Neue Zürcher Zeitung
Laues Abenteuer
Zoë Jenny stellt im Literaturhaus
ihr erstes Kinderbuch vor
Lea ist sechs Jahre alt und mag Bücher. Sonst wäre sie wohl am Sonntag wie die anderen Kinder an die Sonne statt ins Literaturhaus gegangen. Aber Lea wollte Zoë Jenny sehen, die ein Buch geschrieben hat, in dem just eine Lea vorkommt. «Was für ein Zufall», war der knappe Kommentar der Basler Schriftstellerin, die sich über das Wetter sichtlich weniger freute angesichts der wenigen (Kinder-)Augen, die auf sie gerichtet waren. Dabei war sie eigens der Kinder wegen aus Berlin angeflogen, um in der Literaturreihe für ein junges Publikum im Literaturhaus ihr neues Buch vorzustellen. Nach den Romanen «Das Blütenstaubzimmer» und «Der Ruf des Muschelhorns» hat die 1974 geborene Autorin nun nämlich einen ersten Ausflug in den Sektor Kinderbücher unternommen. «Mittelpünktchens Reise um die Welt», heisst das Produkt, das Bernd Pfarr bebildert hat.
Mittelpünktchen ist ein Teddybär, der auf der Fahrt in die Sommerferien verloren geht, auf dem Mittelstreifen der Autobahn liegen bleibt und da immer trauriger wird, «weil er plötzlich gar nicht mehr Mittelpünktchen ist, sondern ein aus dem Fenster geworfener Teddy, der kein Zuhause mehr hat». Aber selbstverständlich wird so ein Protagonisten-Bärchen nicht auf dem Asphalt belassen. Es geht vielmehr von der Hand des Strassenwischers zu jener eines türkischen Mädchens, wird von einem Istanbuler Basar nach New York geflogen, mausert sich zum gefeierten Tanzbären und befreit dann im Himalaja auch noch den Yeti. Der Plot ist trotz globaler Spannweite nicht besonders originell: Teddybären und andere Spieltierchen wurden in der gesammelten Kinderliteratur schon fuhrenweise auf weitaus spannendere Abenteuerreisen geschickt.
Weniger als Jennys Worte tauchen Pfarrs Illustrationen die Szenen atmosphärisch einmal in mulmig schummriges, dann in mediterran heiteres, in grossstädtisch knalliges oder nachtkühl gespenstisches Licht. Mittelpünktchen im Text wird zwar buchstäblich immer eigenständiger, aber er ist weder munterer Abenteurer noch bemitleidenswerter Unglücksteddy, vielmehr wird er von Schauplatz zu Schauplatz gezappt. Geradezu erstaunlich gelassen lässt er alles mit sich machen, bis er am Schluss seine Reise doch noch selber in die Hand nimmt. Aber da ist das Buch auch schon zu Ende, und die Autorin fliegt wieder nach Berlin. Doch vorher stellt Lea noch ihre Frage, die einzige aus dem Publikum: «Wie alt ist die Lea im Buch?» «Sechs Jahre.» «Ich auch», freut sie sich sichtlich.
Christina Thurner
Pressestimmen
"Nichts Schlimmeres für ein Mädchen, das in den Ferien ihren Teddy verliert. Lea jedenfalls ist zu Tode betrübt. Doch da ihr Bär mit Namen Mittelpünktchen sich seinerseits auf die Suche macht, kann es nicht lange dauern, ehe sich die zwei wiederfinden. Spannung für alle kleinen Weltentdecker." Die besten 7 Bücher für junge Leser, Deutschlandradio, Focus, Juni 2001