Ebenen.
Der weiße Wal und Kapitän Ahab, die in dem Buch die Hauptakteure sind, sind auch heute noch allgegenwärtig. Kürzlich zeigte eine Karikatur sogar Präsident Bush als Kapitän Ahab auf seiner Suche nach dem weißen Wal.
Die Story von Moby Dick ist eigentlich weitläufig bekannt. Kapitän Ahab ist der Kapitän eines Walfängers, in einer Zeit in der der Walfang noch eine richtige Industrie in Amerika war. Bereits Jahre bevor die Geschichte spielt, wurde ihm von dem berüchtigten weißen Wal ein Bein im Kampfe abgebissen. Ahabs Wunsch nach Rache und die unbändige Jagd nach dem Wal sind nun das Grundgerüst der Geschichte. Was klingt wie eine spannende Abenteuergeschichte, ist jedoch viel mehr.
Hermann Melville schrieb die meisten Teile dieses monströsen Werks innerhalb von nur einem Jahr. Er widmete es seinem Freund Nathaniel Hawthorne, der ihm bei der Fertigstellung half und ihn viele tipps gab. Melville wollte plötzlich, wahrscheinlich ermutigt von Hawthorne, mehr als nur eine Abenteuergeschichte schreiben. Er wollte ein Buch schreiben, was nicht für den Markt gedacht war, sondern nur für sich. Er wollte alle seine Gedanken und Ansichten veröffentlichen. Melville schrieb nahezu das komplette Buch, ehe es 1851 zunächst in London veröffentlicht wurde, noch einmal um. Was dabei herausgekommen ist, ist dieser Schinken.
Melville zeigt nun zum Beispiel die Freundschaft zwischen Ismael und dem Kannibalen Queequeg. Er beschreibt, was für die Zeit sehr unnatürlich war, die Freundschaft sehr neutral. Für ihn war Queequeg kein dummer Wilder, der erstmal missioniert werden müsste, sondern einfach nur ein guter Mensch aus einer anderen Welt. Hier tuacht die Idee des edlen Wilden erstmals auf.
Des weitern geht es aber neben dem Walfang (und seinem technischen Vorraussetzungen) auch um Philospohie, Religion, dem Sinn des Lebens, usw.
Kapitelweise lässt Melville seine Hauptperson Ahab über die verschiedensten Dinge sinieren. Zwar kommt man auch ohne klar, doch an manchen Stellen lohnt es sich sogar, die Bibel gelesen zu haben. Es bleibt eigentlich nicht mehr viel von der abenteuer Geschichte übrig. Die Handlung wird teilweise gar nicht vorangetrieben. Es scheint als würde die Zeit zu stehen, wenn Ahab einen seiner zahllosen Monologe (was sehr stark an ein Drama errinnert) hält.
Meiner Meinung nach macht diese Tatsache eine Bewertung dieses Buches schwierig. Jemand der hauptsächlich Trivialliteratur liest oder eine Abenteuergeschichte lesen möchte, sollte die Finger davon lassen. Der Schreibstil ist sehr wechselnd. Wenn Melville über Seemannsgarn und kernige Seefahrergeschichten schreibt, ist die Sprache einfach, ja fast schon derbe, so wie man sie sich von Seefahrern vorstellt. In seinen philosophischen Anfällen ist die Sprache dann sehr eloquent und abgehoben, was aber nicht bedeutet, dass sie unbedingt schwerer zu lesen ist. Was viele Passagen etwas schwerer macht, sind die ellenlangen Beschreibungen des Walfangs und des Aufbaus eines Walfängers. Was hier an Fachvokabular verwendet wird, sollte selbst für einen Native Speaker, der mit Segeln nichts am Hut hat, schwer verständlich sein.
Man kann das Buch nicht so ohne weiteres Empfehlen. Wer aber interessiert ist, an Philosophie und Religion und sich nicht abschrecken läßt, wenn die Handlung kapitelweise nicht vorangetrieben wird, sollte es lesen. Es ist wirklich spannend, was für Gedanken Kapitän Ahab teilweise hat. Alle Leute die lieber einen Seeroman oder eine Abenteuergeschichte lesen wollen, sollten von Hermann Melville Typee lesen. Das ist nämlich ein spannendes Buch, was zu seiner Zeit auch erfolgreicher war als Moby Dick.
Ich gebe dem Buch trotz allem fünf Sterne, da ich es für einen Klassiker halte und Klassiker nun mal nicht zufällig zu welchen werden.