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Falls der Gott einmal schweigt
Ein Roman aus dem Nachlass von William Golding
«Der Schriftsteller», sagte William Golding, «sieht das grösste aller Mysterien. Es ist der Moment lebendigsten Gewahrwerdens, der leidenschaftlichsten und haltlosesten Gewissheit. Es strahlt oder schreit.» So umschrieb der Literaturnobelpreisträger den literarischen Schöpfungsakt; doch die gleichen Worte könnten auch ein zentrales Thema seiner Werke fassen, das Problem, welches ihm das einzige war, «was überhaupt zählt»: die Möglichkeit oder Unmöglichkeit , sich der Existenz Gottes zu vergewissern.
Dieser Frage hat sich der Schriftsteller in seinem letzten, postum veröffentlichten Roman ausschliesslicher und expliziter zugewandt als in allen früheren Werken. Zwei Entwürfe zu «The Double Tongue» lagen im Sommer 1993 vor, als der Einundachtzigjährige überraschend an einem Herzanfall starb; die endgültige Überarbeitung hätte im Herbst an den Verlag gehen sollen. In diesem Sinne unvollendet, schlüssig aber im Blick auf sein wichtigstes Motiv, ist das Buch nun auch in deutscher Übersetzung erschienen.
Golding projiziert seine ausgreifende Imaginationskraft die das Bewusstsein prähistorischer Anthropoiden so gut wie den gegen alle Vernunft und physikalischen Gesetze erzwungenen Bau eines gigantischen Kirchturms zu rekonstruieren versuchte diesmal in die Antike: Schauplatz des Romans ist Delphi im ersten Jahrhundert vor Christus, Erzählerin die Pythia des vom Niedergang bedrohten Orakels. Dass dem leidenschaftlichen Gräzisten Golding die seltsamen Stilbrüche in der Rede seiner Charaktere versehentlich unterlaufen wären, ist nicht anzunehmen: wenn der Ort von «Touristen» überlaufen ist, «Terroristen» erwähnt werden, Wandschmierereien den Marmor Athens verunzieren, dann darf man annehmen, dass hier, wie im Orakel selbst, mit «doppelter Zunge» geredet wird, dass gleichzeitig Zerfall und Zukunft sich ankünden. Ein Gefühl der Un-Zeit vermittelt auch der Roman selbst: bescheiden im Umfang und fast ohne Handlung, lässt er die Dekaden unmerklich verstreichen; nur die nebenher eingeflochtenen Altersangaben der Protagonistin setzen die Klammer um eine Zeitspanne von fünfundsiebzig Jahren.
Proteisches Bewusstsein
Er habe nie eine starke weibliche Komponente in sich verspürt, äusserte Golding einmal; und abgesehen von dem sinistren Schwesternpaar, das in «Darkness Visible» die Finsternis recht eigentlich verkörpert, dominieren männliche Charaktere den Vordergrund seiner Werke. Etwas von diesem Befremden vor dem Weiblichen wird auch in der Gestaltung Ariekas, der spröden und unhübschen Heldin des letzten Romans, spürbar; die Indizien des Geschlechts ein wenig Menstruationsmystik, ein gelegentliches Aufbäumen gegen ihre untergeordnete Rolle haften unkomfortabel an der fast körperlosen Gestalt. Mehr als das Frausein hat die weibliche Rolle seiner Protagonistin Golding interessiert: dem gefährlichen Umgang mit dem Gott des Orakels und seinem irdischen Repräsentanten hat sie nichts entgegenzusetzen als ein weder durch Bildung noch durch Zuwendung gefestigtes (und vielleicht gerade deshalb zu proteischer Selbsterhaltung fähiges) Bewusstsein.
