Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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86 von 93 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Die Genazinosche Katharsis, 22. April 2007
Konrad Lorenz hat im Jahre 1973 in "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" vom "Wärmetod des Gefühls" gesprochen, von der Abflachung aller Emotionen und ihrem Verlöschen in der "Mittelmäßigkeit" der durchschnittlichen Empfindung. Wilhelm Genazino ist der Autor, der diese Befindlichkeit seit dem ersten Erscheinen seiner "Abschaffel Trilogie" literarisch in immer neuen Anläufen durchdekliniert hat, bis seine Lesergemeinde den Genazinoschen Protagonisten, ganz gleich in welcher sozialen Verkleidung er auftritt, schon von weitem erkennen können.
In dem vorliegenden Buch "Mittelmäßiges Heimweh" trägt der Genazinosche Protagonist den Namen Dieter Rotmund und arbeitet als allein verdienender Finanzbuchhalter in einer nicht näher gekennzeichneten Stadt, wahrscheinlich Frankfurt, während seine Familie im Schwarzwald lebt. Die Ehefrau Edith trägt zwar nichts zum Lebensunterhalt bei, arbeitet aber als SPD Lokalpolitikerin in der Kommune mit, ist nörgelig bis in die Spitzen ihres "kleinen Busens" und mit einer zeitgemäßen Sucht nach "Emanzipation" geschlagen, die sie schließlich in ein Techtelmechtel mit einem Nachbarn treibt. Der arme Dieter Rotmund dagegen darf an den Wochenenden, an denen er seine Frau uns seine kleine Tochter Sabine besucht, noch nicht mal ran und fliegt eines Tages sogar in hohem Bogen aus seinem Haus, weil die Affäre der werten Gattin öffentlich wird.
Diese Zumutungen des Leben stützen Dieter Rotmund in die Verzweiflung, und vielleicht wäre er ganz darin versunken, gäbe es nicht die Liebe seiner kleinen Tochter Sabine, den gelegentlichen Beischlaf mit der merkwürdigen Frau Schweitzer und eine unerwartete Beförderung zum Finanzdirektor, die ihn wenigstens seiner finanziellen Sorgen enthebt. Aber innerlich bleibt Dieter Rotmund leer und einsam, ein Stadtstreicher nach Feierabend, auf der Flucht vor seinem Kummer gegen den er sich allerdings auf typisch Genazinohafte Art zur Wehr zu setzen weiß. "Es ist meine Wahrnehmung, die meine Melancholie über den vielleicht ausbleibenden Sinn vertreibt und mich ins Leben zurückholt", heißt es auf S. 179, der Anblick eines Kindes, das mit dem "Kehlsack" der Großmuter spielt, das plötzliche Nasenbluten eines jungen Mannes oder das Erscheinungsbild einer Zigeunercombo, deren Musik keiner hören will. Dieter Rotmund durchschreitet seine Wirklichkeit wie eine Galerie von Standbildern, die er in sich aufsaugt, damit ihre bloßes Sosein seine eigene Verzweiflung so lange zuschüttet, bis die Tränen versiegen und der Lebensmut für eine kurze Weile zurückkehrt. Genau genommen besteht diese Genazinosche Katharsis" darin, sich die Alltäglichkeit mit dem verfremdeten Blicke eines Unbeteiligten und gänzlich Unwissenden dergestalt vor Augen zu führen dass die dabei evozierte situative Komik den eigenen Kummer betäubt. Dies funktioniert durch eine im der deutschen Literatur einzigartige Sprachlichkeit, der es gelingt, jeder Banalität ihre Sonderbarkeit abzuquetschen und sie damit zu einem Objekt der Ablenkung und des Staunens zu erheben - etwa, wenn ein Teppich auf seine "Tränensaugkraft" oder ein Gesicht auf seine "Lebensunkundigkeit" hin untersucht wird, wenn der Protagonist sich als "Bescheidenheitsangeber" oder Melancholiker entdeckt, der das Jetzt nur noch aus der Perspektive der Erinnerung erleben kann. Es gehört zum Zauber der Genazinoschen Prosa, dass diese Katharsis mühelos auch auf den Leser übergreift, der all die Empfindungen Rotmunds natürlich kennt und teilt und somit auch an dem den Trost, den Rotmund für sich selbst erarbeitet, partizipieren kann. Allererste Wahl für Leser, die den leisen Lebensekel und die Mühe kennen, mit einem Rest von Würde durch die Zumuntungen des Alltags zu kommen.
