Streiten? Ja klar, ich streite gerne. Würden Sie das sagen? Es ist ein Tabubruch, zuzugeben, dass man es mag, wenn die Fetzen fliegen oder Teller zu Bruch gehen. Streiten kann etwas befreiendes haben, denn es gehört zur Partnerschaft und kann der gegenseitigen Achtung wieder auf die Sprünge helfen, wenn dadurch Spannungen abgebaut oder vermieden werden können.
Streiten hält die Liebe lebendig, weil die Angst davor ein Zeichen von Harmoniesucht ist, sagt der Psychologe Frank Naumann in seinem Buch "Miteinander streiten. Die Kunst der fairen Auseinandersetzung". Diese Vorstellung ist meistens nur ein Ideal. Denn der Alltag von Paaren sieht anders aus. Anmuffeln, Nörgeln und gezielte Seitenhiebe machen vielen das Zusammenleben schwer. Nicht wegen unterschiedlicher Interessen oder Wertvorstellungen trennen sie sich, sondern es sind die zermürbenden Kleinigkeiten im Alltag. Vergessene Nachrichten, verschlampte Einkäufe, ein zu intensiver Blickkontakt mit dem netten Nachbarn. Schon ist der Knopf gedrückt, die Streithähne stellen ihre Kämme hoch und los geht's: Meistens gar nicht um den aktuellen Ärger, vielmehr, wer am Ende recht behält und als Sieger aus dem Gefecht hervorgeht. Dummerweise lässt auch der scheinbare Sieger ordentlich Federn, denn unterschwellig zerstört seine Rechthaberei den guten Willen des Partners. Dieser ist frustriert und wartet nur auf die nächste Gelegenheit zur Rache. Spätestens, wenn immer öfters «Nie- und Immer-Sätze» wie "Nie hörst du mir zu." oder auch "Immer kommst du zu spät." vermischt mit persönlichen Angriffen wie "Du hast das immer schon so gemacht." auftauchen, sollte die Alarmglocke läuten. Denn jetzt werden Meinungsverschiedenheiten mit Vorwürfen gewürzt, was meistens noch zusätzlichen Zunder bedeutet. Zufriedene Paare haben gelernt, Konflikte miteinander konstruktiv zu lösen. Hierfür gibt es wenige aber effektive Regeln.
Der Anfang jeder guten Streitkultur ist auch das Schwerste: Herauszufinden, worum es im Grunde wirklich geht. Jeder aktuelle Anlass hat Ursachen, die den Streitenden oft unklar sind.
Niemals sollte man den anderen abwerten, klein machen oder in einem schlechten Licht stehen lassen. Dies provoziert nichts als Rachegelüste. Die Person des Partners zu verletzen oder zu beleidigen ist tabu. Gesagtes bleibt gesagt, auch wenn man sich zehnmal dafür entschuldigt. Aggressionen ironisch oder mit sarkastischer Freundlichkeit zu präsentieren überlässt man besser den Comedy-Profis. Im Alltag redet man offen und direkt. Jede Form von Täuschung und Manipulation begünstigt Missverständnisse. Erpressungen und Drohungen sind ohnehin zu vermeiden, denn sie machen den anderen nur ohnmächtig. Tatsächlich gemachte Fehler vermischen sich mit Schuldzuweisungen und machen alles nur noch schlimmer.
Ein Streit ist immer nur eine Sache zwischen den beiden Partnern und sollte niemals auf Dritte ausgedehnt werden. Damit läuft man bloß vor dem anderen weg und bewegt sich nicht auf ihn zu. Jede Form von Ablenkung oder Rückzug vertagt das Problem nur, statt es zu lösen. Ebenso verstärkt jede Form des Schweigens die Aggressionen, anstatt sie aufzulösen. Besser ist es, den anderen rechtzeitig an seine Pflichten zu erinnern, anstatt ihm hinterher mit Vorwürfen zu begegnen. Niemand ist perfekt und die "Fehler" des anderen, die man selbst unerträglich findet, spiegeln zumeist unsere eigenen Unzulänglichkeiten wieder. Das eigene Selbstbewusstsein zu stärken ist der erste Schritt zu einer guten Streitkultur. Hat aber nichts geholfen, dann helfen feste Vereinbarungen, ein Streitgespräch einzuhalten. Wichtig nach Naumann ist: "Wer argumentiert verliert, wer fragt, der führt. Fragen und Zuhören nimmt Auseinandersetzungen die Schärfe. Der Fragende ist - obwohl er weniger spricht - immer in der Offensive, weil er das Gespräch lenkt" Statt der Vorwürfe ist es besser, eigene Gefühle in der Ich-Form mitzuteilen. Also nicht: "Wegen Dir komme ich jetzt zu spät." sondern: Ich hatte mich so auf den freien Abend gefreut. Jetzt fühle ich mich sehr gehetzt, um noch pünktlich zu kommen.
Ärger nicht aufstauen, sondern möglichst sofort aussprechen. Größere Probleme gehören aber in eine ruhige Atmosphäre mit viel freier Zeit, also auf's Wochenende oder einen gemeinsamen Abend. Dabei brauchen beide Blickkontakt, um die Körpersprache des anderen besser wahrnehmen zu können. Die Devise ist, immer eng am Thema bleiben. Und irgendwann gilt es, einen Punkt zu machen. Der rechtzeitige Schlussstrich ermöglicht ein erneutes Aufeinander zugehen oder die Möglichkeit zur Bedenkpause. Möchte man, dass sich etwas ändert, dann ist es ratsam, seine Wünsche so konkret und positiv wie möglich zu sagen. Und auch hier ist die Ich-Form unerlässlich. Also: "Ich möchte etwas mit dir unternehmen."
So einfach ist es und so schwer, weil die Lust an der Auseinandersetzung gerade bei dem Menschen, den man liebt, ihre Grenze findet. Will man wieder ein Miteinander, dann lohnt sich die Mühe des konstruktiven Streitens, denn, so Naumann, "Menschen, die nicht streiten, leben aneinander vorbei."