Das ganz Andere im Ich
Ulrike Draesners intelligenter Roman «Mitgift»
Das Monstrum, schrieb Hans Mayer in seiner grossen Untersuchung «Aussenseiter», ist der «Ernstfall der Humanität». Eine Gesellschaft, die das Andere und Abweichende in ihrer Mitte nicht als solches ertragen könne, sondern es normieren und normalisieren müsse und, wenn das nicht gelinge, es zum Monströsen erkläre, ausstosse oder gar ausmerze: Das sei keine wahrhaft humane Gesellschaft, und deshalb sei die bürgerliche Aufklärung, die eine solche Gesellschaft nicht herbeizuführen in der Lage war, gescheitert. Den zweiten Roman der Lyrikerin Ulrike Draesner kann man wie eine Illustration dieser These lesen. In ihm wird ein durch seine Andersartigkeit beängstigender Mensch genau so behandelt, wie Mayer es analysiert hat. Anita, die zweite Tochter der Flüchtlingsfamilie Böhm, kommt mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt: Sie ist ein Zwitter. Ihre Eltern lassen sie einer Vielzahl von Operationen und Hormonbehandlungen unterziehen; Endprodukt der medizinischen Torturen ist eine wunderschöne junge Frau, die für Werbefotos posiert, ein glänzendes Jurastudium hinlegt, einen reichen Mann heiratet und ein Kind zur Welt bringt. «Sie sollte ein normales Leben führen», rechtfertigt die Mutter später ihr Vorgehen, «und wir auch. Das haben wir hinbekommen.» Herstellung von Eindeutigkeit Wirklich? Anita hatte nicht nur diesen seltsamen Fortsatz zwischen den Beinen, von dem hässliche Narben zeugen. Sie hat auch eine Ausstrahlung, ein Charisma, das gerade von ihrer Andersartigkeit herrührt. Und sie hat Selbstbewusstsein. Es gründet in ihrem So-Sein und setzt den Normalisierungsbemühungen ihrer Familie immer stärkeren Widerstand entgegen. Als die Mutter, die ein Verhältnis mit einem (schwarzen) amerikanischen Besatzungssoldaten hat, wieder einmal einen Nachmittag bei ihrem Liebhaber verbringt, steckt Anita die Wohnung in Brand. «Verdammter Zwitter!», entfährt es der heimkommenden Mutter. Mit diesem Ausruf gibt sie der ganzen Nachbarschaft das ängstlich gehütete Geheimnis preis und zugleich die explosive Mischung aus Angst und Abwehr, die unter dem Deckel zu halten jahrelang ihre ganze Kraft in Anspruch genommen hatte. Angst löst Anita, der Hermaphrodit, aus, weil sie in Frage stellt, was als das Unverrückbare schlechthin gilt: die Einteilung der Menschen in Männer und Frauen. Allein durch ihre blosse Existenz ist sie geeignet, die sexuelle Identität ihrer Umgebung zu erschüttern. Diese Gefahr muss gebannt werden, um den Preis der Zerstörung des Besonderen. «Anita wurde ein zurechtoperiertes, eindeutiges Tierchen im Staat der Männer und Frauen, der seligen Zweigeschlechtlichkeit.» Die Normalisierung scheitert aber nicht nur, weil Anitas weggeschnittener Phallus gleichsam als Phantomorgan überlebt hat, sondern auch, weil sie ihn schliesslich wiederhaben will. Sie selbst kündigt das Arrangement mit dem aufoktroyierten, sexuell eindeutigen Körper auf, ebenso das mit der bürgerlichen Lebensform. Erneut will sie sich Hormonen und dem Operationsmesser aussetzen, diesmal aber aus eigenen Stücken und um das zu werden, was sie war: Frau und Mann. Ihr letzter Auftritt in diesem Roman zeigt sie bereits mit kräftigen Muskeln und tieferer Stimme; dann wird sie von ihrem Mann, der das Kommende nicht erträgt, erschossen. So, als epische Umsetzung der Ausgrenzung und Normalisierung, der Verstümmelung und schliesslichen Vernichtung des Anderen in der bürgerlichen Gesellschaft, kann man Ulrike Draesners Roman lesen. Aber diese Lesart wäre zu schlicht für diesen vielschichtig orchestrierten Roman. Vor allem schreibt Ulrike Draesner nicht aus Anitas Perspektive, sondern aus der ihrer älteren Schwester Aloe. Die ist, was ihre Eltern so ersehnen: normal, und fühlt sich gerade deshalb alles andere als das. Die ängstliche Aufmerksamkeit, die Anita erhält, die Geheimnistuerei um die Wunde zwischen ihren Beinen, die Verunsicherung über Aloes eigene Identität, später der Neid auf die strahlende Schönheit und das Selbstbewusstsein der anderen: Das führt zu einem Grad von Hassliebe, dem Aloe nur durch völlige Abwendung von Familie und Vergangenheit zu