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27 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Mit dem Ohr fiel auch ein Stern ab, 17. Februar 2007
Ich liebe Genazinos Romane, seine Sprache, seine Beobachtungen, seinen leisen Humor und seine tragende Melancholie. Und ich gebe es zu, das unvermutet abgefallene Ohr seines jüngsten Helden verwirrte mich so, dass ich in den Besprechungen der Literaturbeilagen nach einleuchtenden Erklärungen suchte. Erklärungen fand ich zwar zuhauf, aber sie leuchteten mir nicht ein. In meinem Kopf schrieb ich "Mittelmässiges Heimweh" um, indem ich dem einsamen Angestellten Dieter Rotmund einfach sein Ohr beliess. Ich weiss nicht, ob das Wilhelm Genazino als Schandtat betrachtet, aber so gefiel mir der Roman viel mehr. Und ich hatte nicht eine Sekunde lang das Gefühl, das verlorene Ohr zu vermissen. Irgendwo las ich, dass der Autor seinen Realismus für einen prophetischen Realismus halte, weil derlei Dinge irgendwann geschehen würden. Na ja, ich sehe das anders.
Einig bin ich mit anderen Lesern, dass es zurzeit kaum einen anderen deutschen Schriftsteller gibt, der die Einsamkeit des Grossstadtmenschen, das Scheitern der Liebe und die Sehnsucht nach emotionaler Heimat besser in Sprachbilder fassen kann. Und wie in seinen früheren Romanen erweist sich Genazino wiederum als akribischer Beobachter menschlicher Katastrophen und Freuden im Alltag. Sein besonderer Blickwinkel und seine Fingerfertigkeit beim Sezieren kleinster Dinge sind mir so ans Herz gewachsen, dass Genazinos Bücher ganz automatisch auf meinem Nachttisch landen. Auch den Kauf seines neusten Werkes habe ich nicht bereut. Aber eben, die Sache mit dem Ohr habe ich nicht begriffen.
Mein Fazit: Wilhelm Genazino hat es mir so angetan, dass ich es jeweils kaum erwarten kann, bis er mich wieder an einer neuen Geschichte teilhaben lässt. Wenn es die meisten seiner Leser offenbar nicht stört, dass dem Controller eines Frankfurter Pharmaunternehmens einfach so ein Ohr abfällt, muss ich das Buch wohl nochmals lesen.
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18 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine Zeitporträt des Verfalls, 24. Februar 2007
Wie in allen Romanen von Wilhelm Genazino begegnet uns wieder ein Held, der sein Leben mit kurzen lakonischen Bemerkungen überdenkt.
Er lebt, arbeitet und trottet so vor sich hin und konstatiert sein Leben mehr oder weniger ohne große Emotionen, eher resigniert und abgeklärt.
Seine Frau wollte nicht in die Stadt ziehen. So fährt er hin und her zwischen einem kleinen Kaff im Schwarzwald und der großen Stadt, vermutlich Frankfurt, wo er seiner Arbeit nachgeht.
Er ist schon zehn Jahre verheiratet. Die Ehe dümpelt vor sich hin, und vor allem sieht seine Frau keine Notwendigkeit, zum gemeinsamen Familieneinkommen einen Beitrag zu leisten. Selbst das gemeinsame Kind, eine Tochter, bleibt dem Helden der Geschichte fremd.
Er plagt sich redlich, zu Geld zu kommen, was ihm nicht recht gelingen will.
Mit dem Sex will es auch nicht mehr klappen. So zieht sich unser Held immer mehr in sich zurück, erfreut sich an Naturereignissen und hofft vergeblich auf eine gute Wende, die ihm das Leben wieder attraktiv machen könnte.
Ein Ohr hat er in einer Kneipe verloren. Diese lakonische Feststellung mutet fast surreal an.
Was will der Autor uns damit sagen?
Es erscheint als Irrwitz, das Leben, und das Ohr steht dafür.
Mit viel Komik und drolligen Diktionen leistet W. Genazino einen Beitrag zu einer Zeit, in der alles möglich ist; einer Zeit, in der alle Bindungen dem Verfall preisgegeben sein können. Hat man sich einmal auf ein bürgerliches Leben eingelassen, schwinden alle Hoffnungen dahin, und was bleibt ist die Leere, der Überdruss, und ein Gefühl für die Verschleuderung aller anderen Möglichkeiten, die das Leben auch beinhalten könnte.
Ein witziges, pessimistisches und doch äußerst komisches Porträt unserer Zeit!
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