Vorweg: Dieses Buch sollte sich jeder ins Regal stellen, der praktisches Interesse an mittelalterlichem Schneidern hat und nicht ausreichend Englisch kann. "Praktisches Interesse" deshalb, weil es sich um keinen wissenschaftlichen kostümkundlichen Abriss handelt, sondern hier ganz konkrete Tipps zur textilen Umsetzung mittelalterlicher Vorbilder gegeben werden. Wer sein Englisch sehr gut beherrscht, der kann sich den Kaufpreis sparen und auf die online verfügbare Originalversion des "Medieval Tailor's Assistant" zurückgreifen (aber Vorsicht: zahlreiche Fachausdrücke!).
Als Schneiderhandbuch perfekt geeignet, bietet das Werk einen Überblick über die wichtigsten Formen mittelalterlicher Kleidung im Wandel der Jahrhunderte. Beigefügt ist jeweils eine Schnittskizze, zudem finden sich zahlreiche kompetente Tipps zur Gestaltung von Nähten, Borten etc. Die Darstellung ist anschaulich und auch für den Anfänger gut geeignet, auch wenn die Umsetzung natürlich niemals ohne handwerkliches Geschick und Erfahrung zu bewältigen ist.
Einen kleinen Wermutstropfen stellt die starke Konzentration auf Westeuropa sowie die übermäßige Schematisierung dar. Die Dynamik der mittelalterlichen Mode, die besonders im 14./15. Jh. stetigen saisionalen Schwankungen unterworfen und zugleich nach Alter, Stand, Beruf etc. differenziert war, lässt sich auf knapp 250 Seiten eben kaum darstellen. Wer nicht absolut unspezifische Massenware herstellen will, sollte auf jeden Fall zusätzliche Recherche betreiben. Inspiration dafür findet sich bei Kania, Keupp & Co. in reichem Maße.