(Vorsicht, Spoiler!)
Ironischerweise ist Kirk Douglas, der in King Vidors Western "Man Without a Star" (1955) die Rolle des ziellosen Herumtreibers Dempsey Rae spielt, keinesfalls jemand, dem es an der Vorstellung eines klar vor ihm liegenden Weges fehlte. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, sah der erfolgreiche Student ein Schauspielstipendium als eine Möglichkeit, sich seinen Weg in die Welt zu bahnen, und irgendwann schaffte er es sogar, sich als Spartacus große Regisseure wie Anthony Mann und schließlich Stanley Kubrick zu sichern - angeblich in dem Bemühen, mit diesem Sandalenfilm Wylers "Ben Hur" in den Schatten zu stellen, weil nicht er, sondern Heston jene Hauptrolle bekommen hatte. Seinen eigenen Auskünften nach hat er auch in Vidors "Man Without a Star" kreativ kräftig mitgemischt, indem er das Drehbuch so umschrieb, daß der Fokus nunmehr auf Dempsey und nicht auf dem jungen Texas (William Campbell), den jener unter seine Fittiche nimmt, lag. [1]
"Man Without a Star" erzählt die Geschichte eines ewig Suchenden, des ziellosen Drifters Dempsey, und greift dabei so viele genretypische Motive auf, daß man diesen Film geradezu als Schulbeispiel eines Westerns begreifen kann, in dem eigentlich nur noch Indianer fehlen. So steht im Zentrum des Geschehens ein wurzelloser Held, der sich zwischen zwei Frauen befindet - der, für ihn freilich letztlich nicht in Frage kommenden, Hure mit dem goldenen Herzen Idonee (Claire Trevor) und der berechnenden Rancherin Reed Bowman (Jeanne Crain). Auffällig ist, daß Dempsey am Anfang ein ziemlich heruntergekommener Bursche ist, der nichts als seinen Sattel und seine Fähigkeiten besitzt. Daß er gut zu schießen versteht, wissen wir am Anfang noch nicht, denn er hat nicht einmal eine Waffe. Unbekümmert fährt er als blinder Passagier in einem Zug durch das Land, weniger auf der Suche, als vielmehr auf der Flucht. Zwar hilft er dem jungen Texas - ebenfalls ein Tramp ohne Zugfahrkarte -, nachdem dieser von einem Zugbegleiter hinterrücks niedergeschlagen worden ist, doch als er später mitansieht, wie dieser Zugbegleiter von einem anderen Landstreicher erstochen wird, greift Dempsey nicht ein und verhindert außerdem, daß sich Texas aus naivem Ehrgefühl heraus für eben dieses Verbrechen aufknüpfen läßt. Douglas' Cowboy hätte - diese Prognose wage ich mal - John Wayne nicht sonderlich gefallen, denn erstens ist er bis auf den Sattel komplett abgebrannt und muß sich - Freud hätte gejubelt - von einer Hure einen Revolver geben lassen und zweitens folgt er kaum irgendwelchen Verhaltenskodizes. Schmerzlich wird dies später deutlich, als er sich von Miss Bowman für ihre Zwecke einspannen und sich dafür großzügig in zweierlei Währung bezahlen läßt.
Und dennoch hat auch Dempsey, wie sowohl Hondo als auch Shane zwei Jahre zuvor, einen Erziehungsauftrag zu erfüllen - ein typisches Westernmotiv -, denn er muß aus Texas einen echten Kerl machen. Dies beginnt bei Etikettenfragen - etwa dem Grundsatz, nie uneingeladen vom Pferd abzusitzen -, geht weiter über den Umgang mit dem Pferd und endet, wie sollte es anders sein, bei Schießübungen, zu deren Anlaß Douglas dann auch mal seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellen kann. Anscheinend bildet er sich aber nicht viel auf die Spielereien mit dem Colt ein, denn wenn er auch keine Zinntasse nimmt, so schärft er seinem Schützling ein, daß diese Tricks nichts bringen und daß es darauf ankomme, schnell zu ziehen, damit man die Waffe danach ganz langsam wieder in das Halfter zurückgleiten lassen kann. All diese Dinge jedoch sind Äußerlichkeiten, die Texas ebensogut von dem finsteren Revolverhelden Steve Miles (Richard Boone) erlernen könnte, der sich ebenfalls in den Sold der Rancherin stellt und ihr helfen will, die kleineren, anständigen Farmer zu vertreiben, die nicht - wie Bowman - vorhaben, das Land nach Heuschreckenart auszulaugen und dann weiterzuziehen - dieser Kampf zwischen den dem Land verbundenen Siedlern einerseits und dem seelenlosen Profiteur andererseits ist denn auch ein weiteres Westernmotiv.
