Corrie ten Boom (1892-1983) war eine außergewöhnliche Frau mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Ihr Vater betrieb ein Uhrmachergeschäft in Haarlem. Beruflich trat sie in seine Fußstapfen, als sie nach der Ausbildung als erste Frau der Niederlande ein Uhrmacher-Diplom erhielt. Die große Familie Corries war durch eine lebendige christliche Frömmigkeit geprägt. Diese Harmonie fand mit dem Einbruch des Nationalsozialismus 1940 ein jähes Ende. Die Judenverfolgung setzte auch in den Niederlanden ein. Die Familie baute ein Untergrund-Netzwerk von Unterstützern auf. Zahlreiche Juden konnten so versteckt und gerettet werden.
Die ten Booms selbst wurden jedoch denunziert. Dies bedeutete Deportation für die in ihrem Haus versteckten Juden und ebenso für die gesamte Familie. Den Vater und anderen Familiengliedern kostete dies schon bald danach das Leben. Corrie und ihre Schwester Betsie kamen ins KZ Ravensbrück.
Corrie ten Boom verschweigt in ihren Schilderungen der Zeit im KZ nicht, dass streckenweise alles andere als heilige Gefühle in ihr hochkamen. Die Vielzahl der Widrigkeiten wurden ihr zuweilen unerträglich, die abgrundtiefe Unmenschlichkeit ihrer Bewacherinnen ließ Rachephantasien aufkommen. Zur Korrektur wurde ihr nicht zuletzt immer wieder ihre Schwester. Diese reagierte mit einer Klarheit und überwältigend positiven Kraft auf die Ereignisse, die Corrie ebenso immer wieder mitriss, wie alle anderen um sie herum. Einer Wärterin schossen die Tränen in die Augen, als Betsie diese nach endlosen Schikanen immer noch freundlich - fast wie mit Mitgefühl - behandelte. Und Corrie beschreibt den Moment, als ihre Schwester beiläufig aber mit großer Entschlossenheit sagte: Wenn dies alles vorbei ist, müssen wir uns um sie kümmern. Sie wollte eine Einrichtung, die menschliche und seelsorgerliche Unterstützung bot - für die Opfer, wie Corrie meinte - bis ihr klar wurde, dass Betsie in diesem Fall an die Täter dachte.
Die beiden Schwestern wurden zu einem Anlaufpunkt für viele Mitgefangene, eine Oase inmitten dieser menschengemachten Vorhölle. Wie durch ein Wunder war es ihnen gelungen, eine Bibel mit in das Lager zu schmuggeln und sie sich dort auch trotz aller Razzien zu erhalten. Die gemeinsam von ihnen initiierten Bibelstunden erhielten immer mehr Zulauf und mussten doch geheim gehalten werden.
Betsie ten Boom überlebte das Lager nicht. Doch wie ihr ganzes Leben so war auch ihr Sterben ein einziges Zeugnis. Die Frauen, die sie begleiteten, berichteten tief bewegt bis irritiert von dem Maß an Glanz und Frieden, das diese Frau auf ihrem Sterbebett umgab.
Corrie hingegen überlebte und wurde eine der wirkungsvollsten Verkünderinnen der Guten Nachricht in der Nachkriegszeit. Sie baute Reha-Zentren für die Opfer des Nationalsozialismus auf. Ein zentrales Thema war für sie jedoch auch die Vergebung gegenüber den Tätern. Ihr selbst blieb die Begegnung mit Männern, die direkt oder indirekt mit dem Tod ihrer Familie zu tun hatten, nach dem Krieg nicht erspart. Corrie beschrieb immer wieder sehr ehrlich, dass ihr das Vergeben alles andere als leicht fiel - mehr noch: sie musste einsehen, dass sie es nicht konnte. Doch gerade im Eingeständnis ihrer Unfähigkeit lag Gottes Gelegenheit. In Seiner Kraft konnte sie vergeben und es kam zu Begegnungen, die Menschen dauerhaft und nachhaltig veränderten.
Im hier besprochenen Buch lädt Corrie ten Boom in verschiedenen Texten mit viel seelsorgerlichem Feingefühl, menschlicher Weisheit und immer wieder unter Einbezug des Erfahrungsschatzes ihres Lebens dazu ein mit dem Gott ganze Sache zu machen, der sie nie im Stich gelassen hatte. Im Rückblick beschreibt sie die Zeit in der Gefangenschaft so: "Das Leben in Ravensbrück spielte sich auf zwei getrennten, einander ausschließenden Ebenen ab. Die eine, das sichtbare äußere Leben, wurde Tag für Tag furchtbarer. Die andere, das Leben, das wir mit Gott lebten, wurde täglich beglückender, Wahrheit um Wahrheit, Lichtglanz um Lichtglanz."
Sehr empfehlenswert ist auch Corrie ten Booms Autobiografie Die Zuflucht" sowie die Verfilmung derselben (deutsche Version mit gleichem Titel).
Von der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem wurde Corrie ten Boom mit dem Ehrentitel Gerechter unter den Völkern" geehrt. Die Königin der Niederlande schlug sie zum Ritter. Das Haus der Familie ten Boom ist heute ein Museum.