Die auf mehrere Bände angelegte Reihe Mittelalterliche Kampfesweisen beginnt mit den ersten 67 Tafeln des Fechtbuches von Hans Talhoffer aus dem Jahre 1467, das man bisher nur in mittelmäßigen Nachdrucken kannte. Doch hier werden die Originaltafeln nicht nur in Farbe reproduziert, sondern auch von erfahrenen Fechtern rekonstruiert und im gesamten Ablauf des jeweiligen Kampfgeschehens anschaulich erläutert. Erstmals werden dabei den Originaltafeln aus einem mittelalterlichen Fechtbuch ihre modernen Rekonstruktionen auf Doppelseiten direkt gegenübergestellt. Für jemanden, der wie Rez. eigentlich aus den asiatischen Schwertkünsten kommt (Tai Chi Schwert) und nur in Grundzügen über mittelalterlich-europäischen Schwertkampf Bescheid weiß, sind diese Herleitungen sehr hilfreich und einige Parallelen augenfällig. In manchen Fällen könnte man zwar darüber diskutieren, ob hier dieser oder jener Schwertschlag angebrachter wäre, was aber den Wert einer solchen Rekonstruktion in keiner Weise mindert. Dazu enthält das Buch eine ganze Reihe von Hintergrundinformationen und ist reich mit historischen Darstellungen bebildert.
Nach einer historischen Einführung über das Gottesurteil in der Gerichtsbarkeit aus der Feder seiner Co-Autorin beschreibt André Schulze die Person des Hans Talhoffer und seine Fechtkunst aus der Sicht eines langjährigen Berufskollegen. Dabei verwendet er einen gewagten, aber nichts desto trotz revolutionären ganzheitlichen Ansatz, indem er Talhoffers Meisterschaft nicht nur sportlich, sondern auch spirituell erklärt. Dies mag im ersten Moment überraschen, ist aber vor allem in der Zusammenschau mit den im Anhang beleuchteten sportphysiologischen Gegebenheiten mehr als plausibel. Interessant ist z. B. die Erklärung, warum auch europäische Fechtmeister so überlegen waren: Durch Konzentrationsübungen, damals wohl in Form meditativer Gebete, war es möglich, diejenigen Teile im Gehirn zu aktivieren, die die empathischen Fähigkeiten steigerten. Zwar läßt sich europäische Fechtkunst natürlich nicht einfach von der fernöstlichen ableiten, beide Disziplinen lassen sich aber sehr wohl parallelisieren, wie zahlreiche Zitate in der Literaturliste deutlich machen.
Daß die Schwertfechter keine wilden Haudraufs waren, wird nicht nur in Talhoffers Biographie erläutert, sondern davon zeugen zahlreiche philosophische Zitate von Mayer, Hoveden und natürlich Talhoffer selbst, die in den Text eingestreut sind. Die Seele der Kämpfer wird so konkret beleuchtet, daß sich der Leser in diejenigen Menschen einfühlen kann, die in den Ordalen bis zum Tod kämpften. Das nächste Kapitel behandelt ausführlich den Codex aus dem Jahr 1467 selbst, seine Geschichte und Interpretation. Der Tafelteil zeigt zum ersten Mal und in außerordentlicher Qualität (wie beim Zabern-Verlag nicht anders zu erwarten!) die Nachdrucke der Originalabbildungen in Farbe. Durch die Übersetzung und Erklärung der Techniken kommt auch ein relativ ungeübter Schwertschüler mit den interpretierenden Fotos klar, denn jede Tafel wird mit etwa 3-6 nachstellenden Fotos verdeutlicht. Daß dabei die Kleidung der Fechter nicht oder nur bedingt authentisch ist, dürfte nur verbissene A-Fanatiker in der Mittelalterszene stören. Schließlich sind die Techniken das Entscheidende, egal, ob sie nun im Gambeson oder im Bikini gezeigt werden. Auch das anschließende Glossar ist umfangreich und im Verwirrspiel der Technikbezeichnungen äußerst hilfreich. Zuletzt wird in einem Buch über historisches Fechten endlich! einmal auf die Biomechanik beim Schwerttraining eingegangen.
Fazit: das Buch ist ein unbedingtes Muß nicht nur für europäische Fechter, sondern auch Budoka können aus der Fülle der erläuterten Techniken ihren Nutzen ziehen.