Kurzbeschreibung
Der Wolf lebt in vielen von uns! Keiner kann sich dem Mythos entziehen. Dieses Buch ist kein Sachbuch im üblichen Sinne. Elli H. Radinger fügt ein Mosaik aus Informationen, Eindrücken und Erzählungen zu einem farbigen Bild des Beutegreifers zusammen. Dabei helfen ihr u.a. bekannte Autoren wie Günther Bloch, Diane Boyd, Dr. Erich Klinghammer und Dr. Erik Zimen. Der Inhalt erzählt von Wölfen, aber in gewisser Weise auch von unserem Verhältnis zur Natur. Lassen Sie sich entführen in die faszinierende Welt der Wölfe und beantworten sie die Frage: Lebt auch ein Wolf in mir?
Der Autor über sein Buch
Seit 1991 gebe ich das Wolf Magazin heraus, die einzige deutschsprachige Fachzeitschrift über Wölfe. Immer wieder haben neue Abonnenten nach älteren Ausgaben des Heftes gefragt, die teilweise vergriffen waren. Darum habe ich 2001, zum zehnjährigen Jubiläum des Wolf Magazins, die schönsten Artikel der letzten 10 Jahre in diesem Buch zusammengefasst. So entstand eine große Vielfalt an Artikeln.
Umschlagtext
Das Wolf Magazin ist die einzige deutschsprachige Fachzeitschrift, die sich mit dem Wolf befasst. Aus Anlass des zehnten Geburtstages des Wolf Magazins haben wir in diesem Buch noch einmal die schönsten Geschichten und Artikel zusammengefasst. Lesen Sie, was Autoren wie über den scheuen Beutegreifer schreiben und lassen Sie sich entführen in die faszinierende Welt der Wölfe.
Über den Autor
Elli H. Radinger ist Wolfsexpertin und freie Fachjournalistin. Sie war Mitbegründerin der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe und 10 Jahre lang deren Vorsitzende. Sie ist Chefredakteurin des Wolf Magazins und fährt seit 1995 mehrmals im Jahr nach Yellowstone, um dort als Freiwillige im Wolfsprojekt mitzuarbeiten und die wilden Wölfen zu beobachten. Aus diesen Beobachtungen sind bereits einige Fachbücher entstanden.
Auszug aus Mit dem Wolf in uns leben von Elli H. Radinger. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Auszug aus dem Kapitel "Mit dem Wolf in uns leben":
Wenige werden abstreiten, dass, wenn es um den Fortbestand des Wolfes geht, der Einfluss menschlicher Einstellungen ausschlaggebender ist als rein wirtschaftliche Faktoren. Für die meisten Menschen war der Wolf nicht nur ein zu fürchtender Nahrungskonkurrent, sondern auch das Hauptsymbol einer ungezähmten Natur, der Wildnis, die den menschlichen Fortschritt verhindert. Von dem Wort "Wolf" überschattet werden so viele negative menschliche Assoziationen, dass das Tier selber hinter seinem Namen verschwindet. In der modernen, städtischen Gesellschaft, die schon längst ihren Kontakt zu den Tieren verloren hat, bezieht sich das Wort nur auf einen Haufen menschlicher moralischer Fehler, wie zum Beispiel unersättlicher Hunger, Lust, Gier und Betrug. Warum haben wir dieses Tier zur Fundgrube aller negativen Qualitäten gemacht? Und was bedeutet es, dass wir nun ein Interesse daran haben, den Wolf zurückzubringen? Obwohl viel des traditionellen Hasses und der Verfolgung der Wölfe mit den wirtschaftlichen Verlusten, die wir durch sie erlitten haben, in Verbindung gebracht wird, möchte ich mich auf einige der dunklen, psychologischen Untermauerungen dieser Feindschaft konzentrieren. Sicherlich ist der erste Schritt, um unsere Gefühle für Wölfe zu verbessern, eine Unterscheidung zwischen den Tieren selber und den symbolischen Fantasie-Tieren, die wir erfunden haben. Aber dies ist keine einfache Aufgabe.
