Von Emma Peel zu Tara King
Der Verlust von Diana Rigg, die in ihrer unnachahmlichen Art als Emma Peel zur Ikone für feminine Smartheit und Sexiness wurde, im ersten Moment wiegt er sicherlich schwer. Alle Blicke sind von nun an auf die junge Kanadierin Linda Thorson gerichtet. Wird sie die Bürde tragen können und dem wohl brilliantesten und zugleich sympathischsten aller Geheimagenten, John Steed, eine ebenbürtige Partnerin sein?
Ich kann für meinen Teil sagen, dass mich Linda Thorson in dieser Rolle nach anfänglich großen Zweifeln mehr als überzeugt hat. Zugegeben, sie verkörpert offensichtlich einen anderen Typ Frau als Diana Rigg es tat. Die beinahe zehn Jahre jüngere Thorson mit dem perfekten Gesicht, sie ist körperlich etwas kräftiger, jedoch ähnlich schmalbrüstig gebaut. Gerade erst dem Teenageralter entwachsen, wirkt sie naiver, weniger reif und erfahren als ihre Vorgängerin. Von Folge zu Folge legt sie diese anfängliche Unvertrautheit mit ihrer Rolle jedoch ab und zeigt, dass sie über ein gehöriges Maß an Intelligenz, Witz und Elan verfügt. Ihr Verhältnis zu John Steed wird in einzelnen Kritiken als enger und stärker sexualisiert beschrieben, eine Romanze zwischen beiden scheint wahrscheinlicher als zwischen Steed und Gale bzw. Steed und Peel.
Als wirklich gelungenes Feature der Edition 3 kann auch man Thorsons' kurze Einleitungen zu einigen ausgewählten Episoden bezeichnen. Dabei fällt sofort auf, dass sie sich erstaunlich gut gehalten hat.
"Mutter"
Neu in die Serie implementiert wurde in der sechsten und letzten Staffel die Figur "Mutter" als großer Boss für das Duo King/Steed. Patrick Newell, der bereits in zwei früheren Episoden der Serie ("The Town of No Return", "Something Nasty in the Nursery") in Kurzauftritten zu sehen war, erweist sich mit seiner massigen Statur und dem lieb wirkenden, runden Gesicht als geradezu prädestiniert für die Figur des schrulligen Agentenchefs. Der an den Rollstuhl gefesselte "Mutter" hält als Kopf der Organisation alle Fäden in der Hand, und nicht nur das! Als scheinbar permanent grummeliger Boss ist ein Meister des Synchrontelefonierens, überaus erfahrener Herumkommandierer und talentierter Organisator für konspirative Treffen mit seinen Geheimagenten. Unter seiner Ägide gleicht kein Briefing dem anderen, seine Verstecke sind kreativ, sein Griff zum Spirituosenschränkchen gilt als gefürchtet. Wann immer "Mutter" auf der Bildfläche erscheint, handelt es sich dabei garantiert um eine höchst skurrile Situation, die dem Zuschauer mühelos ein Schmunzeln entlocken wird.
Kleine Anmerkung am Rande - der bereits 1988 jung verstorbene Newell ähnelt dem dänischen Schauspieler Nicolas Bro ("Adams Äpfel", "Dark Horse") geradezu frappierend.
Die besten Episoden
Als besonders gelungen empfand ich die Episoden Nr.14 "The Interrogators" (Guest star: Christopher Lee), Nr.18 "The morning after" (Guest star: Brian Blessed), Nr.20 "Wish you were here", Nr.21 "Love all" und Nr.31 "Pandora" (Guest star: Julian Glover).
Meine beiden absoluten Favoriten aber sind die Episoden Nr.22 "Stay tuned" und Nr.30 "Take-over" (Guest star: Tom Adams), die psychologisch hochdramatisch sind und John Steed wirklich alles abverlangen.
Fazit
Eine gelungene Fortsetzung der deutschen Edition! Freunde dieser legendären Agentenserie kommen voll auf ihre Kosten. Die sechste Staffel hat eine Vielzahl spannender Episoden aus der Feder einer Reihe der bekanntesten britischen TV-Autoren um Brian Clemens, Terry Nation und Philipp Levene hervorgebracht. Dabei liefern die drei Hauptakteure Macnee, Thorson und Newell, wie auch ihre traditionell hochkarätig besetzten Nebenrollen, ein ums andere Mal erstklassige schauspielerische Leistungen ab.
In deutscher Synchronisation wie im englischen Originalton gleichermaßen empfehlenswert, prima Bildqualität. Angemessene optische Aufmachung des Sets, gutes Booklet, allein das Bonusmaterial hätte aus Sicht eines "Die-hard-Fans" vielleicht noch ein klein wenig üppiger ausfallen können.