Warum Führung ein Pflichtfach für Führungskräfte sein muss
Dr. Reinhold Haller hat es selbst erlebt. Ich hatte die Mitarbeiterin als sehr selbstständig und ehrgeizig eingeschätzt", erinnert sich der Buchautor. Deswegen hat er ihr bei der Umsetzung eines Projektes viel Freiraum gelassen. Drei Wochen später bricht die hoch motivierte Frau bei einem Gespräch unter vier Augen in Tränen aus. Sie hatte das In-Ruhe-Gelassen-Werden als Desinteresse ihres Chefs an ihrer Arbeit bewertet.
So schnell, sagt Reinhold Haller, kann man als Vorgesetzter mit seinem eigenen Verhalten und mit der Einschätzung anderer daneben liegen. Deswegen hat der promovierte Erziehungswissenschaftler und Psychologe einen kompakten und praxisnahen Ratgeber zum Thema Mitarbeiterführung geschrieben, der allen Führungskräften landauf, landab nur wärmstens ans Herz gelegt werden kann. Jenseits von flachen Tipps widmet sich dieses Sachbuch der gründlichen Aufarbeitung der Begrifflichkeiten rund um das Thema Führung, Mitarbeitergespräche, Motivation, Coaching und Change-Management. Und vor allem geht es auch um die Frage, wie sich eine neu berufene Führungskraft verhalten sollte - besonders dann, wenn sie aus den eigenen Reihen berufen wird ("gestern Kollege - heute Chef" oder "neu auf dem Chefsessel").
Haller arbeitet neben klaren theoretischen Inputs mit zahlreichen, äußerst plastischen Beispielen aus der Praxis und schöpft dabei sowohl aus seinen eigenen Erfahrungen als Personalentwickler, aber auch aus vielen Fallbeispielen, die ihm seine Seminarteilnehmer im Laufe seiner Jahre als Dozent und Trainer in deutschen Konzernen und in Forschungseinrichtungen anvertraut haben.
Haller, der seine Bücher gern im Entspannungs-Modus auf Asien-Reisen schreibt, sagt über seine Motivation: Es ist in vielen Studien belegt, dass die Motivation und Identifikation vieler Mitarbeiter in Unternehmen und Organisation nicht zum besten bestellt ist." Er sieht einen engen Zusammenhang damit, dass viele Führungskräfte in Unternehmen unzureichend oder gar nicht auf ihre Führungsaufgabe vorbereitet werden. Es verwundert mich umso mehr, dass trotz dieser Erkenntnisse viele Führungskräfte immer och nicht in Menschen- und Mitarbeiterführung ausgebildet werden, obwohl der dadurch entstehende Schaden kaum zu beziffern ist."
Mitarbeiterführung, so Haller, sei keine Kunst und auch kein Handwerk. Für ihn ist es ein Kunsthandwerk, das Empathie, Selbstreflexion und visionäres Denken ebenso erfordert wie essenzielle Führungsinstrumente, die unbedingt erlernt und eingeübt sein sollten. Wie sagte schon Thomas Mann so trefflich: Niemand kann andere Menschen gut führen, wenn er sich nicht ehrlich an deren Erfolgen zu freuen vermag." Sprich: Ein Stück menschliche Größe, Charakterstärke und Übersicht sind im Führungsjob mehr gefragt als jedes eitles Getöse oder die sandkastenartige Machtspielchen.
Die Lektüre dieses gründlich erarbeiteten Buches kann letztlich zu Vielem dienen: Zur kritischen Selbstüberprüfung, als Anregung zum erneuten Seminarbesuch, als Provokation für diejenigen, die meinen, sie machten als Chefs keine Fehler - obwohl letzteren wahrscheinlich sowieso nicht mehr zu helfen ist. Leider - denn gerade die gehen ihren Mitarbeitern kräftig an die Nieren und Konzernen an den nachhaltigen Erfolgsnerv. Zu hoffen ist, dass sich viele angehende Führungskräfte inspiriert fühlen, ihren Karriereweg professionell begleiten zu lassen. Und vielleicht wird Mitarbeiterführung ja irgendwann einmal an deutschen Universitäten ein Pflichtseminar, quer durch die Fachbereiche. Denn Führungskraft zu sein, ist mitnichten nur ein Karrieresprung, sondern vor allem das Gegenteil von Egoschmeichelei: Es ist die Herausforderung, im Dienste des Gemeinsamen zu stehen, zu handeln und zu denken. Also schon mental eine Herausforderung, die täglich neu bewältigt sein will. Und an der man als Mensch zur Persönlichkeit wachsen kann.
Susanne Hillens
freie Journalistin