Statt das Erscheinen und Verhalten von Tieren als Anpassung an ihre Umwelt zu verstehen, neigen die Menschen dazu, Tiere mit menschlichen Attributen und moralischen Qualitäten zu versehen. Wir sagen, sie sind schön oder hässlich, gut oder schlecht. Indem wir die Tiere vermenschlichen, können wir versteckte Urteile über uns selbst aussprechen. Menschen als Schweine, Ratten, Schlangen oder Wölfe zu bezeichnen, verzerrt nicht nur das Vertrauen zu diesen Tieren, sondern es ist auch ein indirekter Weg, die unangenehmen Aspekte von uns selbst zu kommentieren, ohne in den Spiegel schauen zu müssen. Der offensichtliche Mangel an moralischen Hemmungen, den wir in den Tieren sehen, macht sie zu guten Metaphern für Menschen, die kulturell definierte moralische Grenzen überschreiten...
Auszug aus dem Kapitel "Der Wolf am Fenster":
Klopf klopf klopf! Ein lautes und beständiges Klopfen schreckte uns aus dem Schlaf. Wer kam mitten in der Nacht in unsere verschneite Blockhütte in der Wildnis der Northwoods? Gary griff sich die Taschenlampe und eilte in die Küche. Dann, als er feststellte, dass das Geräusch von der Veranda kam, richtete er den Lichtstrahl auf das bis zum Boden reichende Fenster im Wohnzimmer. Als ich ihn sah, stand er wie festgefroren.
"Mein Gott, Ellen, es ist der Wolf!"
Sprachlos schauten wir auf das Gesicht, das gegen das Glas gepresst war, auf die feurigen, gelben Augen und die breite Halskrause eines erwachsenen Timberwolfes. Dieser Wolf war uns nicht fremd. Ich hatte ihn zum ersten Mal eine Woche vorher gesehen, zusammengerollt bei einem Rehkadaver auf einer Lichtung am Fuße unseres Berges.
Während der kältesten Wintermonate versorgte uns das Minnesota Department of Natural Resources mit überfahrenem Rehwild, um dies als Wildfutter zu nutzen. Wir ziehen die Kadaver mit Schlitten zu einer Lichtung, etwa 200 Meter entfernt und mit vollem Blick auf unser Haus. Es ist ein Ort, wo die wilden Tiere Nahrung finden und sich sicher fühlen können, eine Meile von der Straße entfernt und vom Superior National Forest umgeben.
Den ganzen Winter über ernähren sich hier Vögel, Füchse, Marder und Wiesel. Wölfe halten selten an, und wir sind glücklich, wenn wir sie heulen hören oder ihre Spuren finden. Obwohl dieser Teil des Staates ihre Hochburg im ganzen Land (außerhalb von Alaska) ist, sieht man sie sogar hier nicht oft. Ihre Zahlen verteilen sich spärlich über Tausende von Quadratkilometern Land. Ihre Seltenheit und scheue Art bedeuten, dass ein Blick auf einen Timberwolf sehr selten und die Gelegenheit, einen zu beobachten, ein besonderer Leckerbissen ist.
Als ich zum ersten Mal den Wolf am Rehkadaver sah, beobachtete ich ihn aufgeregt vom Wohnzimmerfenster aus und schrieb in mein Tagebuch, als er aus seinem Schlaf erwachte, seine Pfoten leckte, aufstand und sich ausstreckte:
"8. Dezember. Der Wolf ist endlich aufgestanden, und ich kann sehen, dass er ziemlich dunkel ist, sein Haupthaar grau mit schwarzen Spitzen, mit hellen Augenbrauen und Wangen und rötlichem Fell hinter den Ohren. Seine lohfarbenen Beine scheinen spindeldürr über diesen großen Pfoten. Und er hat ein Radiohalsband an. Ich wusste nicht, dass in diesem Teil des Waldes irgend jemand Wölfe studiert.
Ein Wolf verzaubert den Ort, an dem er sich befindet. Hier ist die gleiche bekannte Szene, die dunkle Kontur des Waldes, der auf den weißen Schnee der Lichtung trifft, die großen Fichten im Vordergrund und die vertikalen Linien der jungen Espen, die sich im Osten verdichten. Aber jetzt ist der Wolf da, und es gibt eine Konzentration von größter Wichtigkeit. Die eingefrorene Szene ist plötzlich mit Leben erfüllt."
Aber meine große Aufregung, ihn hier zu haben, wurde bald gedämpft. Ich schrieb:
"Dies ist ein verletzter Wolf. Er hält seine rechte Pfote hoch und humpelt. Ein paar Mal ist er im weichen Schnee auf dem Weg zwischen dem alten Kadaver am Wald und dem neuen Kadaver auf der Lichtung hingefallen. Sein Schwanz ist fest eingeklemmt, außer wenn er Raben jagt, dann hält er ihn leicht aufrecht.
