Da ich bereits Schmidbauers Buch über das Helfersyndrom kannte, legte ich mir aus gegebenem Anlass "Mobbing in der Liebe" zu. Denn in 2009 und 2010 wurde ich wegen meiner Abgrenzung von einem mir einst nahe stehenden Menschen in meinem Umfeld systematisch verleumdet und gemobbt.
Dieses Buch ist zwar in erster Linie auf Mobbing in Partnerschaften bezogen, liefert aber einen sehr umfangreichen Einblick in die Mobbingproblematik und hat mir dadurch sehr dabei geholfen, das Verhalten "meiner" einstigen Mobber, vor allem das der Inititatorin des Mobbing, besser zu verstehen. Daher empfehle ich es jedem Mobbingopfer.
Schmidbauer definiert den Mobbing- Begriff zunächst über seine "sieben Thesen zum Mobbing in der Liebe" (These sechs: "Mobbing- Gefährdete ziehen sich an")und macht neben Störungen in der Aggressionsverarbeitung z. B. auch die Kompensation früherer Verletzungen durch Perfektionismus für Mobbing verantwortlich.
Narzisstische Bedürftigkeit und die daraus resultierende Projektion sind ein fruchtbarer Nährboden für Mobbing. Zu Deutsch: wenn der Andere nicht hält, was wir uns von ihm versprochen haben, laufen wir Gefahr, in die Mobbingfalle zu tappen. Auch Neid betrachtet der Autor als eine der Hauptursachen für das Entstehen von Mobbing, welches uns vermittelt, "dass wir an dem Platz, so wie wir sind, nicht bleiben sollten...".
Mobbing ist lt. Schmidbauer u. a. eine "Drohgebärde, die Aufmerksamkeit für ein überlastetes narzisstisches System wecken soll".
Zu aktivem Mobbing neigen insbesondere Personen, die einen unbewussten Mangel empfinden. Je größer das Gefühl ihrer eigenen Unzulänglichkeit ist und je tiefer die Wunde der narzisstischen Bedürftigkeit/Kränkung aus ihrer Kindheit ist, umso weniger "Mängel" können sie am Partner akzeptieren.
Wenn sich die Projektion (Idealisierung) des Anderen nicht mehr aufrecht erhalten lässt, kippt die Stimmung. Falsche Vorstellungen gehen zu Bruch. Eigene Schwächen und Defizite werden lieber dem Gegenüber in die Schuhe geschoben als durch den Blick in den Spiegel an sich selbst erkannt.
Anhand einiger Fallbeispiele erklärt der Autor konkret, wie und wodurch sich Mobbing in unterschiedliche Paarbeziehungen eingeschlichen hat und warum traumatisierte Partner besonders gefährdet sind, sich in der Mobbingfalle wieder zu finden.
Mobbing kann eine große Chance zur Persönichkeitsentwicklung sein, wenn man von seinen eigenen Kränkungen absieht und die des Anderen genauer unter die Lupe nimmt. Die möglichen Herangehensweisen an Probleme im Zusammenhang mit Mobbbing/mit Kränkungen/Aggressionen zeigt Schmidbauer im Kapitel "Wozu Mobbing gut ist" auf, darunter die humorvolle oder die depressive Position.
Wer sich reif und erwachsen verhält (Arbeit an sich selbst vorausgesetzt), dem können meiner persönlichen Erfahrung nach Mobbing und andere Formen seelischer Gewalt nichts anhaben. Er wächst an alledem, was ihn zerstören sollte.
Schmidbauer dazu: "Wer Mobbing nicht mit Mobbing beantwortet, muss akzeptieren können, dass Menschen einen Schatten haben und er selbst keine Ausnahme ist.
Er muss eine Form der Intelligenz entwickeln, die (...) den ganzen Menschen im Blick hat- seine Schwäche, seine Bedürftigkeit, die Risiken des Umgangs mit Anderen, die Gefahren der Kränkung und der Aggression. Es ist der Schritt vom Verstand zur Vernunft, vom Wissen zur Weisheit."
Dieses Buch hat mir sehr dabei geholfen, beim Mobbing in meiner Nachbarschaft ruhig und besonnen zu bleiben. Daher empfehle ich es uneingeschränkt weiter.