Als Dempsey sich dann dazu entschließt, den Farmern beizustehen, und dabei seine Ängste überwindet, braucht es einige Zeit, bis Texas seinem Beispiel folgt, doch er tut dies, und erst von diesem Moment an scheint die Erziehung des jungen Kindskopfes abgeschlossen. Der Gegenstand von Dempseys Furcht ist dabei nichts anderes als die Zivilisation, hier vor allem symbolisiert durch den allgegenwärtigen Stacheldraht, mit dem die kleinen Farmer das weite Land aufteilen, es zerschneiden und somit - ironischerweise - vor der Zerstörung durch Reed Bowman schützen. Allerdings fungiert der Stacheldraht in "Man Without a Star" auch als Marterinstrument und hat schon in der Vergangenheit tiefe Wunden in Dempseys Brust gerissen. Dempseys Furcht vor dem Stacheldraht und vor der Zivilisation, für die der Draht steht, spornt ihn dazu an, stets weiter in den Norden zu ziehen - eines Tages sei er vielleicht in Kanada angekommen, scherzt er düster. Der Umstand, daß er sich bei dieser Flucht am Anfang des Filmes eines Zuges bedient - mithin eines idealtypischen Agenten des Fortschrittes und der Bändigung des weiten Landes [2] -, scheint mir mit bitterer Ironie darauf zu verweisen, daß Dempseys Freiheitsbegriff ein negativer ist, der ihn recht eigentlich erst zum Gefangenen seines Fluchtinstinktes macht. Auch die Schlußszene, in der Dempsey das Angebot der Farmer abschlägt, als einer der Ihren in die Viehzucht einzusteigen, und statt dessen leitsternlos in eine undefinierte Freiheit reitet, unterstreicht diese pessimistische Kritik, denn wir sehen den sich entfernenden Reiter durch einen Stacheldrahtzaun, der vor unseren Augen das Weideland durchteilt. So sind im Grunde Anfang und Ende des Filmes von den Insignien des Fortschrittes dominiert, und Dempseys Zukunft scheint unter keinem guten Stern zu stehen.
Darüber hinaus scheint "Man Without a Star" mit seinem exemplarischen Potpourri an Westernmotiven aber doch für eine Reihe anderer Filme eine Inspiration, wenn auch nicht unbedingt ein Leitstern, gewesen zu sein, denn den Mann, der nur noch seinen Sattel hat und ein bißchen in der moralischen Schwebe ist, gibt Randolph Scott dann zwei Jahre später in Boettichers "The Tall T", und auch die Tramps im Zug, die sich gegen einen boshaften Lokführer zur Wehr setzen mußten, kamen dank Robert Aldrichs etwa zwanzig Jahre später erneut ins Kino. Und achten Sie mal auf die Einstellung, in der der Zug in der Stadt ankommt, und wir unsere zwei Helden aus der Ferne sehen, während sich, mit dem Rücken zu uns, drei Gesetzeshüter drohend vor ihnen aufbauen. Na, wo haben Sie diese Szene später denn nochmals gesehen?
Die SZ Cinemathek kann zweifellos das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, diesen schönen Film erstmals in deutscher Sprache auf DVD veröffentlicht zu haben, doch gibt es außer der englischen Tonspur keine Extras. Leider fehlen selbst Untertitel.
[1] Die DVD-Hülle weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß Vidor in seiner Autobiographie diesen Film denn auch nicht erwähnt hat.
[2] Er sagt in diesem Zusammenhang auch, daß es unmöglich sei, von Texas nach Wyoming zu reiten, bedenkt dabei aber nicht, daß die gleiche Entwicklung, die seine Flucht bedingt, diese gleichzeitig erst ermöglicht.