Für Filmfreunde wird an der Übersetzungsfront in Deutschlang immer noch zuwenig getan, doch es gibt Ausnahmen. Eine besonders erfreuliche ist die Veröffentlichung von "Mitternachtskino", einem Insiderbuch ersten Ranges, daß sich vor allem mit den Spezial- und Spartenfilmen befaßt, mit Filmwerken, die sonst in keine Schublade passen. Ausgehend von den beginnenden 60er Jahren folgen die Autoren den damals schockierenden Experimental- und Amateurfilmen jener Zeit, ihren Aufführungen und Verboten, ihren Erfolgen und Mißerfolgen. Die Regisseure und Darsteller dieser kleinen Filme werden ausführlich vorgestellt und in einen vorzüglichen historischen Kontext gestellt. Später geht die Szene über zu cineastischen Experimenten der Flower-Power-Zeit, drogengeschwängerte Machwerke, die Zeichen ihrer Zeit waren. Spezielle Kapitel beleuchten in voller Breite dann die Geschichte der berüchtigsten Filme und ihrer Macher der 70er und der Neuzeit: John Waters geschmackloser Movie-Output, dem Phänomen der "Rocky Horror Picture Show", Jodorowskys religiös-brutale Drogengeschichten, dem Kultfilmphantom "Eraserhead" und den anderen Werken von David Lynch, ehe das Mitternachtskino in den 80er Jahren langsam seine Bedeutung und seinen Zuspruch verliert, als im Zuge der Splatterfilm- und Gewaltwelle kaum noch Empörendes einem Mainstreampublikum vorenthalten wurde. Das Buch ist zwar schon einige Jahre alt, doch zum guten Schluß melden sich die Macher ein Jahrzehnt später noch einmal und beleuchten rückblickend, was aus dem Thema wurde.
Eine Filmschwarte, wie sie jeder begeisterte Leser öfter genießen möchte. Zwar mit ausgesuchtem Bildmaterial versehen, liegt der Schwerpunkt angenehmerweise auf den flüssig und interessant geschriebenen Texten, die wahren Filmfreaks die Tränen in die Augen schießen lassen dürften. Ein Gütesiegel verdient das Buch allein für seinen gut recherchierten Inhalt, was kein Kunststück ist, da die Autoren diese kulturelle Phase selbst mitgemacht und als Fans und Rezensenten mitgeprägt haben. "Mitternachtskino" ist definitiv nichts für sogenannte Filmfreunde, die gerne Biographien von Til Schweiger, Heiner Lauterbach und Jennifer Lopez lesen, um sich dann als Insider zu bezichtigen, sondern eine seltene Bibel für den harten Kern der wahrhaft Filmgläubigen. Und dafür noch überaus moderat im Preis. Fazit: Ein Geheimtip, der mehr Leser verdient hätte.