Dieses vorliegende Buch nun untersucht in über fünfzig Aufsätzen und auf tausend Seiten zahlreiche Orte, die mythisiert worden sind. Mythisiert heißt hier mehrerlei: Zum einen sind es Mythen, die das Mittelalter geprägt haben, wie die von der Hölle, dem Venusberg oder der Wüste; es sind Mythen, die in den folgenden Jahrhunderten wirksam gewesen sind, wie die der Al-Hambra, Atlantis oder dem Rhein; und es sind Mythen, die sich heute noch halten und teilweise bewusst gepflegt werden, so bei der Stadt Aachen, Troja oder bei Disneys Traumschlössern.
Bei so vielen Autoren sind die Leistungen einzelner Artikel natürlich auch sehr unterschiedlich. Die zahlreichen Überschneidungen alleine Burgen sind von den Städten so wenig zu trennen wie vom Berg; der Garten Eden, Schlaraffenland, die Liebesgrotte, die Höhle, der Kerker und die Hölle gehen mit fließenden Übergängen ineinander über die zahlreichen Überschneidungen wiederholen zum einen, machen aus anderen Artikeln, wie dem Artikel zur Burg, sehr spezielle Artikel, wohl aus Rücksicht auf andere Beiträge des Bandes, die besondere Burgen behandeln.
Statt das Buch zu bewerten, sollte man sich eher danach fragen, für wen dieses Buch geschrieben ist. Die Mythisierung, der Umschlag von Kulturleistungen in quasi-natürliche Begebenheiten, geht jeden kritischen Menschen an. Das Projekt, Europa über sich selbst und die eigenen Wurzeln aufzuklären, wird seit Ende des Zweiten Weltkrieges mit zunehmender Intensität betrieben. Auch dieses Buch nimmt an diesem Projekt teil. Insofern: Wer immer den stolzen Preis bezahlen möchte, wird hier Themen und Motive finden. Ohne eine genauere Lektüre der Theorie muss man sich hier allerdings eher ungeregelt und dann in gewissem Sinne unfruchtbar einarbeiten. Den Geschichtswissenschaftlern, den Mediävisten, den Kulturwissenschaftlern geht dieses Buch sowieso an. Schließlich kann man den Lesern historischer Romane, auch den Autoren von solchen, dieses Buch ans Herz legen: Sie werden hier erzählenswerte Stoffe finden.
Die meisten Artikel kann man empfehlen; einige wenige sind schwach. Öfter dagegen wird, wie bereits gesagt, das umfassende thematische Gebiet zu nebensächlich behandelt oder methodisch nicht eindeutig genug erfasst. Dem interessierten Laien hätte vielleicht eine Aufteilung des Buches in zwei oder drei preiswertere Veröffentlichungen gut getan.