Seine Bewegungen scheinen steif und unbeholfen. Er ist sehr dünn. Wenn er sich von mir weg dreht, sieht sein Körper schmaler aus als sein Kopf. Und er scheint von den Dingen nicht begeistert zu sein. Er ist schlapp, unentschlossen und unglücklich.
Als er zuerst aufwachte, betrieb er ein wenig Körperpflege, aber ansonsten blieb er liegen, entweder eng zusammengerollt, oder er beobachtete mit leicht zurückgestellten Ohren die Raben. Die Raben wurden mutiger, und er konnte es kaum aushalten, sie bei dem Rehkadaver zu sehen. Sie fielen aus den Bäumen auf das jeweilige Reh herunter, an dem er gerade nicht war, und er musste sich beeilen, um zu ihnen zu kommen und sie hoch zu scheuchen. Sie versammelten sich auf dem anderen Reh, und wieder musste er los."
"10. Dezember. Der Wolf ist immer noch bei dem Reh. Falls er es jemals verlässt, muss das wohl in der Nacht sein...
Wenige werden abstreiten, dass, wenn es um den Fortbestand des Wolfes geht, der Einfluss menschlicher Einstellungen ausschlaggebender ist als rein wirtschaftliche Faktoren. Für die meisten Menschen war der Wolf nicht nur ein zu fürchtender Nahrungskonkurrent, sondern auch das Hauptsymbol einer ungezähmten Natur, der Wildnis, die den menschlichen Fortschritt verhindert. Von dem Wort "Wolf" überschattet werden so viele negative menschliche Assoziationen, dass das Tier selber hinter seinem Namen verschwindet. In der modernen, städtischen Gesellschaft, die schon längst ihren Kontakt zu den Tieren verloren hat, bezieht sich das Wort nur auf einen Haufen menschlicher moralischer Fehler, wie zum Beispiel unersättlicher Hunger, Lust, Gier und Betrug. Warum haben wir dieses Tier zur Fundgrube aller negativen Qualitäten gemacht? Und was bedeutet es, dass wir nun ein Interesse daran haben, den Wolf zurückzubringen? Obwohl viel des traditionellen Hasses und der Verfolgung der Wölfe mit den wirtschaftlichen Verlusten, die wir durch sie erlitten haben, in Verbindung gebracht wird, möchte ich mich auf einige der dunklen, psychologischen Untermauerungen dieser Feindschaft konzentrieren. Sicherlich ist der erste Schritt, um unsere Gefühle für Wölfe zu verbessern, eine Unterscheidung zwischen den Tieren selber und den symbolischen Fantasie-Tieren, die wir erfunden haben. Aber dies ist keine einfache Aufgabe.
Statt das Erscheinen und Verhalten von Tieren als Anpassung an ihre Umwelt zu verstehen, neigen die Menschen dazu, Tiere mit menschlichen Attributen und moralischen Qualitäten zu versehen. Wir sagen, sie sind schön oder hässlich, gut oder schlecht. Indem wir die Tiere vermenschlichen, können wir versteckte Urteile über uns selbst aussprechen. Menschen als Schweine, Ratten, Schlangen oder Wölfe zu bezeichnen, verzerrt nicht nur das Vertrauen zu diesen Tieren, sondern es ist auch ein indirekter Weg, die unangenehmen Aspekte von uns selbst zu kommentieren, ohne in den Spiegel schauen zu müssen. Der offensichtliche Mangel an moralischen Hemmungen, den wir in den Tieren sehen, macht sie zu guten Metaphern für Menschen, die kulturell definierte moralische Grenzen überschreiten...
Auszug aus dem Kapitel "Der Wolf am Fenster":
Klopf klopf klopf! Ein lautes und beständiges Klopfen schreckte uns aus dem Schlaf. Wer kam mitten in der Nacht in unsere verschneite Blockhütte in der Wildnis der Northwoods? Gary griff sich die Taschenlampe und eilte in die Küche. Dann, als er feststellte, dass das Geräusch von der Veranda kam, richtete er den Lichtstrahl auf das bis zum Boden reichende Fenster im Wohnzimmer. Als ich ihn sah, stand er wie festgefroren.
"Mein Gott, Ellen, es ist der Wolf!"
