E.Wellendorf stellt ihre sehr einfühlsame Begleitung der damals vor ca. 15 Jahren noch weniger erprobten medizinischen Technik, der Organtransplantation vor. Es wäre wunderbar, wenn diese Art der Begleitung auch heute stattfinden oder sogar ausgebaut würde. Leider ist dem offensichtlich nicht so üblich. Zumindest sind unsere Erfahrungen mit einer Lungentransplantation extrem und grausam anders. Ich hätte mich als Angehöriger gefreut, eine Frau Wellendorf als Begleitung über ein Jahr Wartezeit in der Klinik bzw. postoperative Dramatik zu haben.
Manchmal besteht beim Lesen tatsächlich der Eindruck, dass die Transplantation von ihr etwas zu zweifelnd gesehen wird. Aber andererseits wird damit das Ringen deutlich, dass sich denke ich wenige wirklich ersparen können, die sich dem Thema nähern.
Zumindest ist die in Kliniken geübte Art, den Organaustausch als Ersatzteilbeschaffung zu sehen wie sie derzeit praktiziert wird übel für alle Betroffenen. Eine Begleitung der Zeit vor und nach der Transplantation die auf die speziellen Fragen, Ängste und Wünsche des Patienten eingeht fehlt und damit geht eine Entwertung der Bedürfnisse einher, die es schwer bis manchmal unmöglich macht, diese hochkritische Zeit zu überstehen. Daran ändert nichts, dass jeder Beteiligte weiß, dass die Psyche eine Rolle spielt. Denn wenn dem nicht auch Rechnung getragen wird ist es ein hohles Wissen. Und die Entwertung der Bedürfnisse führt zu einer Entwertung der eigenen Person - letztlich.
E. Wellendorf beschreibt auch ihre Probleme als Psychotherapeutin gegenüber den weißen Göttern zu bestehen. Es wird deutlich, dass die Berücksichtigung seelischer Bedingungen auch mit dafür verantwortlich ist, ob der Patient gesundet oder nicht. Aber auch, dass das gerne ignoriert wird.
Zudem gibt sie einen weiten Blick auf die vielen Möglichkeiten - bedingt durch die Verschiedenartigkeiten des Menschseins - sich der Transplantation zu nähern und sie zu betrachten.
Mag sein, dass sie beim Schreiben des Buches ihre eigenen Probleme mit der Thematik verdaut. Sie gibt es anfänglich der ersten Begleitung einer Herz-Lungen-Transplantation klar und offen zu, dass ihr das Thema fremd ist und sie damit auch Probleme hat. Sie fragt den Patienten, ob er trotzdem sie als Begleiterin will: und er will.
Dass ein Mensch sich derart mit diesen Themen auseinandersetzt und dabei mit seinen Einstellungen und Gefühlen völlig außen vor bleibt halte ich auch für unmöglich.
Mir zeigt die Art, dass sie als Mensch präsent ist und authentisch. Ich kenne auch Seelenklempner, die innerlich mehr bei der Uhr und ihrem noch nicht abgezahlten Haus sind. Das ist zwar auch menschlich, aber nicht so hilfreich wie ein Engagement, dass sich offen mit allen eigenen Problemen einbringt und das auch artikuliert.
Mir hat das Buch viel gegeben. Es gibt Menschen, die sich nicht so sehr mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen auch wenn sie selber in der Situation sind. Mich persönlich wundert das eher - es sei denn, es sind sehr junge Menschen oder Menschen, die (speziell nach jahrelangen Klinikaufenthalten) gelernt haben, dass ihre seelischen Regungen keinen interessieren.
E. Wellendorf zeigt die Möglichkeit auf, mit Mal- und Gesprächstechniken viele eigene Fragen erst sichtbar zu machen und sich dadurch von ihrem Druck zu erlösen, der sonst unbewußt beherrschend wirkt.
Beeindruckend und traurig wegen dem darin liegenden Wahrheitsgehalt ist ihre Aufstellung der Möglichkeiten, die der Satz "ich will nicht" beinhaltet. Er muss nämlich nicht nur heißen, dass der Patient nicht will, sondern es kann auch bedeuten, dass er nur jetzt nicht will. Oder dass er keinen Mut mehr hat zu wollen. Oder dass er nicht immer nur das Gefühl haben will, nur wollen zu müssen wenn andere können - also total ohnmächtig zu sein. Oder aber, dass derjenige mit dem anderen nicht kann, weswegen das Thema nicht unbedingt grundsätzlich für ihn erledigt sein muss. In der Praxis wird das nicht so gewertet und im Grunde wird mit dieser Art, die Patienten Worte auch in schwierigen Situationen für absolut zu nehmen der Patient selber oft im Stich gelassen. Denn der reagiert auf Dauer sehr auf die Erwartungen - ist er doch dem Klinikbetrieb ausgeliefert, hat wenig Intimsphäre, muss immer damit rechnen, dass in seinen Wohnbereich eingebrochen wird oder auch in seinen Körper, ist ungeheuer fremdbestimmt. Wenn die Schwestern oder Ärzte sich belästigt fühlen durch seine Bedürfnisse schraubt er sie eben aufs absolute Minimum runter. Oftmals unbewußt - vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Immerhin ist er dem Personal und auch oft dessen Zuwendung ausgeliefert.
Ich wünsche mir mehr Bücher wie das von Elisabeth Wellendorf über Transplantation.