Ein fiktiver südlicher Staat wird von einer revolutionären Gruppe bedroht. Eine Stadt in diesem Staat. Eine staatliche Patrouille tötet mitten in der Nacht ein vermeintlich revolutionäres Ehepaar bei Anwesenheit ihres Kindes, weil die 'Operation' außer Kontrolle gerät.
Der Major der Patrouille nimmt das Kind, Lina, mit nach Hause zu seiner Frau, da er nicht weiß, was er tun soll und weil er wegen seiner Unfruchtbarkeit keine Kinder zeugen kann. Ein vermeintlicher Kitt für die zum Scheitern verurteilte Ehe. Doch die Frau kann Lina nicht lieben.
Die gescheiterte Operation bereitet dem dienstbeflissenen Major Schwierigkeiten. Er fühlt sich von allen Seiten ertappt und erkannt. Er beschließt, quasi als Kompensation, das Kommando einer gefährlichen Aufgabe zu übernehmen: Belieferung von Außenposten im feindlichen, revolutionären Gebiet in den Bergen. Die Mission scheitert. Viele Soldaten sterben. Dem Major selbst wird von Einheimischen einer Stadt in den Bergen der 'Prozess' gemacht. Er wird zum 'Vergessen' verurteilt und in einen Brunnen geworfen.
Lina ist unglücklich und sucht ihre Eltern. Sie muss feststellen, dass in ihrem Elternhaus eine neue Familie wohnt. Über Umwege gelangt sie in die Stadt in den Bergen. Sie wird dort von einer 'Pflegefamilie' als Waisenkind aufgenommen. In einer Goldmine muss das kleine Mädchen arbeiten. Sie schläft mit ihren 'Geschwistern' in einem Bett. Angedeutet werden sexuelle Vergewaltigungen von Minenarbeitern auf Lina.
Die Frau des Majors und deren Haushälterin werden inzwischen von Revolutionären in ihrem eigenen Haus des Nachts ermordet.
Bei einem Schönheitswettbewerb in der Stadt lernt Lina den 'Dirigenten' der Revolutionären kennen, den Anführer. Dieser 'verliebt' sich in Lina und zeugt mit ihr ein Kind. Lina wird an einen 'sicheren' Ort gebracht. Sie bringt dort einen Sohn, Karl, zur Welt. Staatliche Soldaten stoßen auf den Unterbringungsort Linas. Lina, die sich mit ihren Mitbewohnerinnen in eine Art verborgenen Luftschutzbunker im Keller des Hauses verstecken kann, muss ihrem Kind, welches mehrmals laut zu weinen droht, den Mund zu halten, um von den Soldaten nicht entdeckt zu werden. Als die Soldaten unverrichteter Dinge verschwinden, stellt Lina den Tod ihres Sohnes fest.
Das Schlusskapitel zeigt Lina, die eine weltbekannte Waffenhändlerin geworden ist, in einer Interview-Situation.
Sehr gut gelingt es Grünberg, herauszuarbeiten, wie Menschen durch ihr Leben und das Schicksal zu der Persönlichkeit werden, die sie sind. Lina hat den Tod der Eltern zu verkraften, ihr Lebensweg wird von Fremden vorgegeben, bestimmt und geprägt, sie arrangiert sich mit ihrem Lebensweg, passt sich an, befindet sich auf der Suche nach Liebe, einer Familie, die sie aber nie finden darf. All dies ist m.E. ausschlaggebend dafür, dass sie Waffenhändlerin wird.
Grünberg trifft damit ein höchst aktuelles Thema. Denken wir nur an die Selbstmörder in Afghanistan, die oftmals zu Terroristen werden, weil in ihre eigene Familie Leid gebracht wurde.
In einem eigenen Kapitel charakterisiert Grünberg den 'Dirigenten'. Ein sehr interessantes und schockierendes Kapitel. Beim Lesen fühlt man sich zwangsweise an die Werdegänge von Hitler, aber auch eines Osama bin Laden erinnert.
Schwächer an dem Buch ist, dass das weitere Schicksal des Majors unklar bleibt. Er lebt in nächster Nähe zu Lina als Vergessener und trifft nie mit ihr zusammen. Der Leser kann sich sein Schicksal vorstellen, aber Grünberg vergisst den Major genauso wie die Menschen.
Auch sind in diesem Buch zahlreiche langatmige und m.E. fast überflüssige Schilderungen, die man deutlich hätte kürzen können.
Für uns Europäer fremdartig und nicht nachvollziehbar bleibt die Figur des 'Onkels' in der Goldmine.
Fazit: Ein lesenswertes Buch, das einen zum Nachdenken anregt, sicher keine einfache Kost ist und, das ist das Schöne, mehrere Interpretationsmöglichkeiten offenlässt.