Sprachlos schauten wir auf das Gesicht, das gegen das Glas gepresst war, auf die feurigen, gelben Augen und die breite Halskrause eines erwachsenen Timberwolfes. Dieser Wolf war uns nicht fremd. Ich hatte ihn zum ersten Mal eine Woche vorher gesehen, zusammengerollt bei einem Rehkadaver auf einer Lichtung am Fuße unseres Berges.
Während der kältesten Wintermonate versorgte uns das Minnesota Department of Natural Resources mit überfahrenem Rehwild, um dies als Wildfutter zu nutzen. Wir ziehen die Kadaver mit Schlitten zu einer Lichtung, etwa 200 Meter entfernt und mit vollem Blick auf unser Haus. Es ist ein Ort, wo die wilden Tiere Nahrung finden und sich sicher fühlen können, eine Meile von der Straße entfernt und vom Superior National Forest umgeben.
Den ganzen Winter über ernähren sich hier Vögel, Füchse, Marder und Wiesel. Wölfe halten selten an, und wir sind glücklich, wenn wir sie heulen hören oder ihre Spuren finden. Obwohl dieser Teil des Staates ihre Hochburg im ganzen Land (außerhalb von Alaska) ist, sieht man sie sogar hier nicht oft. Ihre Zahlen verteilen sich spärlich über Tausende von Quadratkilometern Land. Ihre Seltenheit und scheue Art bedeuten, dass ein Blick auf einen Timberwolf sehr selten und die Gelegenheit, einen zu beobachten, ein besonderer Leckerbissen ist.
Als ich zum ersten Mal den Wolf am Rehkadaver sah, beobachtete ich ihn aufgeregt vom Wohnzimmerfenster aus und schrieb in mein Tagebuch, als er aus seinem Schlaf erwachte, seine Pfoten leckte, aufstand und sich ausstreckte:
"8. Dezember. Der Wolf ist endlich aufgestanden, und ich kann sehen, dass er ziemlich dunkel ist, sein Haupthaar grau mit schwarzen Spitzen, mit hellen Augenbrauen und Wangen und rötlichem Fell hinter den Ohren. Seine lohfarbenen Beine scheinen spindeldürr über diesen großen Pfoten. Und er hat ein Radiohalsband an. Ich wusste nicht, dass in diesem Teil des Waldes irgend jemand Wölfe studiert.
Ein Wolf verzaubert den Ort, an dem er sich befindet. Hier ist die gleiche bekannte Szene, die dunkle Kontur des Waldes, der auf den weißen Schnee der Lichtung trifft, die großen Fichten im Vordergrund und die vertikalen Linien der jungen Espen, die sich im Osten verdichten. Aber jetzt ist der Wolf da, und es gibt eine Konzentration von größter Wichtigkeit. Die eingefrorene Szene ist plötzlich mit Leben erfüllt."
Aber meine große Aufregung, ihn hier zu haben, wurde bald gedämpft. Ich schrieb:
"Dies ist ein verletzter Wolf. Er hält seine rechte Pfote hoch und humpelt. Ein paar Mal ist er im weichen Schnee auf dem Weg zwischen dem alten Kadaver am Wald und dem neuen Kadaver auf der Lichtung hingefallen. Sein Schwanz ist fest eingeklemmt, außer wenn er Raben jagt, dann hält er ihn leicht aufrecht.
Seine Bewegungen scheinen steif und unbeholfen. Er ist sehr dünn. Wenn er sich von mir weg dreht, sieht sein Körper schmaler aus als sein Kopf. Und er scheint von den Dingen nicht begeistert zu sein. Er ist schlapp, unentschlossen und unglücklich.
Als er zuerst aufwachte, betrieb er ein wenig Körperpflege, aber ansonsten blieb er liegen, entweder eng zusammengerollt, oder er beobachtete mit leicht zurückgestellten Ohren die Raben. Die Raben wurden mutiger, und er konnte es kaum aushalten, sie bei dem Rehkadaver zu sehen. Sie fielen aus den Bäumen auf das jeweilige Reh herunter, an dem er gerade nicht war, und er musste sich beeilen, um zu ihnen zu kommen und sie hoch zu scheuchen. Sie versammelten sich auf dem anderen Reh, und wieder musste er los."
"10. Dezember. Der Wolf ist immer noch bei dem Reh. Falls er es jemals verlässt, muss das wohl in der Nacht sein...