Aus der Amazon.de-Redaktion
Sein Buch sollte nicht zur Abrechnung mit Helmut Kohl geraten, betont Wolfgang Schäuble. Er wolle die Höhen und Tiefen, welche die CDU und auch er persönlich seit dem 27. September 1998 durchlaufen haben berichten, subjektiv zwar, aber sich streng an die objektiv überprüfbaren Fakten haltend. Dass es dennoch eine scharfe Abrechnung geworden ist, liegt an den beschriebenen Ereignissen, nicht an ihrem Chronisten.
Nüchtern, fast emotionslos, analysiert Schäuble zunächst die Gründe der Wahlniederlage von 1998, seine Erfahrungen als Parteivorsitzender und die überraschenden CDU-Erfolge in den Landtagswahlen des Jahres 1999, ehe er zum eigentlichen Kern des Buches vorstößt: der CDU-Spendenaffäre.
"Der See rast und bekommt sein Opfer" heißt das Schlüsselkapitel, und was folgt ist eine Geschichte von Intrige und Verrat. Da Kohl sich weigerte, persönliche Konsequenzen aus der Affäre zu ziehen, musste ein anderes Opfer her. Er hatte nicht den Vorzug, "einen Vorgänger zu haben, der in einer für ihn selbst so belastenden Krise der Loyalität gegenüber der Partei und gegenüber seinem Nachfolger den Vorrang gegenüber eigener Betroffenheit gab", bekennt Schäuble bitter. Stattdessen wurde in vertrauter Runde darüber debattiert, wie man den Parteivorsitzenden Schäuble "erledigen" und die "Schreiber-Spende wieder in die Schlagzeilen bringen könne".
Vor diesem Verschwörungsszenario verblasst der Rest des Buches. Da mag Schäuble noch so sehr über die "rasch wechselnden öffentlichen Erregungszustände" und die "sensationsheischende Medienberichterstattung" lamentieren, es sind nun mal die Hintergründe des Zerwürfnisses zwischen ihm und Helmut Kohl, nach denen die Öffentlichkeit giert. Aber dies dürfte -- allen Dementis zum Trotz -- auch durchaus im Kalkül des Verfassers liegen. --Stephan Fingerle
Neue Zürcher Zeitung
CDU im Wechselbad
Rückblick von Wolfgang Schäuble
eg. Wolfgang Schäubles Bücher unterscheiden sich mindestens in einem Punkt von den Werken vieler anderer Politiker: Man kann sie auch noch in der nächsten Legislaturperiode mit Gewinn lesen. Nun hat Schäuble wieder ein Buch verfasst, doch ist diesmal fraglich, ob es aus dem schnelllebigen Berliner Politikbetrieb für längere Zeit herausragen wird. Unter dem Titel «Mitten im Leben» zieht er die Bilanz seiner kurzen Zeit als Parteichef der CDU.
Nach der verlorenen Bundestagswahl und dem Rücktritt Kohls im November 1998 gewählt, musste Schäuble im vergangenen Februar wegen der Spendenaffäre bereits wieder die Demission bekanntgeben In den knapp anderthalb Jahren war die Partei einem extremen Wechselbad der Stimmungen ausgesetzt: von dem schlechtesten Abschneiden bei einer Bundestagswahl seit 1949 über eine geradezu triumphale Erfolgsserie bei Landtags- und Europawahlen schliesslich zur tiefsten Krise der Parteigeschichte.
Die Aktualität macht das wesentliche Manko des Buches aus. Das meiste, was Schäuble berichtet, dürfte dem interessierten Zeitungsleser bereits bekannt sein. Denn auch nach seinem Sturz ist der Autor der Partei gegenüber so loyal, dass er auf die üble Nachrede verzichtet, wie sie der SPD-Chef Lafontaine nach seinem allerdings freiwilligen Abgang in Buchform ausgiebig verbreitete. Schäuble verschweigt zwar nicht, wie viel ihn heute von seinem einstigen Mentor Kohl trennt, doch belässt er es bei einigen Andeutungen. Der ehemalige Fraktionsvorsitzende ist diszipliniert; anders als Kohl stellte er im Verlauf des Skandals seine persönlichen Interessen nicht über die der Partei, auch kann er es an robustem und gelegentlich skrupellosem Machtwillen nicht mit dem Ex-Kanzler aufnehmen.
Enthüllungen wird man daher in dem Buch vergeblich suchen; eine im Wesentlichen bekannte Rahmenhandlung tritt allenfalls dank einigen bisher so nicht geschilderten Episoden und Details plastischer hervor. Schon auf dem Höhepunkt der Krise hat Schäuble behauptet, er sei Opfer einer gezielten Intrige geworden. Nun referiert er ein «Gerücht», in Kohls Büro habe ein Treffen mit Beratern und vertrauten Journalisten stattgefunden, bei dem man erörtert habe, wie man den Sturz des noch amtierenden Parteichefs herbeiführen könne. Auf das Ergebnis habe die Runde mit Champagner angestossen. Der Bericht ist allerdings meistens in einem derart unterkühlten Tonfall geschrieben, dass es nur um so augenfälliger wird, wie schwer es Schäuble gefallen sein muss, den Groll gegen den Vorgänger zu zügeln.
Anderseits gehört Schäuble zu denjenigen, die über den Tellerrand der Tagespolitik hinauszusehen vermögen. Das von ihm gemeinsam mit dem Abgeordneten Lamers Mitte der neunziger Jahre entwickelte Kerneuropa-Konzept etwa wurde unlängst von Aussenminister Fischer übernommen. Die Dominanz des Aktuellen verhindert allerdings, dass diese strategische Begabung in dem neuen Buch sichtbar wird. Zwar finden sich zum Schluss des Werkes Bemerkungen zu einigen wichtigen politischen Bereichen Europa, Migration und Ausländerfragen, Verteidigung, Soziales. Zusammengedrängt auf knapp 40 Seiten bleiben diese Ausführungen allerdings sehr skizzenhaft und gehen kaum über das hinaus, was in Bundestagsdebatten zu vernehmen ist.