Über J.R.R. Tolkien (1892-1973) wird viel geschrieben - fast so viel wie von seinem Werk abgekupfert wird. Aber woher bezog der Hobbit-Schöpfer und Elben-Veredler selbst seine Epen schaffenden Einflüsse? Wissenschaftlich fundiert ist darüber im deutschsprachigen Raum bislang wenig zu Papier gebracht worden. Rudolf Simek, Professor für mittelalterliche deutsche und skandinavische Literatur an der Universität Bonn, hat sich dieser überfälligen Aufgabe angenommen. Das vorliegende Buch "geht den wichtigsten Namen, Stoffen und Motiven nach, die Tolkien der altskandinavischen Sagenwelt und Mythologie, den Eddas und Sagas des isländischen Mittelalters entnommen und in seiner neu geschaffenen Welt von Mittelerde verwendet hat."
Um es vorwegzunehmen, John Ronald Reuel Tolkien war ein Verehrer nordischer Mythen, sein Zugang zur germanischen Götter- und Heldenwelt war mit Inbrunst gepflastert. Eine wichtige Ideenquelle war dem englischen Literaturprofessor der mittelalterliche isländische Gelehrte Snorri Sturluson (1178-1241), der im Sagenwerk "Edda" den Ausdruck 'Midgardr' einführte. Midgard ist das "Gebiet in der Mitte", das Land zwischen dem Reich der Götter und der Unter- bzw. Riesenwelt. Von dort ist es gedanklich wie phonetisch nur mehr ein kleiner Hüpfer nach "Mittelerde", in jenen episch ausgedehnten Kosmos, der Tolkiens schriftstellerisches Schaffen fast zur Gänze ausfüllt. Diese vorzeitliche Welt besiedelte der Oxforder Professor mit Heroen und Bösewichten, schuf detaillierte geografische Darstellungen und entwickelte ausgefeilte linguistische Systeme, die wiederum ihrer ganz eigenen Schriftarten bedurften.
Viele Namen im "Herr der Ringe" sind Ableitungen aus dem Altnordischen oder Altenglischen. Eine Ausnahme stellen die Elbenwohnstätten dar, deren Benennung stark vom keltischen Kymrisch beeinflusst sind. Auch einer der Hobbits, Meriadoc, hat seinen Namensursprung im Keltischen, während Frodo phonetisch möglicherweise skandinavisch oder normannisch geprägt ist. Gandalf wird bei Tolkien zum halbgottähnlichen Magier, in der Edda führt hingegen ein gefinkelter Zwerg diesen Eigennamen, der "Zauber-Albe" bedeutet.
Für Verehrer der leichten Lesemuse ist Rudolf Simeks "Mittelerde. Tolkien und die germanische Mythologie" denkbar ungeeignet, für den harten Kern der Mittelerde-Pilger bewährt sich das Buch hingegen als etymologischer Reiseführer.