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Jürgen Trabant tritt mit seinem Buch an, diese Geschichte als Erfolgsgeschichte zu demontieren. "Nichts als alter Wein in neuen Schläuchen!", ruft der Berliner Professor für romanische Sprachwissenschaft und erzählt eine gar nicht so kleine Geschichte des Nachdenkens über die Sprache buchstäblich von Adam und Eva und dem Turmbau zu Babel bis ins 20. nachchristliche Jahrhundert. Das Paradies steht bei Trabant als Chiffre für universalistisches Sprachdenken, das an der Vielfalt der Sprachen auf der Welt Anstoß nimmt und die Sprache selbst als Hemmschuh auf dem Weg zur reinen Erkenntnis verdächtigt. Mithridates hingegen ist jener Potentat vom Schwarzen Meer und Erzfeind der Römer, der nach Aussage etlicher antiker Quellen mindestens zwanzig Sprachen perfekt beherrschte; "Mithridates" war aber auch der Titel zweier Sprachenzyklopädien. So gerät ein persischer Name zum Markenzeichen von Sprachtheorien, welche die Diversität und Historizität der Sprachen als Reichtum begreifen und ihre kommunikative Leistung in den Vordergrund der Überlegungen stellen. (Letzteres ist nicht so selbstverständlich, wie es den Anschein hat: Bickerton und Chomsky sehen Sprache gerade nicht in erster Linie als Mittel zur Kommunikation an.)
Vielheit gegen Einheit, Kommunikation gegen Kognition: Das sind die Pole, zwischen denen sich das Nachdenken über Sprache abspielt. Den Verlauf dieses Nachdenkens zeichnet Trabant nach: Geistesgrößen wie Platon und Aristoteles, Dante Alighieri und Martin Luther, Herder und Humboldt, Wittgenstein und Heidegger und natürlich auch Chomsky kommen ausführlich (zuweilen sehr ausführlich) zu Wort. Die Reise führt vom Garten Eden über Athen und Rom, Florenz, London und Paris bis in den Schwarzwald und nach Massachusetts. Vor den Augen des Lesers entfaltet sich ein buntes Panorama nicht nur des Sprachdenkens, sondern auch der Sprach-, Literatur- und Geistesgeschichte (hauptsächlich) Westeuropas. Insofern ist der Untertitel "Geschichte des Sprachdenkens" ein grandioses Understatement.
Er ist aber auch irreführend; denn was hier scheinbar harmlos als kulturgeschichtliche Abhandlung daherkommt, ist zugleich ein Plädoyer für sprachliche Vielfalt. Es ist, so Trabant, eben nicht gleichgültig, welcher Sprache wir uns bedienen; jede Sprache verkörpert einen eigenen Zugriff auf die Welt und ist schon darum erhaltungs- oder doch wenigstens erforschungswürdig. Natürlich lauert hinter diesem Standpunkt die Falle des kulturellen Relativismus, weshalb Trabant sich gleich in der Einleitung durchaus für universelle Werte stark macht: "Eine Kritik der Kulturen im Namen universeller Werte halte ich für völlig legitim und notwendig." Sprachen aber seien, anders als etwa die kulturell bedingte Deklassierung von Frauen in vielen Ländern, "unschuldig different". Mit jeder Sprache könne man "alles sagen, nur jede tut es anders".
Anschwimmen gegen den Strom.
Die Kehrseite dieser - zumal im Angesicht eines weltweit galoppierenden Sprachensterbens - sympathischen Sichtweise ist eine bisweilen reichlich plakativ vorgetragene Kritik an der "Globanglisierung", einem "Götzen des Marktes": "Dass es nur noch eine Sprache auf der Welt geben soll, ist vielleicht das kommunikative Paradies, es ist aber die kognitive Hölle, ein Triumph der Dummheit" - das ist gewiss schmissig formuliert, aber noch befinden wir uns nicht einmal im Fegefeuer. Noam Chomsky und "sein Vertreter auf Erden", der Harvard-Psychologe Steven Pinker - dessen Buch "Der Sprachinstinkt" ein populärer Klassiker geworden ist - sind Trabants seltener genannte als gemeinte Hauptangriffsziele: Als Galionsfiguren einer universalistischen Sprachwissenschaft und als Amerikaner stehen sie für den Mainstream, gegen den Trabant sich anstemmt. "Differences are so boring": Dieses in der Tat ausgesprochen unglückliche Diktum Pinkers reibt Trabant dem Leser gleich mehrfach unter die Nase.
Spätestens dort, wo er die Desintegration von Sprach- und Literaturwissenschaft beklagt, wandelt sich Trabants Werk zu einer grundsätzlichen und wichtigen Stellungnahme wider den ahistorischen Universalismus in Sprach- wie Literaturwissenschaft und für die gute alte Philologie, die "Liebe zum Wort". Zurück zu den Sprachen, zurück zu den Texten! lautet sein Schlachtruf, und es ist ihm ernst. Das erklärt eine gewisse Einseitigkeit der Berichterstattung, einen Hang zu süffisant-polemischen (aber stets treffenden) Formulierungen - und eine erhebliche Weitschweifigkeit. Wer das Hohelied der Sprache singt, ist schwerlich bereit, einen sorgsam ziselierten Satz zu streichen, nur weil er inhaltlich nichts wesentlich Neues bietet.
Da Trabant es eindeutig eher mit dem polyglotten Herrscher vom Schwarzen Meer hält als mit dem einsprachigen Paradies, darf man sich auch nicht darüber verwundern, dass zentrale Begriffe auch in ihrer jeweiligen Originalsprache, und sei es Altgriechisch oder Italienisch, angeführt werden: Wenn Sprachen wirklich "verschiedene Weisen, die Welt zu sehen" sind, bleibt bei einer Übersetzung immer etwas, und manchmal vielleicht sogar Entscheidendes, auf der Strecke. Heutzutage gilt diese Aussage leider nicht mehr als selbstverständlich.
Jürgen Trabants brillant geschriebene "Kleine Geschichte des Sprachdenkens" schärft den Blick für die historische Dimension der Sprachen und auch der Sprachwissenschaft und schafft so ein willkommenes Gegengewicht zum momentan tonangebenden universalistischen Paradigma. Ich wünsche Mithridates ein dauerhaftes Wohnrecht im Paradies -- und Trabants Buch viele Leser. --Vera Binder
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