Auf der Suche nach Heldengeschichte musste ich zwangsläufig über dieses Buch stolpern, wenn ich nicht nur Männerstorys lesen wollte. Erschienen ist es zwar schon 2006, aber da Carly Fiorina seit Ihrem Sturz von einem der höchsten Management-Sessel privatisiert, gibt es zu weiteren Berufsleistungen auch nichts Neues zu sagen. Vielleicht werden wir allerdings bald mit der Mitteilung überrascht, dass sie von den Republikanern zur Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten gekürt werden soll. Aber das ist Spekulation. Fest steht hingegen, dass ausser der Autorin keine andere Frau ein so grosses Unternehmen führte. Grund genug für mich, ihre Autobiografie zu lesen. Dabei hegte ich auch die Erwartung, Genaueres darüber zu erfahren, wie Spitzenmanager es auf Reihe kriegen, 12 bis 14 Stunden im Tag zu arbeiten, auf Monate hinaus verplant zu sein, alle Einflussgruppen in Schach zu halten und permanent die eigene Macht zu sichern. Diese Erwartung wurde leider enttäuscht. Denn Carly Fiorina spricht nur äussert selten über ihr Privatleben und ihre ganz privaten Gefühle. Neugierig war ich auch, ob mir diese Autobiografie etwas darüber erzählen kann, wie Macht die Menschen verändert und wie man dagegen Widerstand leisten kann. Doch sehr erhellende Antworten fand ich nicht.
Blieb der Aspekt, von einer erfolgreichen Managerin zu hören, wie es in einem Weltbetrieb zu und her geht, welche Entscheidungen ganz zuoberst gefällt werden und welche Voraussetzungen für eine solche Position notwendig sind. Zu all diesen Fragen gibt Carly Fiorina beherzt Antworten. Und obwohl einige davon auch den üblichen Pressecommuniques zu entnehmen wären, bleibt noch genug Überraschendes, dass sich die Lektüre lohnt. Enttäuscht war ich nur, dass letztlich auch Carly Fiorina daran glaubt, dass jeder der Schmied seines Glücks ist. Mir hingegen zeigte gerade das Ende ihrer vorläufigen Karriere, dass sich Karriere nicht planen lässt und dass keine Macht der Welt sich das Schicksal zurechtbiegen kann. Auch wenn Carly Fiorina alle fachlichen und persönlichen Voraussetzungen für eine solche Karriere mitbrachte, hatte sie beim Aufstieg eben Glück und beim Abstieg Pech. Oder um es dem allzu Mythischen etwas zu entreissen, die Menschen sind doch unberechenbarer, als man es gerne hätte.
Was diese Autobiografie von anderen unterscheidet, ist sicher der Umstand, dass sie von einer Frau verfasst wurde. Daher erfährt man auch sehr viel über männliche Seilschaften, Eitelkeiten, Allmachtsfantasien und Verlustängste. Und selbstverständlich ebenso viel über die Rolle der Medien im alltäglichen Geschlechterkampf. Mag sein, dass die Kritiker und Feinde von Carly Fiorina diese Biografie völlig anders lesen als ich. Denn schliesslich bastelt sich jeder die Geschichte zusammen, die zu seinem Denken und Handeln passt. Als süsse Rache an ihren Gegnern empfand ich Fiorinas Rückblick nicht. Viel eher kam es mir so vor, dass sie dieses Buch schreiben musste, um nicht verheilte Verletzungen zu kurieren und ihrem Glauben an das Gute im Menschen eine Plattform zu geben. Ob alles so war, wie Carly Fiorina es darstellt, werde ich nie herausfinden. Aber dass der Satz "Ich bin glücklich" ihre Autobiografie beschliesst, lässt darauf schliessen, dass Macht und Geld das Leben zwar vereinfachen, aber keine Garantie für Glück sind. Denn der Satz fällt erst, als Carly Fiorina vom Lachen der Kinder erzählt, die ins Schwimmbad springen. Und diese Szene der Unbeschwertheit kann die Autorin nur erleben, wenn sie nicht 14 Stunden im Tag ein Weltunternehmen führt.
Mein Fazit: Autobiografien von Managern gibt es viele. Nicht nur, weil sich Heldengeschichten gut verkaufen, sondern auch weil viele Wirtschaftshelden narzisstische Züge aufweisen. Davon ist auch Carly Fiorina nicht ganz frei. Aber wenn ich ihren Lebensbericht mit denen männlicher Spitzenmanager vergleiche, so würde ich die Ferndiagnose stellen, Carly Fiorina sei eigentlich ganz gesund geblieben. Jedenfalls hat man als Leser nicht das Gefühl, man müsse der Autorin dauernd gratulieren. Meist macht die Lektüre Spass. Und lernen kann man von Geschichten ohnehin mehr als von Führungshandbüchern.