Mit Eklat tritt dieses im ersten Satz des Romans in die Welt. Arieka greift zurück auf die allererste, frühkindliche Erinnerung, findet «brennende Helle und Wärme» Bewusstwerdung als Blendung, ein Paradox, das sie zur wahrhaft geborenen Golding-Protagonistin macht. Zwei weitere Male noch folgt binnen drei Seiten dieses verzehrende Aufflammen: wenn der Nachbarssohn vor den Augen des kleinen Mädchens Ameisen versengt; wenn ein Sklave lebendige Fische ins siedende Öl wirft und das Kind diesmal, plötzlich mitleidend versteht: «Ich schrie und schrie, weil es so weh tat.» Es strahlt oder schreit; das Mysterium der Erkenntnis ist eine zweifelhafte Gnade.
Arieka wird noch einmal schreien: beim ersten Eintritt in die Grotte, wo Dreifuss und Kohlebecken die Pythia erwarten, wo aus einer tiefen, verborgenen Bergspalte die Stimme des Gottes zu ihr dringen soll. Von einer unbekannten Macht überwältigt, erfährt die junge Priesterin die Wahrheit ihres Berufs: dass ihr «der Mund zerrissen» werde, hat ihr die greise Vorgängerin zuverlässig vorhergesagt. Zerrissen von Apoll, dem Herrn des Ortes? Von Bacchus, seinem Widerpart, dessen Namen sie heult? Wo ist die eigene Stimme? Wessen das Gelächter, das sich an den Wänden der Grotte bricht, und was sein Sinn?
Spiel mit der letzten Wahrheit
Beim Antritt ihres Amtes kennt Arieka die «doppelte Zunge» noch nicht: selbst kaum fähig, das richtige Wort zu treffen, greift sie in ihrer ersten Begegnung mit der alten Pythia linkisch-anrührend nach dem Wortsinn, den deren Gleichnisrede vorspiegelt. Nicht nur die Notzüchtigung durch den Gott wird ihr von der Älteren vorausgesagt, sondern auch die subtilere Manipulation durch Ariekas Mentor und einzigen Freund: den aufgeklärten Apollopriester Ionides, der die gut eingespielten Mechanismen der Institution Delphi für heimliche Umtriebe gegen die römische Besetzungsmacht nutzt. Er führt die knapp des Lesens Kundige in den Genuss der höheren Literatur ein mit der expliziten Absicht, sie auf die Hervorbringung kunstvoller Hexameter hin zu dressieren, falls Apoll einmal schweigen sollte; er reizt behutsam den Zweifel an der Existenz der Götter, den ein freudloses Leben schon früher in dem Mädchen keimen liess; und er waltet selbst als dubioser Mittler zwischen der Pythia und den Ratsuchenden vor dem Heiligtum, denen er ihre Schicksalssprüche kundtut.
So wird Arieka den Priester Dinge verkünden hören, die sie nie ausgesprochen hat. Sie wird, berauscht von den übers Kohlebecken gestreuten Lorbeerblättern, vor sich hinmurmeln, ohne zu wissen was und zu späterer Stunde von Ionides vernehmen, in ihren Worten seien göttliche Inspiration und wunderbare Hellsicht gewesen. Sie wird sich an Sprüche erinnern, die sie im angelernten Versmass vorgebracht hat, und finden, ihre Worte seien «gut gewählt» gewesen.
Die kontinuierliche Verunsicherung über das Herkommen der Orakelsprüche verschärft und objektiviert die letzte Glaubensfrage, die sich der Protagonistin so unmittelbar wie unlösbar stellt: Würde sie noch, als ultima ratio, das Orakel selbst nach der Existenz der Götter befragen, so müsste die Antwort aus ihrem eigenen Munde kommen. In solchen Paradoxa wie auch in den gelegentlich zur Stichomythie zugespitzten Disputen zwischen Ionides und Arieka inszeniert Golding den Widerspruch, den er anderweitig als die eigentliche Natur der Theologie definierte: «Natürlich widerspricht sich die Theologie, und sie muss sich widersprechen, weil sie Fragen behandelt, auf die es keine Antwort gibt und die sie doch beantworten muss; sonst wäre sie sinnlos.» Diese Aporie konkretisiert und bricht der Schluss von Goldings letztem Roman; weiter war mit menschlichem Vermögen nicht zu kommen.
Angela Schader
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