Adrian Geiges war fast 10 Jahre lang für verschiedene Magazine und Sender in China tätig und gilt als ausgewiesener Kenner des Landes. Er ist ganz sicher die treibende Kraft hinter "Mit Konfuzius zur Weltmacht" (wenn auch nur als Zweitautor genannt), denn Stefan Aust ist bisher weniger als profunder China-Experte aufgefallen.
Das Buch lebt von den hervorragend recherchierten Details, die einen guten Überblick über den Staatskapitalismus chinesischer Prägung geben. Viele Entwicklungen in China lassen sich in der Tat mit der konfuzianischen Weltanschauung erklären, die selbst die Kulturrevolution nicht ganz verschüttet hat. Allerdings ist die Behandlung der Themen sehr zielgerichtet, manchmal regelrecht selektiv, und ich habe sehr bald den Eindruck gewonnen, dass chinakritische Aspekte nicht ausreichend beleuchtet werden. Die Darstellung ist teilweise so zum Positiven verzerrt, dass man kaum noch von Zufall sprechen kann.
Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass die Entwicklung Chinas in den letzten Jahrzehnten zu den großen Leistungen der Menschheit zählt. Niemals zuvor wurden so viele Menschen aus der Armut geholt, niemals zuvor hat ein Land eine so rasante Entwicklung durchgemacht. Aber niemals zuvor haben eine Gesellschaft und die Umwelt dafür einen so hohen Preis bezahlt. Chinas Überleben hängt davon ab, dass dieses Tempo beibehalten wird, denn sobald der Lebensstandard der Mittelschicht wieder sinken sollte, ist mit schweren Unruhen zu rechnen. Schon jetzt wagt die Bevölkerung Widerspruch und wehrt sich gegen Korruption und Unterdrückung. 80 000 kleine und größere Aufstände registrierte die Zentralregierung in 2010. Kaum ein Wort dazu in "Mit Konfuzius zur Weltmacht". Stattdessen erfahren wir, dass Chinas Devisenreserven ausreichen, um die Staatsschulden der Bundesrepublik auf einen Schlag zu tilgen. Dass China eine weltweite Großoffensive zur Imagepflege mit seinen Konfuzius-Instituten gestartet hat, dass Chinesen fleißiger und weniger aufmüpfig sind als Europäer und Amerikaner, dass in China Millionenstädte oder Megastaudämme aus dem Boden gestampft werden, wo bei uns nicht einmal eine Genehmigung für einen Bahnhof zustandekommt, dass China sich die Ressourcen der Schurkenstaaten sichert, während wir UNO-Resolutionen planen. Das stimmt alles, aber es ist nur eine Seite der Medaille und die Autoren machen es sich bei weitem zu leicht, indem sie diese Entwicklungen einfach in die Zukunft fortschreiben.
Mark Twain hat schon gesagt: "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Und genauso verhält es sich mit China. Die geradezu blinde Gläubigkeit der Autoren an das chinesische 21. Jahrhundert ist manchmal fast naiv. Natürlich ist Chinas Weg beeindruckend, aber gerade von einem Menschen, der fast 10 Jahre dort gelebt hat, kann man erwarten, dass er ein wenig mehr hinter die Fassade blickt. Und in China ist eine Menge Fassade. Das fängt bei den gigantomanischen, spekulationsgetriebenen Immobilienprojekten an, die zum großen Teil leerstehen (Chinas Devisen werden nicht ausreichen, um diese Blase aufzufangen). Die fehlende Rechtsstaatlichkeit, die nicht nur Ausländern das Leben schwer macht (Diebstahl geistigen Eigentums ist ein entscheidender Motor der chinesischen Wirtschaft). Die Korruption und Misswirtschaft, vor allem in den Provinzen. Die gigantischen Umweltschäden. Aust und Geiges marginalisieren das als "Kinderkrankheiten" eines sich entwickelnden Staates. Das habe es in Amerika im 19. Jahrhundert auch gegeben und das 20. war dann doch das amerikanische Jahrhundert. Aber alle diese Missstände widersprechen auch fundamental den konfuzianischen Lebensregeln. Spätestens hier entlarvt sich der Staatskonfuzianismus dann als reines Lippenbekenntnis, das lediglich dazu dient, Widerstände zu brechen und ein gehorsames Volk zu erziehen.
Vielleicht entsteht der verzerrte Eindruck auch deshalb, weil das Buch im Wesentlichen aus aufgearbeiteten Reportagen der letzten 10 Jahre besteht, wodurch kein klarer Aufbau erkennbar wird. Es fehlt ein bisschen der rote Faden. Die Kapitel sind eingängig geschrieben (die Autoren verstehen ihr Handwerk!) und hoch informativ, ich habe das Buch trotzdem gerne gelesen, aber es beleuchtet die Probleme meiner Meinung nach leider nicht ausreichend von allen Seiten.
Es kann sein, dass das 21. Jahrhundert das chinesische wird. So sicher wie Aust und Geiges es sind, wäre ich mir da bei Weitem nicht.