Neben den unzähligen thematischen Anregungen, die in den Roman eingeflossen sind (besonders erwähnt seien hier nur die 1839 erschienenen Erzählungen über den weißen Wal »Mocha Dick« von Jeremiah N. Reynolds), kommt dem Einfluß der Bibel und Shakespeares auf Sprache und Struktur des Buches eine überragende Bedeutung zu. Die Bibel diente Melville hier wie in allen seinen Werken als unerschöpfliche Quelle für vorgeprägte Namen, leitmotivische Grundsituationen und prophetisches Pathos. Die Anverwandlung Shakespearescher Elemente ist von beispielloser Vielfalt und Intensität. Ihren mehr äußeren Ausdruck findet sie im szenischen Aufbau, in der Verwendung des Monologs als Mittel zur Selbstergründung, in den komischen Interludien (z. B. der Predigt des Negerkochs an die Haie), den kosmischen Vorzeichen und Orakeln, in der Gestalt des Pip als dem direkten Vetter des Narren in King Lear und in Ahabs Ähnlichkeit mit Lear. In Wortechos, kühnen Verbindungen und Funktionserweiterungen von Wörtern (besonders den Partizipien und Adverbien gewinnt Melville überraschend neue Wirkungen ab) wird dieser Einfluß zu einem schöpferischen Prinzip und verbindet sich mit Melvilles ureigenen, kinästhetischen, rhythmischen und metaphorischen Besonderheiten. Unter diesen Aspekten stellt Moby-Dick die reichste, dynamischste, virtuoseste Entfaltung von Melvilles Sprachkunst dar. Für den eigentlichen Entwurfs des Buches hat der Autor aus seinen früheren Romanversuchen Kapital geschlagen: Die allegorisierende Struktur von Mardi verschmilzt mit dem Realismus von White-Jacket, der perspektivischen Ich-Erzählung eines Außenseiters in Redburn und der zwingenden mythischen Fabel von Typee. Unwiederholbarer Höhepunkt des Melvilleschen Romanschaffens, Sammelbecken einer reichen europäischen Prosatradition, ist Moby-Dick bei aller Assimilierung ein höchst originelles Buch, ein Mythos und Kunstgebilde seiner Art und eines der bedeutendsten Prosawerke des 19. Jh.s.