Wilhelm Schmid hat sich der Neubegründung einer Philosophie der Lebenskunst verschrieben. Nach dem beachtlichen Erfolg von „Schönes Leben?" (2000) legt er jetzt mit seinem neuen Buch über die Selbstfreundschaft ein gleichermaßen kenntnis- als auch erkenntnisreiches Werk über den Umgang des Menschen mit sich selbst vor.
Autarkie, Askese und Ekstase sind für Schmid zentrale Begriffe; Autonomie, Wahl, Freiheit, Sinn, Glück, Fülle und Aufmerksamkeit einige andere. Auch der Angst kommt einige Bedeutung zu: In ihr sieht der Autor sogar den Anfang aller Lebenskunst. Warum? Weil im selben Maß, wie sich der moderne Mensch seine Freiheit nimmt und von alten Bindungen löst, auch die existenzielle Angst wächst. Darin liegt die Widerspruchsnatur des Begriffes, solange nur von der Befreiung von und nicht vom Freisein für etwas die Rede ist. Vor diesem Hintergrund formuliert Schmid eine provokant klingende These: Ausgerechnet die Moderne und das in ihr ausgesetzte Individuum sind weitaus labiler als es angesichts ihrer fast grenzenlos scheinenden Omnipotenz und lärmig vorgetragenen Hybris scheint.
Getreu dem delphischen Motto „Erkenne dich selbst" kreisen Schmids Gedanken in sich weitenden Ringen um dieses unbekannte Wesen, dem unsere Fürsorge gelten soll. Dabei zeigt sich: Es ist nicht leicht, eine Beziehung zu sich selbst aufzubauen, noch dazu eine freundschaftliche; einerseits, weil dem Ich sein Selbst meistens ziemlich fremd ist, andererseits auch deshalb, weil das Ich oft etwas darstellt, das weniger eine ausbalancierte Einheit darstellt, als vielmehr eine in verschiedene Fragmente gespaltene und zwischen diesen hin- und hergerissene Erscheinung.
Schmid widmet seine Achtsamkeit den Ausprägungen dieses Selbst in vielerlei Formen, zum Beispiel dem elektronischen Subjekt, wie es sich uns fortschreitend im von E-Mails und E-Government geprägten „E-Life" gegenübertritt. Entscheidend aber in diesen Zeiten ist die Beschäftigung mit dem zentralen Problem der postindustriellen Gesellschaft: Keine Arbeit zu haben. An diesem Punkt hat eine Philosophie, die sich am Leben der Menschen orientiert und sich vor dem Begriff Lebenshilfe nicht scheut, einen ersten Härtetest zu bestehen. Wie steht es um die Lebenskunst und das schöne Leben in diesen hart(z)en Zeiten?
Unter anderem, so Schmid, „gerät die Sorge um sich zur Sorge um Arbeit", ist also eine der Ausdrucksformen der Selbstsorge. Eine Selbstverständlichkeit? Ja, und das nicht nur im bürgerlichen Sinne, denn schließlich steht mit dem Lebensunterhalt das Leben an sich in Frage. Geld und Besitz sind insofern als sinnvoll zu erachten, als sie einem nicht nur die Existenzgrundlage verschaffen, sondern auch das Verfügen über Möglichkeiten und jene materielle Sicherheit, die notwendig ist, um die Existenzangst nicht völlig ausufern zu lassen.
Worauf es Schmid jedoch ankommt, ist den Begriff der Arbeit nicht nur auf den materiellen Aspekt und die Erwerbsarbeit einzuengen. Deshalb führt er hier den Begriff der Lebensarbeit ein, als einem umfassenden Tätigsein auf den verschiedenen Baustellen des Lebens: „Arbeit ist all das, was ich in Bezug auf mich und mein Leben leiste, um ein schönes und bejahenswertes Leben führen zu können." Und er zählt auf: die Arbeit an Freundschaft, Familienarbeit, Bürgerarbeit, Muße als Arbeit und - last and least - auch die Erwerbsarbeit.
Eingebettet in den ideellen Zusammenhang der Lebensarbeit erscheint das Geldverdienen nur als ein Teil dieser zu leistenden Lebensarbeit. Arbeitslosigkeit kann eigentlich nur in diesem letzten Punkt eintreten, denn an Gelegenheiten, in den anderen genannten Bereichen tätig zu werden, wird es ein Leben lang nicht mangeln. Insofern geht auch der immanente Sinn der Arbeit nicht verloren, denn es wäre fatal, ihn nur an den Begriff der Erwerbsarbeit zu koppeln, welche ihn ohnehin oft genug - Überforderung, Entfremdung, Mobbing, innere Kündigung, Burnout, Depression - skrupellos korrumpiert.
