Die Höchstnote verdient der beinahe 2 Kilogramm schwere Schunken nur schon wegen seiner Informationsfülle. Wer allerdings so sozialisiert wurde, dass Bücher von vorne bis hinten durchgeackert werden müssen, wird von diesem Ding erschlagen werden. Aber gerade ein Handbuch wie dieses kann der Anlass sein, sich von solch unsinnigen Zwangshandlungen zu emanzipieren. Jedenfalls kenne ich keinen Prüfungsplan, der die Wiedergabe solch kompakter Wissenssammlugen abverlangen würde.
Ein unhandliches Handbuch ist es also, das die illustren Herausgeber uns zur Verfügung stellen. Der Verlagsinformation entnehme ich, dass Lutz von Rosenstiel inzwischen Prof. Dr. Dr. h.c. ist, während seine Mitherausgeber immerhin mit Prof. Dr. aufwarten können. Titel legitimeren Inhalte, garantieren aber nicht zwingend Praxistauglichkeit. Doch die ist bei richtige Lesart im vorliegenden Fall durchaus gegeben. Von Rosenstiel weiss, dass der rationale Ansatz heute nicht mehr genügt. Vielleicht hat seine Auseinandersetzung mit Werbung diese Einsicht verstärkt. Daher fliessen auch viele Erkenntnisse der Neurologie mit ein, obwohl die Herausgeber solches unter tiefenpsychologischem Aspekt einordnen. Mir persönlich ist dieser Ansatz zu wenig konsequent durchgezogen und wird noch immer auf die Nebenschauplätze verbannt. Doch wenn man weiss, wie konservativ Human Ressources Abteilungen ticken, befolgte Rosenstiel & Co klugerweise die MAYA-Regel: Most advanced yet acceptable.
Gegliedert ist diese Führungsbibel in sieben Teile: Führung:Basiswissen und Perspektiven; Führung der eigenen Person; Der Vorgesetzte und sein Mitarbeiter; Führung und Arbeit in Gruppen; Personalentwicklung und Personalpolitik; Organisationsstrukturen und ihre Veränderungen; Das gesellschaftliche Umfeld. Jeder Teil, jeder Beitrag verdiente eine besondere Würdigung und Kritik. Hier lässt der Platz nur ein Gesamturteil zu. Und das ist positiv. Nicht weil das Buch auf jede Frage die passende Antwort zu geben vermag, sondern weil sich jede Frage darin findet, sie aufnimmt, andere Formulierungen wagt, Lösungsangebote bereit stellt und eine Fülle von weiter führender Literatur bietet.
Das Konzept der Herausgeber hat die Bewährungsprobe längst bestanden. In der nunmehr vorliegenden 5. Auflage wurde es daher beibehalten, aber sorgfältig überarbeitet und aktualisiert. So finden sich nun auch Beiträge über virtuelle Führung und e-Learning. Was dem Buch beinahe ein bis zwei Sterne gekostet hat, ist die fehlende Integration von HRM in das Marketing. Der Begriff taucht nicht einmal im ausführlichen Stichwortverzeichnis auf. Peter Zernisch legte in seinem Buch "Markenglauben managen" auf überzeugende und einleuchtende Weise dar, dass Markenführung ohne Einbindung des HRM kaum gelingen kann. Das heisst aber auch, dass HRM-Tätigkeiten ohne Marketingansatz Stückwerk bleiben. Bei einer sechsten Auflage wird diese Unterlassungssünde der Herausgeber nicht mehr gnädig übersehen.