Normalerweise bin ich skeptisch, wenn ein Thema gerade "in" ist, die Autorin ganz oben in der theologisch-literarischen Hitparade mitsingt, und dabei ein Hit den anderen jagt. Aber Frau Käßmann hat es geschafft, ein allgemeinverständliches Buch über die sehr vielschichtigen Formen der Spiritualität zu schreiben. Dabei fußt Frau Käßmanns Gedankengebäude wirklich auf den tragenden Säulen des evangelischen Glaubens wie der Bibel, dem Gottesdienst, dem Gebet und dem Gesang. Da man Spiritualität eingentlich nur (er)leben kann, statt über sie zu reden, ist es sehr hilfreich, dass Frau Käßmann am Ende jedes Kapitels geradezu niederschwellige Tipps zum Ausprobieren und Angewöhnen gibt. Meine Kritikpunkte oder Rückfragen sind eher klein. Lehrreich fand ich das Zitat aus dem Augsburger Bekenntnis 21, wonach auch in der evangelischen Kirche durchaus der Heiligen gedacht werden kann, solange man sie nicht an Stelle Christi anbetet oder als Fürsprecher für sich vor Gott einsetzt. Bei den gelebten Beispielen habe ich mich dennoch gefragt, warum sie genau Elisabeth von Thüringen ausgesucht hat, obwohl sie Elisabeths schon beinahe pathologische Selbstlosigkeit durchaus kritisch sieht. Gibt es nicht weniger ambivalente Vorbilder der Diakonie, auch unter den Frauen? Das steile Zitat von Dorothee Sölle, Gott bedürfe selbst der Erlösung, ist ohne Erläuterung ihrer Theologie kaum nachvollziehbar. Hilfreicher wäre mir eine ausführlichere, dann verständliche Darstellung des Zitatzusammenhanges gewesen, oder gar kein Zitat. Ein Literaturverzeichnis mit vertiefenden Angeboten hätte ich gern zu jedem Kapitelchen gesehen. In einigen Fällen aber gibt es im Text selbst gute weiterführende Literaturhinweise. Summa summarum aber ist das Buch ein Volltreffer. Spiritualität ist das, was gut tut, und sowohl den Einzelnen als auch der Kirche Not tut.