Hilft uns das? Nicht direkt. Wer nicht weiß, wovon er morgen seine Miete bezahlen soll, wird sich zunächst nur schwer mit solchen Gedanken trösten können. Unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem ist um die Arbeit als Grundlage der Produktion materieller Ressourcen herum organisiert. Wir sind damit aufgewachsen und viele Jahre darauf vorbereitet worden, in diesem System unsere Rolle zu spielen und darauf unsere eigene Existenz aufzubauen. Sinn ergibt sich hauptsächlich aus unserem ökonomischen und materiellen Erfolg. Lässt sich daran etwas ändern, ohne das System selbst in Frage zu stellen?
Nicht sofort. Wenn überhaupt, dann nur über den langwierigen Weg einer allmählichen Einübung anderer Sichtweisen: über Askese und Meditation. Was Schmids Philosophie der Lebenskunst auszeichnet ist, dass sie nicht bei der bloßen Behauptung einer selbstgestalteten, bejahenswerten Existenz stehen und somit utopisch bleibt, sondern bedenkenswerte Vorschläge - nicht „Rat-Schläge" und Rezepte - für die Entwicklung und Verwirklichung anderer, eigener Einstellungen gibt.
Alle Ausarbeitungen zu diesen Themen sind geprägt von einem tiefen Verständnis für die Bedingtheit der menschlichen Existenz. Viele Sätze sind Balsam für die gehetzte und geschundene Seele, die offen oder uneingestanden nach Erlösung vom Terror moderner Lebens-, Arbeits- und (Re-) Produktionsbedingungen lechzt, also nichts so sehr wie Ruhe, Frieden und Glück herbeisehnt. Schmid vertritt die pragmatische Romantik einer anderen Moderne. Angetrieben von der Notwendigkeit der Selbst- und Seelsorge trägt er seine „Predigten" vom schönen Leben bis in den hintersten Winkel des Thüringer Waldes. Dabei pflegt er einen essayistischen und oftmals poetischen Stil, frönt der Lust an der Kunst der Formulierung und Wortschöpfung („cyberhaft - zauberhaft"), reichert die meist kurzen Kapitel mit anschaulichen Beispielen und Fällen aus der Gegenwart an und lockert sie gelegentlich, dort wo es angebracht erscheint, auch mit etwas Heiterkeit auf. Erstmals begegnet einem der Verfasser in seiner Schrift gelegentlich auch ganz persönlich. All das zusammen macht dieses Buch über seinen Gehalt hinaus besonders lesbar.
Aber, um das berüchtigte Haar im epikureischen Süppchen nicht zu übersehen: Wohin kommen wir, wenn jeder sein eigenes kocht und auslöffelt? Wohin führt diese Selbstbeschäftigung? Bleibt sie reiner Selbstzweck? „Ist Selbstbeziehung Egoismus?" - Nein. Je aufmerksamer Schmid sich den Ausprägungen und Aspekten des Selbst zuwendet, desto klarer wird, dass die Beschäftigung damit sehr schnell vom Ich zum Wir, der Welt und schließlich auch weit darüber hinaus führt. Die Beziehung zum Selbst wird umgehend zu einer Bezogenheit auf die Anderen.
Schmid wird nicht müde, die so verstandene Selbstfreundschaft deutlich von der Selbstsucht abzugrenzen. Er darf sich dabei ebenso auf das christliche Gebot der Nächstenliebe stützen, die ursprünglich die Selbstliebe voraussetzte, wie auch auf Adolph Freiherr von Knigge. Dieser leitete seine oft falsch verstandenen Schrift von 1788 „Über den Umgang mit Menschen" mit einem Kapitel über den Umgang mit sich selbst ein und formulierte darin: „Die Pflichten gegenüber uns selbst sind die wichtigsten und ersten, und also der Umgang mit unserer eigenen Person weder der unnützeste noch uninteressantes."
Die Philosophie der Lebenskunst ist ein lebensfreundliches Korrektiv zur oft eher lebensfeindlichen Ausprägung moderner Sichtweisen und Verhältnisse. Das hat nichts mit krampfhaftem Positivdenken zu tun, denn das Unschöne, Schmerzliche und Leidvolle, die Krankheit, Trauer und Melancholie, die Niederlage, das Versagen und die Niedergeschlagenheit werden von diesem Wissen um das Lebenkönnen, das auch ein Wissen um das Sterbenmüssen , nicht ausgeschlossen.
Auch über den Tod hinaus lässt sich dieses Selbst letztendlich denken und erfährt dadurch seine größtmögliche Weiterung. Schmid: „Jedenfalls ist eine solche Vorstellung von Transzendenz ein möglicher Gedanke des Selbst, unabhängig davon, ob dem eine Wirklichkeit entspricht."
Diese Öffnung des Selbst für das ganz Andere eröffnet die Möglichkeit der Überschreitung seiner Grenzen, vielleicht sogar für die Überwindung des Selbst und dessen endlichem Verzicht. Angesichts dieses uns alle bevorstehenden Endes ergeben sich Antworten auf die Fragen nach dem Glück und dem Sinn schließlich fast von alleine. Und in dem Moment, in dem das Leben endlich in seiner ganzen Fülle in den Blick des Selbst gerät, findet die alle Selbstbezogenheit ihr Ende.