entgehen meint. Das ist natürlich ein verhängnisvoller Irrweg, und Ulrike Draesners Roman dröselt diesen Irrtum geduldig auf, um ihn schliesslich zu korrigieren. In drei Zeitebenen erzählt sie die Wiederkehr des Verdrängten und die Vervollständigung auch von Aloes Persönlichkeit. Diese Spiegelung des «Normalen» im «Abartigen» bis zur Deckungsgleichheit und zum Tausch der «Plätze» gibt dem Buch jenen doppelten Boden, dessen die Gestaltung eines doppelbödigen Themas auch ästhetisch bedarf. Aloe das ist die erste Zeitebene richtet für Stefan, den verwaisten Sohn der Schwester, den sie quasi geerbt hat, ein Geburtstagsfest aus. Sie erinnert sich zweite Zeitebene an ihr Liebesverhältnis zu dem Astronomen Lukas, in dessen Verlauf sie dritte Zeitebene das verminte Gelände der Kindheit allmählich zu betreten wagt. Die drei Ebenen greifen episch ineinander, so wie die Vor- und Vorvorgeschichten in unser Leben hineinregieren, als jene «Mitgift», die dem Buch den Titel gibt. Aloe erkennt ihr Minderwertigkeitsgefühl neben Anita, dem «Freak»: «Als Schwester des Freaks war man nichts.» Anita war für sie ein «gigantischer Magnet», sie nur ein Teilchen, das sich abzustossen versuchte und doch der anderen ähnlich sein wollte was viele Jahre später eine lebensbedrohliche Magersucht auslöst. Die Beschreibung dieser Bulimie mit ihrer Besessenheit von Kilos und Kalorien, diese rauschhafte Erfahrung, den eigenen Körper zum Verschwinden zu bringen, eine «kleine, harte Figur herauszuschmelzen», gehört zu den Glanzstücken des Buches. Sie ist zentral für Aloes Verständnis ihrer eigenen Geschichte, aber auch für das Anliegen der Autorin. Magersucht, das lernt Aloe im Krankenhaus von einem klugen Oberarzt, sei nicht nur vom Wunsch motiviert, der weiblichen Geschlechtsidentität zu entfliehen, «ein Neutrum zu werden», sondern habe manchmal auch genau dies zur medizinischen Konsequenz. «Manchmal kommt es zu einer Überproduktion von Androgenen, was zu einer gewissen Verwirrung der sekundären Geschlechtlichkeit führen kann.» Die wiedergefundene Abweichung Aloes Magersucht bringt zum Ausdruck und Ausbruch, was sie in sich genauso abgespalten und verleugnet hat wie ihre ganze Familie die «Abweichung» Anitas: die latente Offenheit der eigenen sexuellen Identität. Erst jetzt hat sie ihre «Mitgift» begriffen und ist in der Lage, sie im dialektischen Sinne aufzuheben. Erst der kann dem Aussenseiter gerecht werden, der ihn in sich selbst entdeckt und zulässt. Natürlich erschöpft sich der Reichtum dieses eindrucksvollen Romans nicht in einer solchen humanen Moral. Ulrike Draesner verleugnet ihre lyrische Begabung auch in der grossen Form nicht. Immer wieder staut sich der epische Fluss zu Szenen, drängt es die Sprache zu poetischer Intensivierung: «Schliesst sie die Augen küsst sie ihn sitzt sie da schliesst sie die Augen denkt sie an ihn setzt sie sich dahin ihn küssend rast sie durch die Stadt schliesst sie die Augen rennt sie zum Bus denkt sie an ihn fällt sie fast um glaubt sie ihm hört sie nichts folgt sie sich gehen ihr die Ohren auf küsst sie ihn fliesst der Mund ihr über sitzt sie da sieht sie ihn, ihn.» Die Metaphorik ist immer wieder von schlagender poetischer Evidenz und zwingt oft sehr kühn entlegene Gebiete der Weltwahrnehmung zusammen, von atomaren bis zu stellaren Räumen. Ulrike Draesner ist eine gelehrte Dichterin, was nicht ganz ungelehrte Leser erfreut, etwa wenn sie eine Kleist-Anverwandlung entdecken («Als Aloe ihn ansah und daran dachte, wie sie ihn erworben hatte, war ihr fast, als müsste sie sich freuen») oder ein Pastiche barocker Genitiv- Kettenbilder: «Anita, die scharfe Spitze von Aloes Gedanken, der harte Rap der Verwirrung, die Schlange ihres Neides, die Ader ihrer Zärtlichkeit, der eisige Tunnel ihrer Verlassenheit.» «Mitgift», einer der intelligentesten Romane dieser Jahre, handelt nicht nur vom Umgang mit Aussenseitern, sondern auch vom Verhältnis zur eigenen Vergangenheit. Die hat am Schluss die Gegenwart eingeholt; wo es weitergehen muss, ist Schluss. Aber der ist offen und vielversprechend. Vielleicht kann die Aloe endlich blühen. Martin Ebel
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.