In diesem Buch sind die Beiträge des gleichnamigen Kongresses, der im Januar 2009 stattgefunden hat gesammelt. Gleich am Anfang dieser Besprechung möchte ich aber festhalten, dass die insgesamt neun Beiträge in ihrer Komposition weit mehr bieten als eine fundierte Erinnerung für Kongressteilnehmer, nämlich einen umfassenden Einblick in die Entstehung und die Ursachen von Gewalt und Mobbingprozessen, sowie mehrere Darstellungen von praktischen Hinweisen, wie man mit den oft verfahrenen Situationen umgeht und die Probleme löst. Der vorliegende Band ist sehr gut geeignet, um sich in das Thema einzuarbeiten. Die Autoren geben jeweils eine umfangreiche Literaturliste an, die sich für Vertiefungsfragen anbietet.
Drei Beiträge möchte ich in dieser Buchbesprechung ausführlicher bedenken, ohne die anderen Beiträge dadurch inhaltlich abzuwerten.
Der erste Beitrag, Die Quellen der Gewalt", von Rudi Ballreich, der nach einer langjährigen Tätigkeit als Waldorflehrer jetzt als Gestalt-Psychotherapeut, Mediator und Berater arbeitet, ist zugleich der grundlegendste und längste Artikel des Buches. Ballreich erläutert zunächst was Gewalt ist und wie sie sich physisch und psychisch äußert und beendet seinen Beitrag mit sehr konkreten Hinweisen, was Erziehung beitragen kann, Gewalt präventiv entgegen zu wirken.
Prof. Thomas Fuchs zeigt in seinem Beitrag, das Gehirn als Beziehungsorgan", dass sich das Gehirn durch jeden Gebrauch in seiner Struktur verändert. Sozialverhalten wird ab der frühesten Kindheit durch eine gemeinsame Praxis und Nachahmung gelernt, also nur in Beziehung zu anderen Menschen. Lernen ist immer ein ganzheitlicher Prozess, d. h. ein kognitiver, emotionaler und leiblicher Vorgang.
Der Buchautor und ehemalige Direktor einer Grundschule in Göttingen, Dr. Karl Gebauer erläutert in seinem Beitrag, dass Mobbing kein individuelles sondern ein soziales Problem ist.
André Bartoniczek, Oberstufenlehrer an der Waldorfschule Uhlandshöhe, sucht in seinem Artikel: Seelisches Vakuum als Gewaltursache und sein therapeutisches Gegenbild" über eine Sammlung von Beobachtungen im Zusammenhang von sinnloser Gewalt nach dem verborgenen Antrieb zu äußeren Gewalthandlungen. Mit diesem Beitrag könnte sehr gut in Lehrerkonferenzen gearbeitet werden, denn er bietet vertiefende Gesichtspunkte und regt an eigene Erfahrungen mit Jugendlichen auszutauschen.
In den fünf folgenden Beiträgen geht es um Beispiele aus der Praxis der Gewaltprävention und -bewältigung. Ursula Grünewald führt in die gewaltfreie Kommunikation nach M. Rosenberg" ein, Arndt Bay zeigt wie die Gemeinschaftsbildung durch Musik" einen Beitrag liefern kann Gewalt und Mobbing etwas entgegen zu setzen und Barbara Dejean-von Stryk erläutert in ihrem Beitrag welche Kraft die Sprache hat und mit welchen Übungen man lernen kann seine Sprachfähigkeit so zu differenzieren, dass auch die eigene Stimmung so herübergebracht wird, dass andere nicht abgewertet und dann gewalttätig werden.
Zwei Mitglieder des Eltern-Lehrer-Vertrauenskreises der Freien Waldorfschule Kräherwald berichten sehr eindrücklich und mit vielen wichtigen Details wie sie an ihrer Schule die Streitschlichtung mit Schülerinnen und Schülern eingerichtet haben. Wenn eine Schule etwas Ähnliches einrichten will, scheinen mir die Hinweise in diesem Beitrag sehr wertvoll zu sein.
Sehr gehaltvoll und grundlegend ist der Beitrag von Angelika Ludwig-Huber (Waldorflehrerin an der Freien Waldorfschule Karlruhe) Wege aus der Mobbingfalle". Anhand eines Beispiels aus einer Klasse schildert sie die Teufelkreise einer typischen Mobbingsituation und erläutert die Schritte aus der Falle heraus. Ein weiteres Kapitel widmet A. Ludwig-Huber der Prävention.
Es lohnt sich dieses Buch nicht nur zu lesen, wenn man mit Gewalt- oder Mobbingprozessen konfrontiert wird. Die Zusammenstellung von dem Herausgeber Andreas Neider ermöglicht auch gesamtgesellschaftliche Phänomene tiefer zu verstehen und im Vorfeld von möglichen Konflikten an sich selbst und seinen Kindern zu arbeiten. Zwei kritische Anmerkungen gehören nach dem inhaltlichen Lob unbedingt dazu. Ich hätte mir eine eindeutigere Gliederung der Beiträge, eventuell auch mit eigenen Inhaltverzeichnissen gewünscht. Dies wäre m. E. insbesondere bei dem Beitrag von R. Ballreich dringend nötig gewesen. Die vorhandene Differenzierung der Überschriften war für mich nicht sehr hilfreich. Weiterhin sind mir insbesondere in dem Beitrag von T. Fuchs sehr viele Druckfehler aufgefallen, die durch ein intensiveres Lektorat sicher hätten vermieden werden können.
Christian Boettger