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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Moby Dick oder Der weiße Wal
OT Moby-Dick OA 1851 DE 1927Form Roman Epoche Symbolismus
Moby Dick gilt als das bedeutendste Prosawerk des amerikanischen Symbolismus. Der monumentale Roman verbindet Abenteuergeschichte, Walkunde und philosophische Reflexion.
Inhalt: Ismael, dessen Vorgeschichte und Lebenssituation im Dunkeln bleiben, beschließt wieder einmal zur See zu fahren, um »den Trübsinn zu verjagen«. Er begibt sich zunächst nach New Bedford (Massachusetts), dem Zentrum des amerikanischen Walfangs. Dort muss er in der Herberge das Bett mit dem Polynesier Quiqueg teilen, der jedoch rasch zu seinem Busenfreund wird. Bald fahren die beiden weiter nach dem älteren Walfängerhafen Nantucket, wo sie auf der »Pequod« anheuern.
Erst als sie bereits einige Tage unterwegs sind, bekommen sie ihren Kapitän zu Gesicht: Ahab. Seitdem er im Kampf mit dem weißen Wal Moby Dick ein Bein verloren hat, ist er voller Hass und kennt nur ein Ziel: Rache an dem Tier zu nehmen. Es gelingt ihm, seine Mannschaft einschließlich des zunächst skeptischen Maates Starbuck für dieses Ziel zu begeistern.
Monatelang kreuzt die »Pequod« in der See, fängt Wale und füllt ihre Öllager, begegnet anderen Schiffen und entkommt glücklich Unwettern ebenso wie Piraten. Im Pazifik trifft sie schließlich auf Moby Dick. Die Jagd auf ihn dauert drei Tage. Obwohl der weiße Wal ein Boot nach dem anderen zerstört und sogar die »Pequod« zum Sinken bringt, hält Ahab an seinem Ziel fest, bis er von seinem eigenen Harpunenseil in die Tiefe gerissen wird. Nur Ismael überlebt die Katastrophe an den Sarg geklammert, den Quiqueg sich in einer düsteren Vorahnung gezimmert hat.
Aufbau: Der in 135 Kapitel und einen Epilog gegliederte Roman handelt nicht in erster Linie von der Jagd auf Moby Dick die Schilderung dieses Ereignisses nimmt nur die letzten drei Kapitel ein. Im Vordergrund stehen das archetypische Motiv der »quest«, der Suche, und zwei Figuren, die unterschiedliche Arten der Suche verkörpern: der Ich-Erzähler Ismael und Ahab.
Die »quest« lässt sich verschieden interpretieren, etwa mythologisch als Rebellion gegen die göttliche Ordnung, als Hybris im christlichen Sinn, psychologisch als Erkundungsfahrt ins Unbewusste oder philosophisch als Suche nach dem Wesen der Dinge. Ein dichtes Netz entsprechender Anspielungen und Zitate überzieht den Roman, der dadurch einen enzyklopädischen Zug erhält.
Enzyklopädisch ist auch Ismaels Art der Suche; er verkörpert ein bemühtes Expertentum, das dennoch nichts versteht. Seinen Bericht über die Fahrt der »Pequod« unterbricht er immer wieder mit verarbeitungstechnischen, naturwissenschaftlichen, historiografischen und mythologischen Ausführungen über den Wal. Er beherrscht das Material jedoch nicht wirklich, sondern imitiert nur die Sprachen der verschiedenen Wissensgebiete. Melville erweist sich in diesen Kapiteln als Parodist vom Rang eines Laurence R Sterne oder R Jean Paul.
Ahabs Art der Suche hingegen ist die Aktion; er will handeln, »die Maske [des Sichtbaren] zerschlagen« und stürzt sich so ins Verderben. Melville setzt die verschiedensten Mittel ein, um der Figur titanische Dimension zu verleihen: Anspielungen auf Prometheus und Faust, bühnenhafte Szenen (inklusive Regieanweisungen), Monologe im Stil von R Shakespeare und eine heroisch-pathetische Sprache.
Beide Suchenden scheitern, doch Ismael gelangt schließlich zu der Einsicht: »
ich kenne ihn [den Wal] nicht und werde ihn niemals kennen.« Er kapituliert vor dem »nie zu fassenden Trugbild des Lebens«, das er in der Geschichte von Moby Dick gespiegelt sieht. Philosophisch verstanden, plädiert der Roman also für eine agnostizistische Haltung.
Wirkung: Zu Lebzeiten Melvilles stieß Moby Dick auf geteilte Zustimmung. Nicht alle Leser verstanden sogleich die komplexe Struktur des Werks, manche betrachteten es als formlos, einige erklärten den Autor schlicht für »verrückt«. Heute jedoch wird Moby Dick in einem Atemzug mit großen Romanen der Weltliteratur wie Henry R Fieldings Tom Jones (1749) genannt. Seine Popularität verdankt er zahlreichen Kinderbuch-Adaptionen und der Verfilmung von 1956 mit Gregory Peck als Ahab. P. E.